Sketchnote: Theaterbühne mit Kindern und Feuerfackel im Schulhof, im Hintergrund Klassenraum mit Büchern

Stell Dir vor, Du liest im Amtsblatt eine Stellenanzeige und weißt sofort: Die ist an Dich gerichtet. So beschreibt der Bildungs-Journalist Reinhard Kahl den Moment, in dem Enja Riegel 1983 auf die Ausschreibung zur Schulleitung der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden gestoßen ist. Der Schulrat wollte sie eigentlich verhindern. Er soll sie hausintern die „rote Enja vom Friedhof“ genannt haben und setzte sie auf Platz zwei der Liste. Es half nichts. Riegel wurde Schulleiterin. Und drei Jahre später, 1986, machte sie aus dem alten Wiesbadener Mädchengymnasium eine integrierte Gesamtschule mit reformpädagogischem Profil, die knapp zwei Jahrzehnte später beim PISA-Test als beste deutsche Schule abschneiden sollte.<br><br>

Ich, Marian Zefferer, halte die Helene-Lange-Schule für eine der wichtigsten Adressen im deutschsprachigen Bildungsraum, weil sie eine Frage beantwortet, die viele Reformdebatten offen lassen: Kann eine öffentliche, staatliche, sozial gemischte Schule Spitzenleistungen bringen, ohne die Kinder vorher zu sortieren? Die HLS hat das über Jahre bewiesen. Und sie hat es nicht mit einem Wundermittel geschafft, sondern mit einer Haltung, die Riegel in einem einzigen Satz gebündelt hat:

Wir sind gut zu den Kindern, weil wir viel von ihnen erwarten.

– Enja Riegel

Die Grundhaltung: Kinder sind Talente, keine Defizit-Systeme

Enja Riegels berühmter Kernsatz lautet: „Kinder sind Talente, keine Defizit-Systeme.“ Das ist mehr als ein warmes Zitat für die Lehrerzimmer-Wand. Es ist eine Umkehrung des Blicks. Die alltägliche pädagogische Kommunikation (Zeugnisse, Klassenarbeiten, Elterngespräche) kreist normalerweise um das, was ein Kind noch nicht kann. Riegels Schule dreht die Perspektive: Was können wir aus dem Kind herausholen, wenn wir davon ausgehen, dass etwas Wertvolles bereits drinsteckt?

Diese Haltung klingt harmlos und ist es nicht. Ich habe in über zwölf Jahren Coaching und Training mit Erwachsenen gesehen, was passiert, wenn jemand jahrelang defizitorientierte Rückmeldungen bekommt: Er glaubt am Ende selbst, dass er ein Defizit ist. Umgekehrt genauso. Wer erlebt, dass die eigene Umgebung ihm etwas zutraut, richtige Bühne, richtiges Publikum, richtige Verantwortung, wächst in das Zutrauen hinein. Riegel hat aus dieser einfachen psychologischen Grundeinsicht eine ganze Schulstruktur gebaut.

Die vier tragenden Säulen der HLS

Projektunterricht in großen Blöcken statt 45-Minuten-Takt. An der HLS wird nicht im Gong-Rhythmus zwischen Fächern hin- und hergesprungen. Die Klassen arbeiten längere Zeit an einem thematischen Projekt, fächerübergreifend, mit klarem Produkt am Ende: eine Ausstellung, eine Zeitung, eine Aufführung. Das ist pädagogisch nicht neu, aber konsequent durchgesetzt.

Theater als Pflichtfach für alle. Jede Klasse spielt jährlich ein eigenes Stück. Nicht im Klassenzimmer vor der Deutschlehrerin, sondern öffentlich, mit Publikum, das dafür zahlt oder zumindest zuschaut. Wer ein Stück einstudiert, übt gleichzeitig Sprechen, Auswendiglernen, Körperhaltung, Zusammenarbeit, Umgang mit Lampenfieber und Umgang mit Peinlichkeit. Nach zehn Jahren HLS hat jeder Schüler mindestens zehn Bühnenerfahrungen im Portfolio.

Verantwortung für die Schulgemeinschaft. Klassendienste, Patenschaften zwischen älteren und jüngeren Schülern, Klassenrat. Kinder sortieren die Mensa, organisieren den Toilettenputzplan, betreuen den Fünftklässler in der großen Pause. Das entlastet nicht nur die Erwachsenen, es macht Kinder zu Teilhabern ihrer Schule. Das ist ein Unterschied ums Ganze zu einem System, in dem Kinder nur Empfänger von Regeln sind.

