Stell Dir eine ganz normale Schule vor, gleicher Lehrplan, gleiche Lehrer, gleiches Gebäude. Aber vier Stunden in der Woche passiert etwas anderes. Die Kinder schließen die Bücher, gehen raus aus dem Klassenzimmer, treffen sich in Gruppen, suchen sich ein Thema, das die Welt gerade braucht, und arbeiten daran. Vier echte Stunden. Über Monate. Ohne Noten. Mit der Frage im Kopf: Was kann ich heute hier in meinem Ort verändern, das morgen nicht mehr so weh tut wie gestern?
Genau das ist der FREI DAY. Ein Lernformat, das die Bildungspionierin Margret Rasfeld gemeinsam mit Schule im Aufbruch entwickelt hat und das mittlerweile an hunderten Schulen im deutschsprachigen Raum läuft. Ich halte das für einen der wirkungsvollsten Hebel, den wir gerade haben, um Schule lebendig zu machen, ohne den ganzen Apparat über Nacht umzubauen. Vier Stunden reichen, wenn sie ehrlich sind.
Warum vier Stunden mehr verändern als jeder neue Lehrplan
Schulpflichtreformen, Bildungsstandards, kompetenzorientierte Lehrpläne. Seit Jahrzehnten wird am alten System gefeilt, und das Ergebnis ist immer dasselbe. Kinder kommen mit voller Energie in den ersten Schultag und gehen acht Jahre später mit einer leisen Frage hinaus: Wofür eigentlich das alles? Margret Rasfeld nennt das eine Schulung in Ohnmacht. Frontalunterricht, Stoff, Test, Note, nächster Stoff. Die Wirkung auf die Lernfreude ist messbar und sie zeigt nach unten.
Das alte System lässt sich nicht durch eine bessere Variante seiner selbst retten. Was Schule jetzt braucht, ist nicht ein anderes Fach, sondern ein anderer Modus. Ein Raum, in dem Kinder einmal pro Woche selbst denken dürfen und das, was sie denken, direkt mit der Welt verbinden können. Genau dort setzt der FREI DAY an. Er reißt vier Stunden aus dem Stundenplan heraus und füllt sie mit echter Verantwortung statt mit Aufgaben. Das verändert in einem Halbjahr mehr als zehn Konzeptpapiere.
Wusstest Du?
Die Schulpsychologen aus den Pilotschulen empfehlen den FREI DAY ausdrücklich als Resilienzformat. Grund: Er aktiviert genau die drei Faktoren, die Resilienz wirklich stärken. Partizipation, Wirksamkeit und Sinn. Das sind nicht meine Worte, das ist die Standarddefinition aus der psychologischen Resilienzforschung. Vier Stunden pro Woche an einer ehrlichen eigenen Aufgabe ersetzen kein Anti-Stress-Programm, aber sie verändern etwas Tieferes als jedes Programm es könnte.
Was ein FREI DAY konkret ist
Der FREI DAY ist kein Wahlpflichtfach und kein Projekttag. Er ist ein fester Block im Stundenplan, vier Zeitstunden pro Woche, am liebsten am Freitag. In dieser Zeit arbeiten die Kinder in selbstgewählten Gruppen, oft jahrgangsübergreifend, an einem Thema aus den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen. Umweltschutz, Tierwohl, Demokratie, Inklusion, Ernährung, Sucht, faire Lieferketten, Plastikvermeidung. Welches Thema die Gruppe wählt, entscheidet die Gruppe, nicht der Lehrer und nicht der Lehrplan.
Der Lernweg pro Gruppe besteht aus drei Ebenen, die zusammen die Erfahrung erzeugen, die der frontale Unterricht systematisch verhindert.
1. Selbstständig Wissen aneignen
Die Kinder erschließen sich ihr Thema selbst. Sie lesen, recherchieren, schauen Dokus, interviewen, vergleichen Quellen. Es gibt für nahezu jedes Nachhaltigkeitsthema mittlerweile hervorragendes deutschsprachiges Lernmaterial, von der Grundschule bis zur Oberstufe. Die Lehrkraft ist nicht mehr der Inhaltsverwalter, sondern der Lerncoach, der hilft, gute Quellen von schlechten zu unterscheiden, und der die Frage stellt: Was weißt Du jetzt, was Du letzte Woche noch nicht wusstest?
