Drei Säulen der Max-Brauer-Schule Hamburg: Lernbüro, Projektunterricht, Werkstätten - Sketchnote

Max-Brauer-Schule Hamburg: Lernbüro, Projekte, Werkstätten

Stell Dir vor, Du bist neun Jahre alt und Chef. Zuständig für einen bestimmten Aufgabenkorb im Klassenzimmer. Wenn ein anderes Kind eine Frage zu genau dieser Aufgabe hat, kommt es zu Dir. Nicht zur Lehrerin. Du erklärst, Du prüfst, Du gibst frei. Und in irgendeinem anderen Korb ist ein anderes Kind der Chef, und wenn Du dort etwas brauchst, gehst Du zu ihm. Nur wenn wirklich niemand mehr weiterweiß, wandert die Frage nach oben.

Dieses Szenario spielt sich jeden Tag an einer staatlichen Schule in Hamburg-Altona ab: der Max-Brauer-Schule. Und ich finde, dieses kleine Detail sagt mehr über gutes Lernen aus als drei Bildungsministerkonferenzen zusammen.

Die Max-Brauer-Schule (kurz: MBS) ist eine ganz normale, staatliche Stadtteilschule. Von der Vorschule bis zum Abitur, rund 1.680 Schüler, zwei Standorte in Ottensen und Bahrenfeld. Kein privater Träger, keine exklusive Ausleseklientel, keine Sonderfinanzierung. Trotzdem wurde diese Schule beim ersten Deutschen Schulpreis 2006 ausgezeichnet und gilt in der Fachwelt als pädagogische Erfinderwerkstatt. Weil sie eines konsequent tut: Sie baut Unterricht so um, dass Kinder ihre eigenen Chefs werden können.

Wie geht das? Auf drei Säulen: Lernbüro, Projektunterricht, Werkstätten. Zusammengehalten von einer Kultur, in der Selbsteinschätzung normal ist, Fehler dazugehören und Zeugnisse Berichte sind, keine Zahlenurteile. Und wer diese Schule sehen will, muss nicht einmal hinein, der Bildungsjournalist Reinhard Kahl hat sie zu einem seiner „Treibhäuser der Zukunft“ gefilmt (Kahl, 2004). Ich nehme Dich einmal durch die drei Säulen und zeige, was daran übertragbar ist, auch wenn Du nicht in Hamburg lebst.

Säule 1: Das Lernbüro – jeder in seinem Tempo, aber nicht allein

Zwei Stunden pro Tag stehen im Lernbüro auf dem Plan. Deutsch, Englisch, Mathe. Alle Kinder sind gleichzeitig da, aber keines arbeitet an derselben Sache. Das eine übt gerade Bruchrechnen, das andere schreibt eine kleine englische Geschichte, das dritte trainiert Rechtschreibung. Steuern kann sich das nur, wer weiß, wo er steht, und da kommt das erste Werkzeug ins Spiel: das Kompetenzraster.

So ein Raster ist im Grunde eine große Tabelle. Sie beschreibt für jedes Fach in einfacher Sprache, was ein Kind bis Jahrgang zehn können soll. In Englisch klingt das dann so: „Ich kann vertraute Wörter und ganz einfache Sätze verstehen.“ Für jede Stufe gibt es Checklisten, mit denen die Kinder sich selbst einschätzen. Wo bin ich gut? Was fehlt noch? Was übe ich heute?

Das klingt wenig spektakulär, ist aber der entscheidende Kulturbruch: Die Kinder schätzen sich selbst ein. Das Urteil verlässt den Rotstift der Lehrerin und landet zunächst im Kopf des Kindes. Der amerikanische Didaktiker Doug Lemov, der ganze Kartensammlungen von präzisen Unterrichtsmikro-Techniken zusammengetragen hat, nennt so etwas „Techniken, die Schüler zum Lernen bringen“ (Lemov, 2023). Auf gut Deutsch: Es sind kleine, sehr konkrete Kniffe, die dafür sorgen, dass ein Kind weiß, was der nächste Schritt ist. Ein Kompetenzraster gehört genau in diese Kategorie: es macht Lernen sichtbar, für das Kind selbst.

Das zweite Werkzeug im Lernbüro ist ein liebevoll „Blaues Buch“ genanntes Planungsheft. Jedes Kind trägt am Wochenanfang ein, was es sich für die Woche vornimmt: „Ich will das Kapitel zu den Verben durchhaben. Ich will meine Präsentation zu den Wattenmeer-Krebsen halten. Ich will beim schriftlichen Dividieren sicherer werden.“ Und am Ende der Woche steht schwarz auf blau, ob es geklappt hat. Nicht als Belohnungssystem. Als Erinnerung, dass die eigenen Ziele zählen.