Erlebnisreisen und Landstellenerfahrung. Der 5. Jahrgang startet mit einer dreiwöchigen Erlebnisreise: zusammen als Klasse, weit weg von zu Hause. Klassenbildung, Rollen finden, Verantwortung üben, Konflikte durchleben. Und im 8. Jahrgang folgt die „Landstellenerfahrung“. Die Schüler leben und arbeiten mehrere Wochen auf einem Bauernhof, in einer Werkstatt oder in einer Einrichtung, weit außerhalb der eigenen Komfortzone. Wer mit 14 drei Wochen im Kuhstall gearbeitet hat, denkt anders über sich und die Welt.

Sketchnote: eine Theaterbühne mit Kindern, die eine Marionette und ein Buch halten, links ein Bauernhof mit Kuh und Werkbank, rechts eine Landkarte mit Erlebnisreise-Route, alles verbunden durch eine geschwungene Linie

Warum PISA die HLS zur Chefsache machte

Bei den PISA-Tests 2000 und 2003 landete die Helene-Lange-Schule mit ihren Ergebnissen weit über dem OECD-Schnitt, und weit über dem deutschen Gymnasialdurchschnitt. Und das, obwohl die HLS eine integrierte Gesamtschule ist, die ohne äußere Auslese arbeitet und einen sozial gemischten Einzugsbereich hat.

Diese Tatsache ist pädagogisch und bildungspolitisch schwer verdaulich. Deutschland debattiert seit Jahrzehnten die Frage, ob Gesamtschulen Spitzenleistungen überhaupt hervorbringen können. Die HLS hat die Antwort gegeben, und sie lautet: ja, unter bestimmten Bedingungen. Die Bedingungen sind die vier Säulen oben, kombiniert mit reduzierten Klassengrößen (25 Schüler statt der üblichen 30 bis 33), einem konsequent auf Vertrauen gebauten Umgang zwischen Erwachsenen und Kindern und einer Schulleiterin, die keine Angst davor hatte, gegen den Strom zu schwimmen.

2007 folgte die nächste Bestätigung: Die HLS bekam den Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung und der Heidehof-Stiftung. Es war einer der ersten großen Preise dieser noch jungen Auszeichnung, und er zementierte den Ruf der Schule als Referenzadresse für gelingende öffentliche Bildung.

Was das System sonst produziert und warum Riegels Weg wehtut

Hier kommt der Punkt, an dem ich (Marian Zefferer) klar Position beziehe. Unser aktuelles Schulsystem erzeugt in der Breite Durchschnitt. Nicht deshalb, weil Kinder heute weniger begabt wären als früher, sondern weil das System, so wie es aufgebaut ist, die Lernlust der meisten Kinder über Jahre systematisch abschleift. Wir produzieren erstaunlich wenige überdurchschnittliche Menschen, gemessen an der Zahl der Talente, die früh in den Grundschulen sichtbar sind. Der begrenzende Faktor ist nicht das Erbgut. Der begrenzende Faktor ist die geknickte Motivation.

Riegels HLS ist deshalb so wichtig, weil sie zeigt, dass es anders geht und was der Preis dafür ist. Der Preis ist pädagogischer Aufwand. Es ist mühsamer, ein Kind in einem drei Wochen langen Projekt mit echtem Publikum zu begleiten, als es 45 Minuten lang berieseln zu lassen. Es ist unangenehmer, mit dem Klassenrat einen Konflikt aufzulösen, als eine Strafarbeit zu verteilen. Und es ist deutlich anstrengender für die Erwachsenen, jeden Morgen so zu tun, als sei jedes Kind ein Talent, besonders in den Momenten, in denen ein Kind sich gerade großartig anstrengt, das Gegenteil zu behaupten. Aber genau dieser Preis ist der ganze Unterschied zwischen einer Schule, die Talente hebt, und einer Schule, die Defizit-Bilanzen führt.

Wusstest Du?

Bei den PISA-Tests 2000 und 2003 lagen die Schüler der Helene-Lange-Schule in Lese-, Mathematik- und Naturwissenschafts-Kompetenzen deutlich über dem OECD-Durchschnitt, und über dem Durchschnitt deutscher Gymnasien. Und das als integrierte Gesamtschule ohne äußere Leistungsauslese. Reinhard Kahl hat die Schule 2004 in seiner Doku-Reihe „Treibhäuser der Zukunft“ als eine der zentralen deutschen Referenzadressen für gelingende Schule dokumentiert.