2. Ins Handeln gehen
Hier kippt der FREI DAY aus der Schule heraus. Sobald die Gruppe genug weiß, sucht sie eine konkrete Wirkungsstelle. Bäume pflanzen, Schulhof entsiegeln, Lesepatenschaft in einer Grundschule übernehmen, Repair-Café organisieren, Solartisch bauen, mit dem Bürgermeister sprechen, eine Demo anmelden, ein Erklärvideo drehen. Die Kinder werden zu Akteuren in ihrem Ort. Aus Lernen über Umweltschutz wird Handeln für die eigene Umgebung. Aus Lernen über Demokratie wird ein Schülerparlament, das tatsächlich entscheidet. Vergleichbare Erfahrungen finden sich an der Mosaikschule Eitorf mit ihrem Schülerparlament, wo Verantwortungsübernahme zum Schulkern gehört.
3. Wirkung reflektieren
Jede Gruppe dokumentiert ihren Weg, präsentiert regelmäßig vor den anderen, hört Feedback und überarbeitet. Es gibt keine Ziffernoten am Ende, weil die Note die Wirklichkeit ersetzen würde. Stattdessen wird die Wirkung selbst zum Maßstab. Hat sich etwas geändert? Hat sich nichts geändert? Warum? Das ist Metakompetenz im Reinformat. Reflexion, Selbsteinschätzung, Verantwortung für das eigene Lernen. Kompetenzen, die sich kein Multiple-Choice-Test erschließt.

Was Schulen tatsächlich verändert, wenn der FREI DAY läuft
Drei Effekte zeigen sich überall, wo Schulen das Format ehrlich umsetzen. Sie sind weder spektakulär noch garantiert, aber sie wiederholen sich.
Erstens: Die Kinder reden in der Schule plötzlich mit einer Stimme, die sie sonst nur außerhalb der Schule haben. Sie argumentieren, sie streiten, sie planen, sie hören zu. Margret Rasfeld erzählt von einer Schülerin, die nach drei Monaten FREI DAY der Mutter sagt: „Mama, in der Schule darf ich jetzt selber denken.“ Dieser eine Satz ist nicht klein. Er beschreibt das, was zwölf Schuljahre lang systematisch abgewöhnt wird.
Zweitens: Die Lehrkräfte wechseln den Modus. Sie sind nicht mehr Inhaltslieferanten, sondern Begleiter. Wer das einmal sechs Monate lang in einer Klasse erlebt hat, findet schwer zurück in den klassischen Frontal-Modus. Das ist nebenbei einer der stärksten Faktoren gegen den Burnout im Lehrerberuf, der gerade die Bildungslandschaft auffrisst.
Drittens: Die Schule wird zu einem Ort, an dem die Welt vorkommt. Bisher hatte die Schule die Welt durch Schulbücher gefiltert. Im FREI DAY kommt die Welt im Original vor, mit ihrem Müll, ihrer Ungerechtigkeit, ihrem Wahnsinn und ihren Lösungsmöglichkeiten. Das öffnet auch Wege zu echten Demokratieerfahrungen, wie sie auch in demokratischen Schulen wie der Kapriole seit Jahrzehnten Schulkultur sind.
Beschämung, Ohnmacht und der Hebel des FREI DAY
Ein Detail, das ich am FREI DAY besonders stark finde, ist sein psychologischer Effekt auf das, was Margret Rasfeld den größten Innovationshemmer der Schule nennt: Beschämung. Etwa ein Drittel der täglichen Interaktionen in der Schule ist nach ihrer Beobachtung verletzend oder beschämend, oft ohne böse Absicht. Schimpfen, bloßstellen, Vergleichen, „Das müsstest Du doch wissen“. Wer in einer beschämenden Umgebung aufwächst, lernt schnell, sich nicht mehr zu zeigen. Das ist eine sehr alte Schutzreaktion und gleichzeitig der Tod jedes Lernens.
Der FREI DAY ist von seiner Architektur her nicht beschämungsfähig. Es gibt keine Noten, kein Vergleichsraster, keine richtige Antwort. Es gibt nur den eigenen Weg, die eigene Gruppe und die Wirkung in der Welt. Diese Struktur erlaubt es Kindern wieder, etwas zu wagen, ohne sich für einen Fehler verachten zu müssen. Genau das ist die Bedingung dafür, dass Lernen überhaupt stattfinden kann. Aktives Anstrengen, ohne Angst vor Bloßstellung, ist gehirnphysiologisch der Modus, in dem Lerninhalte stabil verankert werden. Das alte System verhindert genau das.

