Sketchnote-Banner der vier Bildungsgrundformen der Jenaplan-Schule Jena: Gespräch, Spiel, Arbeit, Feier

Stell Dir eine Schule vor, in der die Kleinen im Kreis sitzen und über ihre Lieblingsmuscheln reden, ein Meter weiter Neuntklässler das Genom mit einem Regalmeter Bücher vergleichen, im Wäldchen nebenan zwei Zehnjährige einen Kompass basteln, und am Freitag alle zusammen die Ergebnisse der Woche feiern. Keine Schulglocke. Keine 45-Minuten-Blöcke. Keine Ziffernnoten bis zur siebten Klasse. Und trotzdem ein staatliches, ganz reguläres Abitur am Ende. Diese Schule gibt es. Sie steht in Jena, an der Tatzendpromenade 9.

Die Jenaplan-Schule Jena ist eine der wenigen deutschen Schulen, an denen das Wort „Reformpädagogik“ seit dreißig Jahren tatsächlich Alltag ist. Ich (Marian Zefferer) finde sie deshalb spannend, weil sie zwei Dinge gleichzeitig hinbekommt: eine radikal andere Art zu lernen, und dabei ehrlich mit ihrem eigenen historischen Erbe umzugehen. Beides ist selten. Zusammen fast nirgendwo zu finden.

Ein Bürgerprojekt aus der „Zeit der Narrenfreiheit“

Der Anfang war klein und mutig. Im September 1991, kurz nach der Wende, gründete eine Initiative aus Lehrern und Eltern in Jena eine Grundschule mit Kindergarten. Kein Ministerium, kein Konzern, keine Stiftung. Ein paar Leute mit einer klaren Idee: eine Schule ohne 45-Minuten-Takt, ohne Frontalunterricht, ohne Pausenglocken. Gisela John, die spätere Schulleiterin und prägende Figur der ersten Jahre, hat das später einmal so beschrieben: „Man weiß doch, wann die Stunde zu Ende ist.“ Die Kinder auch. Die Lehrer sowieso.

Damals gab es das, was Bildungsforscher heute die „Zeit der Narrenfreiheit“ nennen: die kurze Phase in den frühen Neunzigern, in der in Ostdeutschland auch ohne fertige Lehrpläne experimentiert werden durfte. Die Jenaplan-Schule und die parallel gegründete Lobdeburgschule Jena haben diese Freiheit gnadenlos genutzt. Aus der Grundschule mit sechs Jahrgängen wurde bis 1997 eine Schule bis zum Abitur. Heute umfasst sie Vorschule bis Klasse 13. Manche Kinder verbringen an dieser einen Adresse sechzehn Jahre ihres Lebens.

2006 hat Bundespräsident Horst Köhler die Schule als eine der ersten fünf Preisträger mit dem Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung ausgezeichnet. Im gleichen Jahr entließ das Thüringer Kultusministerium sie aus dem Schulversuchsstatus in die „Normalität“ – mit der Erlaubnis, ihre eigene Bewertungskultur zu behalten. Portfolio statt Ziffernnoten bis Klasse 6. Berichtszeugnisse in einem 30-minütigen Gespräch mit jedem Kind. Ein Elternstammtisch jeden ersten Mittwoch, das komplette Kollegium ist anwesend.

Die vier Bildungsgrundformen: Gespräch, Spiel, Arbeit, Feier

Das Konzept geht auf Peter Petersen zurück, der 1927 an der Universität Jena den „Kleinen Jena-Plan“ vorstellte. Vier Grundformen strukturieren seither die Woche: Gespräch, Spiel, Arbeit, Feier. Klingt zunächst sperrig, ist im Alltag aber sehr konkret.

Gespräch heißt Montagskreis. Alle sitzen zusammen, jeder darf etwas mitbringen, eine Muschelsammlung, eine Frage, ein Erlebnis. Aus dem, was die Kinder in die Runde legen, entwickeln sich die Themen der Woche. Ein Kind hat einen Tintenfisch-Kalkknochen dabei? Dann arbeitet die halbe Stammgruppe eine Woche lang an Weichtieren, Ozeanographie, Muschelsystematik.

Spiel ist Freispiel im Klassenraum, im Flur, im Schülercafé. Vor allem bei den Jüngeren tragende Säule des Tages. Bei den Älteren wird es Projektwoche, Theater, Schülerfirma.

Arbeit meint Wochenplan. Jedes Kind bekommt einen individuellen Plan, an dem es zwei Wochen lang selbstständig arbeitet, meist am Beginn des Tages in einem 100-Minuten-Block. Ein Kind der ersten Klasse kann längst am Stoff der zweiten sitzen, wenn es soweit ist. Ein anderes bleibt länger am Grundlagenstoff. Keiner muss auf keinen warten.

