Stell Dir eine Schule vor, in der keine Glocke läutet. In der es keine Ziffernnoten gibt bis zur neunten Klasse. In der Sechsjährige neben Neunjährigen an einem Projekt arbeiten und ein zwölfjähriges Kind Verantwortung für den Schulgarten übernimmt, weil das ganze Haus davon lebt, dass jemand die Verantwortung übernimmt.
Diese Schule gibt es seit 1974. Sie steht in Bielefeld, ist staatlich anerkannt, wird von der Universität Bielefeld wissenschaftlich begleitet und heißt Laborschule. Ihr Erfinder war der Pädagoge Hartmut von Hentig, und sein Kern-Gedanke ist so simpel wie radikal: Eine Schule soll nicht ein Ort sein, an dem auf das Leben vorbereitet wird. Sie soll selbst ein Stück Leben sein. Von Hentig nannte das eine Polis, ein kleines Gemeinwesen mit echten Aufgaben, echten Rollen und echter Verantwortung. Ich (Marian Zefferer) halte diesen Gedanken bis heute für einen der wichtigsten der deutschsprachigen Bildungsgeschichte.
Wie eine Versuchsschule entsteht, die 50 Jahre hält

1974 war das Klima in der westdeutschen Bildungspolitik aufgeladen. Nach den 68ern gab es einen breiten Reformwillen, aber wenig konkrete Modelle. Von Hentig hatte in Göttingen und Bielefeld zwei Ideen zur Reife gebracht: die Laborschule als Grundschule und Sekundarstufe I und das Oberstufen-Kolleg als Sekundarstufe II. Beide Schulen bekamen einen Sonderstatus: Sie sind gesetzliche Versuchsschulen an der Universität Bielefeld, angebunden an eine eigene Wissenschaftliche Einrichtung, die den Alltag begleitet, dokumentiert und weiterentwickelt.
Warum ausgerechnet Bielefeld? Weil das Land NRW bereit war, das Experiment strukturell zu ermöglichen und die Bielefelder Universität ganz neu gegründet. Dieser Neugründungsgeist hat sich sichtlich auch positiv ausgewirkt. Der Auftrag ist bis heute derselbe: Neue Formen des Lernens erproben, wissenschaftlich prüfen, öffentlich sichtbar machen. Das ist der Grund, warum die Laborschule zu einem Referenzmodell für viele jüngere Schulen wurde, unter anderem für die Alemannenschule Wutöschingen und die Evangelische Schule Berlin Zentrum.
Der Grundgedanke: Polis statt Anstalt
Von Hentig hat zeitlebens gegen ein Bild von Schule geschrieben, das er als „Anstalt“ beschrieb. Eine Anstalt ist ein Ort, an dem Menschen unter Zwang aufeinandergezwungen werden, um an ihnen etwas zu tun. Eine Polis ist das Gegenteil: ein Gemeinwesen, in dem Menschen zusammen etwas gestalten. In seinem 1993 erschienenen Grundlagenwerk Die Schule neu denken formuliert er diesen Gedanken so, dass er bis heute trägt: Eine Schule ist gut, wenn Kinder in ihr echte Erfahrungen machen, echte Verantwortung übernehmen und echte Wirksamkeit spüren. Alles andere ist Simulation.
Für die Laborschule heißt das ganz praktisch:
- Altersgemischte Stammgruppen. Kinder verbringen ihre ersten drei Jahre in einer Gruppe der Jahrgänge 0, 1 und 2. Danach 3-5, dann 6-7, dann 8-10. Neue Kinder finden ältere, die schon wissen, wie es geht. Die Älteren übernehmen dabei ganz nebenbei Verantwortung, ohne dass es „Verantwortungstraining“ heißen müsste.
- Keine Ziffernnoten bis Klasse 9. Statt Zeugnisse gibt es Berichte, die konkret beschreiben, was ein Kind kann, wo es steht, woran es arbeitet. Für den Übergang in weiterführende Schulen oder in die eigene Oberstufe gibt es dann eine Note.
- Kein 45-Minuten-Takt. Der Tag ist in längere Blöcke gegliedert, in denen an einem Thema in Ruhe gearbeitet werden kann. Es gibt keine Glocke.
- Die Schule als Lernraum, nicht nur der Klassenraum. Küche, Garten, Werkstatt, Theater, Bibliothek sind gleichwertige Orte. Ein Kind kann einen Vormittag lang in der Holzwerkstatt sein und dabei mehr über Winkel und Materialkunde lernen als in einem Frontalunterricht.