Impuls für morgen
Stell Dir vor, in Deiner eigenen Lern-, Arbeits- oder Familienwoche gäbe es vier Stunden, die genauso funktionieren wie der FREI DAY. Keine Erledigung von außen, kein Kalender, keine Bewertung. Nur Du, ein Thema, das die Welt von Dir gebrauchen könnte, und eine konkrete Handlung. Was wäre Dein Thema? Wo könnte die erste Stunde sitzen? Und was wäre der erste Schritt, den Du noch diese Woche tun würdest? Manchmal beginnt die größte Veränderung der Schule mit einem Erwachsenen, der vorlebt, wie ein FREI DAY für ihn selbst aussehen könnte.
Wie Du einen FREI DAY (oder seine kleine Schwester) startest
Es gibt zwei Wege. Den großen, formellen Weg über die Schulleitung und die Bildungsbehörde, und den kleinen, persönlichen Weg, den jeder Lehrer und jede Mutter, jeder Vater, jeder Coach und jeder Mensch ohne Schulamt sofort starten kann. Beide funktionieren.
- Lies das Originalbuch. Der „FREI DAY“ von Margret Rasfeld erklärt jeden Schritt, jede Stolperstelle, jede typische Frage aus der Schulleitung. Es ist kein theoretisches Buch, es ist eine Bauanleitung mit echten Schulbeispielen. Ohne dieses Buch fehlt Dir der Werkzeugkasten.
- Suche Mitstreiter im Kollegium. Eine Person allein hält das nicht. Zwei reichen. Drei sind besser. Sucht Euch eine Schulleitung, die mindestens nicht im Weg steht.
- Beginne klein. Statt sofort den ganzen Stundenplan umzukrempeln, startet mit einer Klasse und einem Halbjahr. Nehmt eine Doppelstunde und einen Nachmittag pro Woche. Vier Stunden, klar abgegrenzt.
- Lass die Kinder die Themen wählen. Das ist kein didaktischer Trick, das ist die ganze Methode. Wer das Thema vorgibt, hat keinen FREI DAY mehr, sondern einen verkleideten Projekttag.
- Macht Eltern und Stadtgesellschaft zu Verbündeten. Eltern mit Expertise im Handwerk, in der Verwaltung, in der Pflege, im Umweltschutz sind unbezahlbar. Initiativen vor Ort warten genau auf solche Gruppen.
- Dokumentiere. Für die Kinder ein einfaches Lernlogbuch, für die Schule eine sichtbare Wand mit Projekten, für die Schulaufsicht ein kurzer Halbjahresbericht. Sichtbarkeit ist die beste Versicherung.
- Reflektiert öffentlich. Einmal im Halbjahr ein „FREI-DAY-Fest“, bei dem die Gruppen ihre Wirkung zeigen, eingeladen sind Eltern, andere Klassen, die Stadt. Genau dieser Auftritt ersetzt die Note.
- Wenn Du Eltern bist oder unterrichtest und Deine Schule mitnichten mitziehen will: Mach den FREI DAY zu Hause, im Sportverein, in der Pfadfindergruppe oder in der freien Lerngruppe. Vier Stunden Verantwortung pro Woche, freiwillig, mit echten Folgen. Das Format gehört keiner Institution.
Wer den Weg über die Bildungsbehörde nicht gehen will, kann sich auch von alternativen Schulsystemen wie Wutöschingen oder Pottenbrunn Ideen holen. Dort gehört eigenverantwortliches Lernen längst zur DNA.
Das Wichtigste in Kürze
- Der FREI DAY ist ein fester wöchentlicher Block von vier Stunden im Stundenplan, in dem Kinder selbstgewählte Themen aus den UN-Nachhaltigkeitszielen bearbeiten und in der Welt umsetzen.
- Drei Lernebenen pro Gruppe: Wissen aneignen, ins Handeln gehen, Wirkung reflektieren. Keine Noten.
- Das Format aktiviert die drei wirksamsten Resilienzfaktoren: Partizipation, Wirksamkeit, Sinn.
- Schule wird vom Stoffvermittlungsort zur Werkstatt für die eigene Mitwelt. Kinder werden zu Akteuren statt zu Konsumenten.