Ein Modell, das an Menschen hängt

Ehrlichkeitshalber muss man sagen: Die HLS ist ein Modell, das stark an ihrer Schulleiterin hing. Enja Riegel ging 2003 in den Ruhestand. Sie gründete danach eine weitere Reformschule („Kampus Klarenthal“). Die HLS lebt weiter, sie ist immer noch eine bekannte und beliebte Reformadresse, aber die „Riegel-Zeit“ mit ihrer besonderen Zuspitzung ist Geschichte. 2019 gab es einen kritischen Bericht, in dem sich das damalige Kollegium von einzelnen Personalentscheidungen Riegels distanzierte. Reformmodelle sind nicht schwarz-weiß. Sie haben Höhen und Tiefen, wie alle menschlichen Institutionen.

Das ist keine Entwertung dessen, was Riegel und ihr Team aufgebaut haben. Es ist eine Warnung für alle, die Schulreform ausschließlich über charismatische Persönlichkeiten denken. Die HLS ist deshalb ein Referenzmodell, weil sie eine strukturelle Antwort gegeben hat: Projekte, Theater, Verantwortung, Erlebnisreisen, kleine Klassen, keine Auslese. Diese Strukturen sind kopierbar. Charisma nicht. Der Bauplan der HLS ist der eigentliche Schatz.

Was Du daraus mitnimmst für Deine Klasse, Deine Schule, Deine Familie

Wenn Du in der Schule arbeitest oder ein Kind hast, dann brauchst Du weder eine Schulleiter-Position noch einen ganzen Reformbeschluss, um von der HLS zu lernen. Ein paar konkrete Anfangspunkte:

  1. Nimm einmal im Halbjahr die Defizit-Brille ab. Setz Dich hin und schreibe pro Kind drei konkrete Talente auf. Nicht „ist nett“ oder „kann Mathe“, sondern konkret. „Kann eine Gruppe zum Lachen bringen und danach zurückholen.“ „Merkt sich Kartenausschnitte nach einem Blick.“ „Erklärt komplizierte Regeln so, dass die Kleineren zuhören.“ Diese Talente werden zu Anknüpfungspunkten für alles Weitere.
  2. Baue ein Projekt mit echtem Publikum ein. Egal ob Schule oder Familie: Suche eine Sache, die am Ende öffentlich stattfindet. Ein Podcast für die Nachbarschaft, ein Konzert im Altersheim, ein Info-Abend für die Eltern zum Klimathema. Der Unterschied zwischen „wir üben das“ und „wir treten damit auf“ ist gigantisch.
  3. Gib Verantwortung ab, bevor Du es für angebracht hältst. Verantwortung, die Du erst dann übergibst, wenn ein Kind sie „verdient“, kommt zu spät. Ein Kind lernt Verantwortung genauso, wie es Radfahren lernt: dadurch, dass es fahren darf, bevor es schon fahren kann.
  4. Rede weniger, höre systematisch mehr zu. Ein Klassenrat einmal die Woche, 20 Minuten, mit klarer Struktur: Was war gut, was war schwierig, was schlägst Du vor? Kein Erwachsener redet mehr als die Kinder zusammen. Das ist erstaunlich schwer und erstaunlich verändernd.
  5. Setz Erlebnisse über Erklärungen. Drei Wochen Klassenfahrt, in denen Kinder zusammen kochen und Zelte aufbauen müssen, wirken langfristig stärker als drei Semester Sozialkunde-Unterricht. Das gilt auch im Kleinen: eine Nacht draußen, ein Nachmittag im Altenheim, ein Praktikum in der Bäcker-Backstube.

Impuls für morgen

Nimm heute Abend fünf Minuten und beantworte für ein Kind in Deinem Umfeld, Dein eigenes, Deinen Nachbarskind oder einen Schüler, die eine Frage von Enja Riegel: Was könnte dieses Kind, wenn ich ihm zutrauen würde, es zu können? Schreib die Antwort auf und tu morgen den ersten kleinen Schritt, damit dieses Zutrauen sichtbar wird.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden wurde 1986 unter Schulleiterin Enja Riegel zur integrierten Gesamtschule mit reformpädagogischem Profil.
  • Kernhaltung: „Kinder sind Talente, keine Defizit-Systeme.“ Und: „Wir sind gut zu den Kindern, weil wir viel von ihnen erwarten.“
  • Vier tragende Säulen: Projektunterricht in großen Blöcken, Theater als Pflichtfach für alle, systematische Übergabe von Verantwortung, dreiwöchige Erlebnisreise im Jahrgang 5 plus Landstellenerfahrung im Jahrgang 8.
  • Ergebnis: bei PISA 2000 und 2003 weit über OECD-Schnitt und über deutschem Gymnasialdurchschnitt, obwohl integrierte Gesamtschule ohne Auslese. Deutscher Schulpreis 2007.
  • Grenze: Das Modell hängt stark an Personen, insbesondere an der Gründerfigur. Der eigentliche Schatz sind die kopierbaren Strukturen, nicht das Charisma einer einzelnen Leitung.
  • Für Dich: Talente sichtbar machen, Projekte mit echtem Publikum, Verantwortung früh übergeben, systematisch zuhören, Erlebnisse über Erklärungen setzen.