Kind hält ein blaues Wochenplan-Heft mit Häkchen-Icons, Sketchnote-Stil

Und wenn ein Kind mal nichts macht? Dann macht es nichts. Eine Neuntklässlerin erzählt in einem der Filme über die Schule den Satz, der wahrscheinlich jeden Erwachsenen erst nervös und dann still werden lässt: „Da vertraut uns die Lehrerin halt, dass wir auch was lernen. Und sonst haben wir halt selber schuld, wenn wir nix lernen.“ Vertrauen als didaktisches Prinzip. Für ein Bildungssystem, das seit 200 Jahren auf Kontrolle setzt, ist das ein ziemlicher Umbau.

Säule 2: Projektunterricht – sechs Wochen an einer Sache dran

Ein Kind lernt nicht linear. Kein Erwachsener übrigens auch nicht. Wir docken Neues an Bestehendes an, wir wollen wissen, wozu etwas gut ist, wir wollen etwas bauen, was am Ende steht und Sinn ergibt. Die zweite Säule der MBS greift genau das auf: Projektunterricht, sechs Wochen pro Thema, fächerübergreifend.

Eine Klasse fährt zum Beispiel ans Wattenmeer, sammelt Krebse und Würmer, führt ein Feldtagebuch, geht ins Wattforum, präsentiert ihre Ergebnisse. In einer anderen Klasse entsteht ein Mittelaltermarkt. In einer dritten schreibt eine Gruppe einen Tierroman. Deutsch, Biologie, Kunst, Mathe, Geschichte, die Fächer sind alle da, nur werden sie nicht durch die 45-Minuten-Uhr diktiert.

Und dann gibt es den härtesten Baustein dieser zweiten Säule: die dreiwöchige Herausforderung in Jahrgang 8. Jede Klasse sucht sich ein Ziel und muss es in drei Wochen, mit begrenztem Geld und wenig Betreuung, erreichen. Die 8a hat Kanus gebaut und ist damit die Elbe erkundet. Die 8f ist in den Alpen gewandert. Eine andere Gruppe ist mit dem Fahrrad bis nach England gefahren und hatte sich darauf schon seit der 6. Klasse vorbereitet.

Wusstest Du?

Am Ende der 8. Klasse verlässt an der Max-Brauer-Schule jede Klasse für drei Wochen die Schule und stellt sich einer selbstgewählten Herausforderung: Kanubau auf der Elbe, Alpenwanderung, Radtour bis nach England. Vorbereitet wird das teilweise schon ab Jahrgang 6.

Und jetzt kommt der Punkt, an dem ich kurz laut werde: Ich höre seit meiner eigenen Schulzeit den Satz „Wir lernen ja nicht für die Schule, sondern fürs Leben“. Meiner Meinung nach ist das absoluter Bullshit. In der Schule lernt man normalerweise für die Schule. Fürs Leben lernt man Lesen, Schreiben, Rechnen, und das war es dann meistens. Steuererklärung, Firmengründung, Beziehung führen, Autofahren, mit fremdem Geld umgehen, sich in einer fremden Stadt zurechtfinden: alles außerhalb.

Was auf einer dreiwöchigen Herausforderung passiert, ist Lernen fürs Leben. Ganz konkret. Kein Comic-Klischee. Wer mit vierzehn Kanus für seine Klasse baut, um sie damit die Elbe hinunterzupaddeln, hat abends nicht nur Muskelkater. Er hat verhandelt. Er hat Rechnungen gelesen. Er hat sich um Verpflegung gekümmert. Er hat gemerkt, was passiert, wenn eine Klasse sich streitet und morgens niemand mehr aufsteht. Das steckt in dem Kind drin und geht nicht mehr raus. Werkstätten und Herausforderungen sind das Gegengift gegen die „Fürs-Leben-lernen“-Floskel: sie machen die Formel wahr.

Säule 3: Werkstätten – die Welt kommt in die Schule

Bleiben die Werkstätten. Neben Lehrern arbeiten dort Handwerker, Künstler und Musiker. Sie bringen echtes Wissen aus ihrer echten Arbeit mit. Wer eine Werkstatt wählt, entscheidet sich aus einem breiten Angebot: Musik, Arbeitslehre, Sport, Handwerk, Sprachen. Werkstätten gehören fest zum Kernprogramm, sie laufen im Stundenplan statt im Nachmittagsangebot.