Wusstest Du?
Die Laborschule Bielefeld hat 40 Jahre bevor Inklusion in Deutschland zum Bildungsstandard wurde, konsequent inklusiv gearbeitet: Kinder mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen waren von 1974 an Teil der Stammgruppen, nicht in Förderklassen ausgelagert. Die langjährige Schulleiterin Susanne Thurn hat das in vielen Vorträgen zur inklusiven Schulentwicklung beschrieben.
Was das Ganze mit Marian und seinen Kindern zu tun hat
Wenn ich zu Hause versuche, meinen Söhnen Aaron und Elron eine Umgebung zu bieten, in der sie lernen können, mache ich im Kleinen dasselbe, was die Laborschule im Großen macht. Ich sorge dafür, dass die Umgebung vorbereitet ist. Es liegen Buchstaben-Klötze da, es gibt Zahlen an den Regalen, es gibt Werkzeug in Kinderhand-Größe, es gibt Bücher, die man anschauen oder lesen kann. Und dann treten die Erwachsenen einen Schritt zurück.
Aaron hat mit vier gut lesen können. Nicht, weil wir ihn dazu gebracht haben, sondern weil die Umgebung ein Angebot war und er es angenommen hat. Elron hatte kein Interesse an Buchstaben, kein Curriculum hat ihm das eingeredet, und heute lernt er andere Dinge mit derselben Begeisterung. Diese Erfahrung ist für mich die praktische Übersetzung des Laborschul-Gedankens: Die Umgebung muss bereit sein für die tatsächliche Vielfalt der Kinder, nicht umgekehrt.
Wissenschaftlich begleitet, öffentlich sichtbar

Die Laborschule ist eine der bestdokumentierten Reformschulen Deutschlands. Die Wissenschaftliche Einrichtung Laborschule (WE) hat über 40 Jahre lang Forschung produziert, die weit über Bielefeld hinaus gewirkt hat. Susanne Thurn und Klaus-Jürgen Tillmann haben in ihrem Band Laborschule – Schule der Zukunft das Konzept, die Praxis und die Forschungsergebnisse zusammengefasst, so dass andere Schulen davon lernen können. Reinhard Kahl hat mit seiner Doku-Reihe Treibhäuser der Zukunft (2004) die Laborschule einem breiten Publikum ins Bild gebracht, gemeinsam mit der Helene-Lange-Schule Wiesbaden und einigen anderen Schulen, die gelingen.
Die vielleicht bekannteste Alumna der Laborschule ist die Politökonomin Maja Göpel. Sie beschreibt in Unsere Welt neu denken (2020) ihre Schulzeit als prägend für ihre Fähigkeit, quer zu denken, sich nicht mit einfachen Antworten zufriedenzugeben und die eigene Stimme zu finden. Genau das war von Hentigs Ziel: Menschen, die ihre eigene Autorität ernst nehmen, statt sie einer Instanz außerhalb ihrer selbst zu delegieren.
Inhaltliche Diskussionen
Die altersgemischten Gruppen sind für manche Kinder ein Glücksfall, andere brauchen mehr Struktur, als die Schule anbietet. Die Übergänge in klassische Regelschulen sind gut vorbereitet, aber nicht reibungslos. Und die Laborschule ist eine staatliche Versuchsschule mit begrenzten Plätzen und Losverfahren, kein Modell, das man über Nacht auf alle 40.000 deutschen Schulen ausrollen könnte. Vieles von dem, was hier gut funktioniert, hängt an einem bewussten Kollegium, an einer wissenschaftlichen Rückendeckung und an einem pädagogisch getragenen Standort. Das ist gleichzeitig die Stärke und die Grenze der Laborschule.
Impuls für morgen
Wenn Du in einer Regelschule arbeitest, geh morgen einmal durch Dein Klassenzimmer und frag Dich: Wie viel von dem, was hier passiert, ist Simulation, und wie viel ist echte Aufgabe? Ein einziges echtes Projekt pro Woche verschiebt schon etwas.
Was Du für Deinen Alltag mitnehmen kannst
Auch wenn Du weit weg von Bielefeld wohnst und Deine Kinder in einer ganz normalen Schule sind: Ein paar Prinzipien der Laborschule kannst Du zu Hause umsetzen oder in Deiner Schule anregen.