Häufige Fragen

Was ist die Helene-Lange-Schule genau?

Eine städtische, integrierte Gesamtschule in Wiesbaden für die Klassen 5 bis 10. Sie wurde 1847 als „Höhere Töchterschule“ gegründet, 1955 nach der Frauenrechtlerin und Pädagogin Helene Lange benannt, 1971 für Jungen geöffnet und 1986 unter Enja Riegel zur reformpädagogischen Gesamtschule umgestaltet. Nach der 10. Klasse wechseln die Schüler für die Oberstufe an Kooperationsschulen.

Wer war Enja Riegel und was hat sie geleistet?

Enja Riegel war von 1983 bis 2003 Schulleiterin der HLS und gilt als eine der bekanntesten Reformpädagoginnen Deutschlands. Sie hat die HLS zu einer der leistungsstärksten und pädagogisch profiliertesten öffentlichen Schulen in Deutschland gemacht. Ihr Buch „Schule kann gelingen“ (2004) und ihre Zusammenarbeit mit dem Bildungs-Journalisten Reinhard Kahl haben ihren Ansatz weit über Wiesbaden hinaus bekannt gemacht.

Warum hat die HLS bei PISA so gut abgeschnitten?

Die HLS-Ergebnisse sind kein Zufall, sondern das Resultat einer konsequenten Struktur: Projektunterricht statt 45-Minuten-Takt, Theater und Verantwortung als Pflichtelemente, kleinere Klassen von 25 Kindern, keine äußere Leistungsauslese und ein Kollegium, das Kinder als Talente adressiert. Diese Zutaten kombiniert erzeugen die Bedingungen, unter denen tatsächliche Kompetenzen wachsen können, und PISA misst genau solche Kompetenzen und nicht bloß Faktenwissen.

Kann man die HLS-Ideen auf andere Schulen übertragen?

Ja, aber nicht per Kopieren-Einfügen. Die vier tragenden Säulen sind übertragbar (Projekte, Theater, Verantwortung, Erlebnisreisen). Was nicht übertragbar ist, ist Charisma und die spezielle Kollegiumsdynamik. Wer das HLS-Modell adaptieren will, sollte klein anfangen: ein Projekt, ein Klassenrat, eine Erlebnisreise, und schrittweise verankern.

Gibt es ähnliche Schulen in Deutschland und Österreich?

Ja. Reinhard Kahls Dokureihe „Treibhäuser der Zukunft“ porträtiert eine ganze Reihe von Schulen in ähnlichem Geist. Im deutschsprachigen Raum gehören zum Beispiel die Laborschule Bielefeld, die Neue Schule Hamburg, die Alemannenschule Wutöschingen unter Stefan Ruppaner, der FREI DAY oder Campus Rütli dazu. Alle unterscheiden sich im Detail, teilen aber die Grundhaltung, dass Kinder Talente sind.

Quelle

  • Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1993). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, 39(2), 223-238. https://www.pedocs.de/volltexte/2017/11173/
  • Hüther, G. (2011). Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher. S. Fischer.
  • Kahl, R. (2004). Treibhäuser der Zukunft: Wie in Deutschland Schulen gelingen. Archiv der Zukunft. https://www.reinhardkahl.de/treibhaeuser-der-zukunft/
  • Riegel, E. (2004). Schule kann gelingen! Wie unsere Kinder wirklich fürs Leben lernen. Die Helene-Lange-Schule Wiesbaden. S. Fischer.
  • von Hentig, H. (1993). Die Schule neu denken. Eine Übung in praktischer Vernunft. Hanser.

Beitragsreihe: Alternative Schule

Dies ist ein Beitrag der Reihe: Alternative Schulformen & Alternative Schulen

Beitragsreihe

Autor: Marian Zefferer, MSc.

Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.


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