Warum ist das wichtig? Weil Schule normalerweise ein sehr geschlossener Raum ist. Lehrer reden mit Kindern, Kinder reden mit Lehrern, und die Welt draußen bleibt Kulisse hinter dem Fenster. Werkstätten machen ein Fenster auf. Wer einem Tischler zusieht und dann selbst hobelt, lernt etwas anderes über Holz als aus einem Physikbuch. Wer neben einer Musikerin sitzt und mitspielt, versteht Rhythmus mit den Fingern, nicht nur mit dem Kopf. Dieses Lernen ist mehrsinnig, verankert und emotional aufgeladen.

Und diese Kultur trifft die dritte Zutat der MBS: Berichtszeugnisse bis Klasse 8. Erst ab der 9. Klasse gibt es überhaupt Noten, dann in Vorbereitung auf die Abschlüsse. Bis dahin bekommen Kinder und Eltern beschreibende Texte darüber, wo das Kind steht und was der nächste Schritt ist. Kein anonymer Notendurchschnitt, hinter dem sich nichts konkretes vorstellen lässt. Hinter diesem Modell steckt Forschung: Studien zur Wirksamkeit von Feedback zeigen seit Jahren, dass unspezifische Ziffernnoten das Lernen kaum voranbringen, während konkretes, individuelles Feedback zu den größten Hebeln überhaupt gehört (Zierer, 2023).

Was dahinter steckt: Fehlertoleranz als Betriebssystem

Alles, was ich bisher beschrieben habe, funktioniert nur, wenn eine bestimmte Bedingung in der Schule herrscht. Kinder müssen Fehler machen dürfen. Ohne Angst. Und Lehrer auch.

Die MBS bekommt viel externe Evaluation ab. Sie nimmt an den Hamburger KERMIT-Tests teil, sie lässt sich zusätzlich mit den KESS-Tests durchleuchten, sie hat in Mathematik in Jahrgang 11 einen eigenen Diagnosebogen entwickelt. Als bei einem dieser Tests herauskam, dass Schüler mit Termen und Variablen wackeln, haben sich die Fachlehrer hingesetzt und die Materialien umgebaut. Kein Schuldzuweisungs-Ritual. Kein „wir zeigen dem einen Kollegen, was er falsch macht“. Nur: Wir sehen ein Loch, wir stopfen es.

So etwas geht nur, wenn die Schulleitung ausdrücklich sagt: Wir suchen keine Schuldigen, wir suchen Verbesserung. Fehler sind Information, kein Versagen. Ich glaube, das ist der Punkt, an dem das ganze Modell steht oder fällt. Ohne Fehlertoleranz kein Kompetenzraster, ohne Vertrauen kein Lernbüro, ohne echte Auseinandersetzung mit den eigenen Zahlen keine Weiterentwicklung. In den meisten Systemen macht Angst müde und Angst dumm. In der MBS spielt sie eine deutlich kleinere Rolle.

Was Du daraus mitnehmen kannst

Du bist wahrscheinlich weder Schulleiter noch Bildungsminister. Warum sollte Dich das interessieren? Weil sich zwei Prinzipien dieser Schule in fast jedem Lernkontext einsetzen lassen, auch wenn Du selbst Erwachsener bist und Deine eigene Lernbaustelle im Blick hast.

  1. Mach Deinen eigenen Kompetenzraster. Schreibe für ein Thema, das Du gerade angehst, in einfacher Sprache auf: Was heißt „Anfänger“, was „solide“, was „sicher“? Ordne Dich ehrlich ein. Formuliere daraus einen konkreten nächsten Übungsschritt. Was für Kinder in Hamburg funktioniert, funktioniert auch für Dich.
  2. Führe ein Blaues Buch der Woche. Ein Heft, in dem am Montag drei bis fünf Ziele stehen, die Du am Freitag entweder abhakst oder ehrlich streichst. Streichst Du etwas, dann mit Neugier statt Rotstift: Warum ist das ausgefallen? Was war der Widerstand?
  3. Erklär etwas. Wähle einen Aspekt Deines Themas und erkläre ihn jemandem im Alltag: dem Partner, einem Kind, einer Kollegin. Wer erklärt, muss ordnen. Und wer ordnet, versteht. Das ist das „Jedes Kind ist Chef“-Prinzip für Erwachsene.
  4. Baue Dir eine echte Herausforderung ein. Etwas, das mit den Händen, mit anderen Menschen oder mit einem echten Ergebnis endet. Ein Vortrag vor Publikum. Ein Prototyp. Eine Reise, für die Du Deine neue Sprache brauchst. Nicht die zehnte Online-Zusammenfassung.
  5. Lass Fehler zählen, nicht wehtun. Führe ein Fehler-Logbuch. Jeder Fehler bekommt genau zwei Zeilen: Was war er, was ändere ich? Kein Selbstvorwurf. Nur Information.