Feier ist der Freitag. Am Ende jeder Woche kommen alle zusammen, jede Stammgruppe präsentiert, was sie erarbeitet hat. Musik, Theater, ein Vortrag, eine Ausstellung. „Solche Rituale haben die meisten deutschen Schulen längst abgeschrieben“, sagt der Bildungsfilmer Reinhard Kahl in seiner Dokumentation „Treibhäuser der Zukunft“. In Jena sind sie das Herzstück des Rhythmus.

Wusstest Du?

An der Jenaplan-Schule Jena melden sich jährlich zwischen 100 und 120 Familien für die erste Klasse an. Aufgenommen werden können maximal 32 Kinder. Ein Teil der Plätze ist durch Vorschulkinder bereits belegt. Über die verbleibenden Plätze entscheidet am Ende das Los. Die Schulleitung sagt dazu offen: „Wir wissen, dass wir die Entscheidung niemals richtig machen können, sondern nur falsch.“ (JenaTV, Jenaer Grundschulen vorgestellt)

Stammgruppen: drei Jahrgänge lernen zusammen

Sketchnote einer Stammgruppe: drei Kinder unterschiedlichen Alters lernen zusammen im Kreis

Das sichtbarste Kennzeichen der Schule ist die Altersmischung. Klassen 1 bis 3 sitzen in einer Stammgruppe (Untergruppe), Klassen 4 bis 6 in einer weiteren (Mittelgruppe), Klassen 7 bis 9 in der Obergruppe. Erst ab Klasse 10 wird jahrgangsweise gearbeitet.

Warum? Die Antwort einer Lehrerin im Deutschen Schulportal ist entwaffnend ehrlich: „Mein erster Eindruck hier war, ich war verwirrt. Meine größte Angst war: Wie funktioniert das mit dem Lernen, wenn ich im unterschiedlichen Alter Kinder habe? Inzwischen bin ich ein ganz großer Verfechter der Jahrgangsmischung.“ Die Begründung liefert sie gleich mit: Zu Hause lernen Geschwister voneinander, im Verein spielen unterschiedliche Alter zusammen, an der Universität sind gemischte Semester Standard. Altersgleiche Klassen sind eine schulische Erfindung, die im Rest des Lebens kaum vorkommt.

Ein älterer Schüler ergänzt: „Ganz einfache Sachen, die mir Lehrer erklärt haben, immer wieder auf ihre Art, die wollten bei mir einfach nicht reinkommen. Und Freunde aus meiner Klasse konnten mir das dann doch besser erklären.“ Die Jüngeren profitieren, weil ihnen jemand in ihrer Sprache erklärt, was er selbst gerade erst verstanden hat. Die Älteren festigen ihr Wissen, indem sie es weitergeben. Und beide erleben Fortschritt ohne Konkurrenz, weil der Vergleich zum Gleichaltrigen wegfällt.

Für die Lehrer bedeutet das eine grundlegend andere Rolle. Eine Kollegin bringt es auf den Punkt: „Ich bin nicht mehr der Macher, der vorne steht und die Kinder bespaßt. Ich bin ein Begleiter. Meine Aufgabe ist zu schauen: Wer braucht Hilfe, wen kann ich frei arbeiten lassen?“ Genau diese Verschiebung beschreibt John Hattie in seiner Meta-Analyse Visible Learning als eine der wirkungsvollsten Veränderungen im Unterricht überhaupt: vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter, der Feedback gibt und den Lernprozess sichtbar macht (Hattie, 2013).

„Wir sind die Nummer eins in Jena für Kinder, die anderswo gescheitert sind“

Dieser Satz von Gisela John ist der Kern des Selbstverständnisses. Die Schule nimmt bewusst Kinder auf, die im Regelsystem in schweres Fahrwasser geraten sind: Schulverweigerung, Angststörungen, Autismus, Zwänge.

Das Schulpreis-Porträt von 2006 erzählt die Geschichte von Constantin. Neunzehn Jahre alt, seit fünf Jahren keine reguläre Schule mehr besucht. Nach Mobbing entwickelte er einen Waschzwang, so stark, dass seine Hände bluteten. Angstzustände, Kinderpsychiatrie, kein Anschluss mehr. An der Jenaplan-Schule sitzt er in einer Klasse-8-Stammgruppe zwischen Zwölf- bis Vierzehnjährigen. Das jahrgangsübergreifende System macht diesen Wiedereinstieg ohne Gesichtsverlust möglich. Constantin ist heute nicht mehr da, aber sein Fall steht stellvertretend für Dutzende Kinder, die in Jena eine zweite Chance bekommen haben.