- Beschämung als größter Innovationshemmer der Schule wird im FREI DAY strukturell ausgeschlossen, weil Note und Vergleich fehlen.
- Du kannst klein starten, sogar ohne Schulleitung. Ein FREI DAY als außerschulisches Format funktioniert genauso wie der offizielle.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen FREI DAY und einem klassischen Projekttag?
Der Projekttag ist ein Ausnahmeformat, einmal im Halbjahr, oft mit fest vorgegebenem Thema und schneller Präsentation am Ende. Der FREI DAY ist ein Dauerformat, vier Stunden jede Woche über Monate. Die Themen wählen die Kinder, die Wirkung ist real und außerhalb der Schule sichtbar. Das verändert die Schulkultur, ein Projekttag dekoriert sie.
Müssen Eltern Angst um die Noten in den anderen Fächern haben?
Die Erfahrungen aus den Pilotschulen zeigen das Gegenteil. Kinder, die sich vier Stunden pro Woche als handlungsfähig erleben, kommen mit mehr Eigenmotivation und Konzentration in die anderen Fächer zurück. Auch Hattie hat in seiner Meta-Analyse gezeigt, dass Selbstwirksamkeit zu den wirksamsten Lernfaktoren überhaupt gehört, deutlich vor Methoden und Klassengröße. Wer sich selbst etwas zutraut, lernt auch Mathematik besser.
Ist der FREI DAY rechtlich überhaupt erlaubt?
Ja. In Deutschland und Österreich ist die Schulautonomie ausreichend, um vier Stunden pro Woche für selbstorganisiertes Lernen einzurichten. Es braucht den Beschluss der Schulkonferenz und in manchen Bundesländern eine kurze Anzeige bei der Schulaufsicht. Konkrete Vorlagen dafür liefert das offizielle Schule-im-Aufbruch-Netzwerk. Die meisten Schulen, die starten, berichten von erstaunlich wenig Widerstand der Behörde, wenn die Dokumentation sauber ist.
Und was, wenn meine Schule den FREI DAY nie einführt?
Dann starte ihn als außerschulisches Format. Lerngruppen in Vereinen, Religionsgemeinschaften, Pfadfindern oder als Eltern-Initiative funktionieren genauso. Vier Stunden Verantwortung pro Woche sind kein institutionelles Privileg. Sie sind eine Haltung, die jedem Menschen zugänglich ist, der sie ernst meint. Auch Homeschooling-Modelle im deutschsprachigen Raum integrieren solche Wirkungsformate seit Jahren erfolgreich.
Welches Schulkonzept passt besonders gut zum FREI DAY?
Konzepte, in denen Kinder ohnehin schon Verantwortung übernehmen, finden den FREI DAY leichter. Die Evangelische Schule Berlin Zentrum hat das Format mit entwickelt, die Alemannenschule Wutöschingen integriert es als Teil ihres Lernbüro-Konzepts, die Summerhill-Schule lebt das Prinzip seit fast 100 Jahren. Aber auch klassische Regelschulen können das Format mit Erfolg einführen, das war von Anfang an die Idee.
Glossar
- BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung): UNESCO-Programm, das Schulen zu Orten machen will, in denen Kinder lernen, ihre Welt aktiv und nachhaltig zu gestalten.
- 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs): 2015 von der UN einstimmig verabschiedete globale Ziele für eine lebenswerte Zukunft, von Umweltschutz bis Gleichberechtigung.
- Resilienz: Psychische Widerstandskraft. Drei stärkste Faktoren laut Resilienzforschung: Partizipation, Wirksamkeit, Sinn.
- Schule im Aufbruch: Bildungsinitiative, gegründet 2012 von Margret Rasfeld, Stephan Breidenbach und Gerald Hüther. Vernetzt Schulen, die eine andere Lernkultur leben.
Quelle
- Rasfeld, M. (2021). FREI DAY: Die Welt verändern lernen! Für eine Schule im Aufbruch. oekom Verlag.
- Rasfeld, M., & Breidenbach, S. (2014). Schulen im Aufbruch: Eine Anstiftung. Kösel-Verlag.
- Schulte-Markwort, M. (2015). Burnout-Kids: Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert. Pattloch Verlag.
- Zierer, K. (2023). Hattie für gestresste Lehrer 2.0: Kernbotschaften aus „Visible Learning“ mit über 2100 Meta-Analysen. Schneider Verlag
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Autor: Marian Zefferer, MSc.
Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.

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