Wenn Du Lehrerin oder Lehrer bist und Dich das Modell reizt, findest Du auf der Bildungsimpuls-Seite mehrere weitere Portraits von Schulen, die ähnlich arbeiten, zum Beispiel die Laborschule Bielefeld oder die Alemannenschule Wutöschingen, die das Lernbüro-Prinzip radikal weitergedacht hat. Wer sich einen Überblick verschaffen will, findet ihn im Hub-Artikel zu alternativen Schulformen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Max-Brauer-Schule Hamburg ist eine staatliche Stadtteilschule mit rund 1.680 Kindern, die Unterricht in drei Säulen organisiert: Lernbüro, Projektunterricht und Werkstätten.
  • Im Lernbüro arbeitet jedes Kind zwei Stunden pro Tag im eigenen Tempo an Deutsch, Englisch und Mathematik, orientiert an einem Kompetenzraster und einem „Blauen Buch“ mit Wochenzielen.
  • Peer-Learning ist Alltag: Kinder erklären sich gegenseitig, jedes ist für eine Aufgabe Experte. Die Lehrerin wird zur Ansprechperson für schwierige Fälle.
  • Projektunterricht dauert etwa sechs Wochen pro Thema, in Jahrgang 8 kommt eine dreiwöchige, selbstgewählte Herausforderung dazu (Kanubau, Alpenwanderung, Radtour nach England).
  • Werkstätten holen Handwerker, Künstler und Musiker in die Schule und öffnen sie zur Welt draußen.
  • Bis zur 8. Klasse gibt es Berichtszeugnisse statt Noten, dazu eine Kultur, in der Evaluation zur Verbesserung dient und nicht zur Schuldsuche.
  • Die Schule wurde beim ersten Deutschen Schulpreis 2006 ausgezeichnet (einer von vier Preisträgern neben dem Hauptpreis).

Häufige Fragen

Was ist an der Max-Brauer-Schule Hamburg besonders?

Die Max-Brauer-Schule organisiert Unterricht in drei Säulen: einem täglichen Lernbüro mit Kompetenzrastern und individuellen Wochenzielen, sechswöchigem Projektunterricht und offenen Werkstätten mit externen Handwerkern und Künstlern. Bis Klasse 8 gibt es Berichtszeugnisse statt Ziffernnoten. Für dieses Gesamtsystem hat die Schule den Deutschen Schulpreis erhalten.

Was ist ein Lernbüro und wie funktioniert das an der Max-Brauer-Schule?

Ein Lernbüro ist eine feste tägliche Unterrichtsphase, in der jedes Kind selbstständig an Deutsch, Englisch oder Mathematik arbeitet. Grundlage sind Kompetenzraster mit klaren Kann-Beschreibungen und ein „Blaues Buch“, in dem Wochenziele festgehalten werden. Die Kinder schätzen sich selbst ein, entscheiden über die Reihenfolge, und Lehrkräfte begleiten die Prozesse individuell.

Wie werden Leistungen an der Max-Brauer-Schule bewertet?

Bis einschließlich Klasse 8 arbeitet die Max-Brauer-Schule mit Berichtszeugnissen, also beschreibenden Texten, die den aktuellen Lernstand und die nächsten Schritte klar benennen. Erst ab Klasse 9 kommen Ziffernnoten dazu, um auf die formalen Abschlüsse vorzubereiten. Zusätzlich nimmt die Schule an Vergleichstests wie KERMIT und KESS teil, um sich selbst extern zu überprüfen.

Quelle

  • Kahl, R. (2004). Treibhäuser der Zukunft: Wie in Deutschland Schulen gelingen. Archiv der Zukunft. https://www.reinhardkahl.de/treibhaeuser-der-zukunft/
  • Lemov, D. (2023). Unterrichte wie ein Champion: 63 Techniken, die Schüler zum Lernen bringen. Teach Like a Champion – Deutschsprachige Ausgabe. Wiley-VCH.
  • Zierer, K. (2023). Hattie für gestresste Lehrer 2.0: Kernbotschaften aus „Visible Learning“ mit über 2100 Meta-Analysen. Schneider bei wbv.

Beitragsreihe: Alternative Schule

Dies ist ein Beitrag der Reihe: Alternative Schulformen & Alternative Schulen

Beitragsreihe
Marian Zefferer, Psychologe und Gründer von Bildungsimpuls

Autor: Marian Zefferer, MSc

Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.


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