Enja Riegel, die die Helene-Lange-Schule Wiesbaden zum Deutschen Schulpreis geführt hat, beschreibt in „Schule kann gelingen“ ganz ähnliche Erfahrungen: Wenn die Bewertung individueller wird und die Gruppe trägt, kommen selbst die Kinder mit, die im Regelbetrieb längst als Fälle abgestempelt waren (Riegel, 2004). Die Jenaplan-Schule zeigt seit 1991, dass das kein Zufall und kein Einzelfall ist.

Fliegende Klassenzimmer

Sketchnote-Querschnitt einer Schule mit Kindern, die überall im Gebäude lernen

„Die Jenaplan-Schule besteht aus fliegenden Klassenzimmern“, schreibt die Journalistin Ingrid Eißele im Schulpreis-Porträt. „Überall darf gearbeitet werden – auf dem Flur, im Treppenhaus, in der Bibliothek, im Schülercafé, auf dem Schulhof. Selbst das Lehrerzimmer ist nicht Tabu.“

Dieses Raumverständnis ist mehr als eine hübsche Idee. Es ist eine pädagogische Aussage. Wer den Lernraum weit macht, muss den Kindern Verantwortung zutrauen. Wer den Kindern Verantwortung zutraut, muss ihnen zeigen, wie sie sie tragen. Gisela John dazu: „Solche Freiheiten verlangen ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Disziplin, das von klein auf geübt wird.“ Sicherheit vor Freiheit, dann Freiheit. Klare Struktur ist die Grundlage, damit die Kinder in dieser Struktur wirklich frei arbeiten können.

Genau darin liegt für mich der Kernunterschied zu vielen gutgemeinten „offenen“ Konzepten, die im Alltag im Chaos versanden. Freiheit funktioniert dort, wo die Rahmen sitzen. Wenn der Wochenplan klar ist, die Feiern am Freitag stattfinden, die Kreise am Montag geöffnet werden, wenn jedes Kind seinen Portfolio-Termin bekommt: dann ist im Flur zu arbeiten kein Kontrollverlust, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Der Petersen-Konflikt und wie die Schule damit umgeht

Der Namensgeber der Reformpädagogik ist eine belastete Figur. Peter Petersen kooperierte ab 1933 mit dem NS-Regime, publizierte antisemitische Passagen und hielt 1944 sogar Vorträge im KZ Buchenwald, um norwegische Studenten für die Waffen-SS zu gewinnen. Die Historikerin Benjamin Ortmeyer hat das 2008 in seiner Habilitation dokumentiert und damit in Jena eine harte Debatte ausgelöst.

Was die Jenaer besonders macht, ist der Umgang mit diesem Erbe. Sie haben weder weggesehen noch aus Reflex nach zwei Wochen umbenannt. Stattdessen gab es einen öffentlichen Workshop 2010, gemeinsam von Stadt Jena und Friedrich-Schiller-Universität, eine wissenschaftliche Anthologie 2012 (Fauser, John & Stutz, 2012) und 2011 den Stadtratsbeschluss zur Umbenennung des Petersenplatzes in „JenaPlan“. Die Schule trägt seither den Namen des Konzepts, den der Person hat man aus dem Straßenbild genommen.

Hier wurde das eigene Erbe angeschaut, ohne es zu verstecken, ohne die guten Elemente auf dem Scheiterhaufen der schlechten mitzuverbrennen. Idee und Urheber lassen sich trennen, wenn man ehrlich hinschaut. Die vier Bildungsgrundformen sind pädagogisch tragfähig, unabhängig davon, dass ihr Erfinder in den 30er und 40er Jahren moralisch versagt hat. Die Diskussion darüber gehört an eine Reformschule genauso hinein wie Wochenplan und Feier.

Was macht die Schule reproduzierbar?

Die Jenaplan-Schule Jena ist kein Solitär. Das Konzept wird bundesweit an etwa 30 Schulen umgesetzt, mit Schwesterprojekten in Weimar, Nürnberg, Wolfsburg. In den Niederlanden gibt es weit über 200 Jenaplan-Schulen, dort ist das Modell seit den 1960ern eine Standardalternative im staatlichen Schulsystem. Reproduzierbar ist es also – wenn drei Zutaten stimmen.

Erstens: eine Gruppe von Erwachsenen, die eine gemeinsame pädagogische Sprache spricht. In Jena ist der Elternstammtisch monatlich, mit dem kompletten Kollegium. Ohne diese Verzahnung fällt das System auseinander.