- Bereite die Umgebung vor, statt zu belehren. Ein zugängliches Bücherregal, freie Materialien, sichtbares Werkzeug, ein eigener kleiner Garten wirken mehr als jede Aufforderung, sich für etwas zu interessieren.
- Gib echte Aufgaben statt Übungsaufgaben. Ein Kind, das die Einkaufsliste plant, lernt Mathematik. Ein Kind, das ein Fahrrad repariert, lernt Physik. Ein Kind, das eine Rede für den Familienrat schreibt, lernt Sprache. Echte Aufgaben haben eingebaute Konsequenzen, Übungsaufgaben haben nur Noten.
- Suche altersgemischte Situationen. In der Nachbarschaft, im Sportverein, im Ferienlager. Kinder lernen schneller von etwas älteren Kindern als von Erwachsenen, und jüngere lernen ganz nebenbei durch Beobachten.
- Baue Verantwortung ein, die zählt. Ein Kind, das jeden Freitag den Kaninchenstall ausmistet, weil sonst das Kaninchen im Dreck sitzt, lernt etwas anderes über Zuverlässigkeit als ein Kind, das dafür einen Sticker bekommt.
- Argumentiere in Deiner Schule für längere Zeitfenster. Ein 45-Minuten-Takt zerhackt jedes Projekt in Reststücke. Zwei Stunden am Stück an einer Sache arbeiten können macht sichtbar mehr Lerntiefe möglich.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Laborschule Bielefeld ist eine staatliche Versuchsschule seit 1974, gegründet von Hartmut von Hentig, wissenschaftlich begleitet durch die Universität Bielefeld.
- Kernidee: Schule als Polis, kleines Gemeinwesen mit echten Aufgaben und echter Verantwortung.
- Praxis: altersgemischte Stammgruppen (0-2, 3-5, 6-7, 8-10), keine Ziffernnoten bis Klasse 9, kein 45-Minuten-Takt, Werkstätten und Garten als gleichwertige Lernorte.
- Inklusiv von Anfang an, 40 Jahre bevor der Begriff Bildungsstandard wurde.
- Prominente Alumna: Maja Göpel. Doku „Treibhäuser der Zukunft“ von Reinhard Kahl hat das Modell breit bekannt gemacht.
Häufige Fragen
Kann ich mein Kind an der Laborschule Bielefeld anmelden?
Grundsätzlich ja, wenn Ihr in NRW oder in erreichbarer Nähe wohnt. Die Aufnahme läuft über ein Losverfahren, weil die Nachfrage die Zahl der Plätze deutlich übersteigt. Aktuelle Details stehen auf der Homepage der Laborschule.
Was ist der Unterschied zwischen Laborschule und Oberstufen-Kolleg Bielefeld?
Die Laborschule umfasst Jahrgang 0 bis 10, also Grundschule und Sekundarstufe I. Das Oberstufen-Kolleg ist die Sekundarstufe II, ebenfalls Versuchsschule an der Universität Bielefeld, ebenfalls seit 1974. Beide sind eigenständige Schulen mit eigenem Kollegium, teilen aber Konzept, Standort und wissenschaftliche Anbindung.
Bereitet die Laborschule Kinder gut auf die weiterführende Schule vor?
Studien der Wissenschaftlichen Einrichtung Laborschule und externe Vergleichsuntersuchungen zeigen: Absolventen erreichen im Schnitt vergleichbare oder bessere Kompetenzen als Schüler an Regelschulen, mit deutlich höheren Werten bei Selbstständigkeit, Motivation und Sozialkompetenz. Der Übergang in klassische Gymnasien ist etwas herausfordernder, weil die Schüler weniger an Frontalunterricht und starre Noten gewöhnt sind, aber die inhaltliche Basis stimmt.
Quelle
- Göpel, M. (2020). Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Ullstein.
- Kahl, R. (2004). Treibhäuser der Zukunft: Wie in Deutschland Schulen gelingen [DVD-Edition]. Archiv der Zukunft / Beltz.
- Thurn, S., & Tillmann, K.-J. (2011). Laborschule – Schule der Zukunft. Klinkhardt.
- von Hentig, H. (1993). Die Schule neu denken. Eine Übung in praktischer Vernunft. Hanser.
- von Hentig, H. (2006). Bewährung. Von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein. Hanser.
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Autor: Marian Zefferer, MSc.
Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.

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