Zweitens: ein Rahmen, der den Freiraum absichert. In Jena war das die Wende, die Narrenfreiheit-Phase und später ein Schulversuchsstatus, der 2006 in einen Dauerstatus überging. In anderen Bundesländern ginge das über die Regelungen für Ersatzschulen oder Freie Träger, meist zäher, aber möglich.

Drittens: die Bereitschaft, die Bewertungskultur zu ändern. Portfolio statt Ziffernnoten. 30-Minuten-Gespräche statt Zeugnisstapel. Wer das nicht will, kann keine echte Stammgruppen-Arbeit machen, weil in gemischten Altersstufen Ziffernnoten sofort neue Konkurrenz aufmachen, die das System kaputt macht.

Hartmut von Hentig hat in „Die Schule neu denken“ 1993 die Grundgedanken beschrieben, die eine solche Schule tragen: Sie muss Menschen stärken, sie muss Sachen klären, sie muss von der Wirklichkeit ausgehen (von Hentig, 1993). Genau das machen die Jenaer seit 1991. Und genau das ist an vielen anderen Orten in Deutschland möglich – wenn die drei Zutaten stimmen.

Was Deutschland lernen kann

Reinhard Kahls Zitat aus „Treibhäuser der Zukunft“ bringt es auf einen Satz: „Besser hieße für mich, auf die Schule übertragen: Die Leistung ist besser und die Gerechtigkeit ist höher. Das heißt: Mehr Kinder kommen zu höheren Leistungen – in der Spitze und in der Breite“ (Kahl, 2004). Genau das zeigt Jena. Leistung und Gerechtigkeit gleichzeitig. Kein Zielkonflikt, wo viele einen sehen.

Meine Vision für Bildung in Deutschland: Es gibt viele verschiedene richtig gute Schulen. Reformpädagogische Schulen wie Jena. Alemannenschulen mit klassenzimmerlosen Lernbüros. Freie Schulen mit maximaler Selbstbestimmung. Klassische Gymnasien, die auf hohes Fachniveau setzen. Eltern und Kinder wählen aus einem echten Angebot. Wenn eine Schule konsequent schlechte Arbeit macht, gehen die Kinder woanders hin, dann verschwindet sie. Das ist keine Utopie – in Jena arbeiten sie seit über dreißig Jahren an einer dieser vielen guten Schulen. Der Neuanfang 1991 war der Beleg, dass es geht, sobald der politische Rahmen es zulässt.

Praxistransfer: Was Du aus Jena mitnehmen kannst

Selbst wenn Du weit weg wohnst oder keine Kinder im Schulalter hast – ein paar Prinzipien lassen sich in fast jedem Lernkontext übertragen:

  1. Altersmischung dort suchen, wo sie möglich ist. Lerngruppe im Studium, Musikschule, Volleyball-Verein, Coding-Community. Wo Ältere und Jüngere zusammen lernen, entsteht ganz automatisch Peer-Erklärung – die stärkste Lernform überhaupt.
  2. Feier statt nur Abhaken. Am Ende einer Lerneinheit sichtbar machen, was gewachsen ist: eine kurze Präsentation, ein Kurzvortrag im Team, ein Foto vom Ergebnis. Das speichert das Gelernte im Körper ab.
  3. Fragen aus der Gruppe holen, statt Themen von oben zu setzen. Der Muschel-Kalkknochen-Moment. Wenn Menschen mitreden dürfen, was sie interessiert, verwandelt sich Pflichtstoff in gemeinsame Neugier.
  4. Portfolio statt Note. Bei eigenem Lernen: eine Sammelmappe anlegen, in der Du zeigst, was Du kannst. Bei Kindern: statt Ziffernnoten mit ihnen anschauen, was gewachsen ist.
  5. Räume weit machen. Nicht jedes Lernen muss am Schreibtisch stattfinden. Beim Spazieren, im Café, im Wald: das Gehirn braucht Bewegung und Umgebungswechsel, um neue Verbindungen zu knüpfen.

Impuls für morgen

Nimm eine Lerneinheit, die diese Woche ansteht (beruflich, privat, mit Kindern). Ersetze die geplante Abfrage am Ende durch eine kleine „Feier“: Zeigen, was gewachsen ist. Fünf Minuten reichen. Beobachte, was das mit der Motivation macht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Jenaplan-Schule Jena wurde 1991 als Bürgerinitiative gegründet und ist heute eine staatliche Gemeinschaftsschule von der Vorschule bis zum Abitur.
  • Vier Bildungsgrundformen strukturieren die Woche: Gespräch (Montagskreis), Spiel (Freispiel und Projekte), Arbeit (Wochenplan), Feier (Freitag).
  • Stammgruppen aus drei Jahrgängen (1-3, 4-6, 7-9) sind das sichtbarste Kennzeichen und die stärkste Lernkomponente.
  • Ziffernnoten gibt es erst ab Klasse 7. Vorher Portfolio und Berichtszeugnisse mit 30-minütigem Übergabegespräch.
  • „Fliegende Klassenzimmer“: Gelernt wird überall im Gebäude, im Flur, im Café, im Wäldchen.
  • Deutscher Schulpreis 2006 als offizielle Anerkennung, seither Hospitationsschule im Deutschen Schulportal.
  • Der Umgang mit dem NS-belasteten Namensgeber Peter Petersen ist beispielhaft: Debatte, Wissenschaft, Umbenennung des Petersenplatzes 2011 in „JenaPlan“.

Häufige Fragen

Was kostet die Jenaplan-Schule Jena?

Kein Schulgeld. Die Schule ist eine staatliche Gemeinschaftsschule des Landes Thüringen. Ein Förderverein sammelt zusätzlich Spenden, weil der Reform-Alltag mehr kostet als ein Regelschulbetrieb. Aufnahme über Anmeldung mit Losverfahren (100-120 Anmeldungen jährlich, maximal 32 Plätze).

Ist die Jenaplan-Pädagogik dasselbe wie Montessori oder Waldorf?

Nein, alle drei sind eigenständige reformpädagogische Konzepte mit eigenen Wurzeln. Montessori (ab 1907) betont vorbereitete Umgebung und Materialarbeit. Waldorf (ab 1919) baut auf der Anthroposophie Rudolf Steiners und dem Epochenunterricht auf. Der Jenaplan (ab 1927) hat als Kern die vier Bildungsgrundformen und die Stammgruppen. Gemeinsam ist allen dreien die Absage an den 45-Minuten-Fachunterricht als Standardbetrieb.

Welche Schulabschlüsse kann man an der Jenaplan-Schule Jena machen?

Alle in Thüringen möglichen Abschlüsse: Hauptschulabschluss, Realschulabschluss, Fachhochschulreife, allgemeine Hochschulreife (Abitur nach 13 Jahren). Die Schule folgt den regulären Thüringer Lehrplänen.

Warum trägt die Schule den Namen des Konzepts und nicht mehr des Erfinders?

Peter Petersen kooperierte in der NS-Zeit mit dem Regime und veröffentlichte antisemitische Texte. Nach einer intensiven Aufarbeitung ab 2008 (Habilitation von Benjamin Ortmeyer, öffentlicher Workshop 2010, Anthologie Fauser/John/Stutz 2012) hat der Jenaer Stadtrat 2011 den Petersenplatz in „JenaPlan“ umbenannt. Die Schule trägt weiterhin den Namen des Konzepts, weil das pädagogische Modell unabhängig von seinem Erfinder trägt – und diese Trennung wurde ausdrücklich diskutiert und beschlossen.

Wo finde ich weitere Jenaplan-Schulen in Deutschland?

Bundesweit gibt es rund 30 Jenaplan-Schulen, darunter die Jenaplanschule Weimar und die Jenaplan-Schule Nürnberg. In den Niederlanden über 200. Ein Verzeichnis führt der Deutsche Jenaplan Verein. Für einen Vergleich mit anderen Reformschulen empfehle ich unsere Porträts zur Laborschule Bielefeld, zur Helene-Lange-Schule Wiesbaden und zur Neuen Schule Hamburg.

Quelle

  • Fauser, P., John, J., & Stutz, R. (Hrsg.). (2012). Peter Petersen und die Jenaplan-Pädagogik. Historische und aktuelle Perspektiven. Franz Steiner Verlag.
  • Hattie, J. (2013). Lernen sichtbar machen. Schneider Hohengehren.
  • Kahl, R. (2004). Treibhäuser der Zukunft. Wie in Deutschland Schulen gelingen [Dokumentarfilm-Edition]. Archiv der Zukunft/Beltz.
  • Petersen, P. (2014). Der Kleine Jena-Plan einer freien allgemeinen Volksschule (Neuauflage). Beltz. (Originalwerk publiziert 1927)
  • Riegel, E. (2004). Schule kann gelingen! Wie unsere Kinder wirklich fürs Leben lernen. Die Helene-Lange-Schule Wiesbaden. Fischer.
  • von Hentig, H. (1993). Die Schule neu denken. Eine Übung in praktischer Vernunft. Hanser.

Beitragsreihe: Alternative Schule

Dies ist ein Beitrag der Reihe: Alternative Schulformen & Alternative Schulen

Beitragsreihe

Autor: Marian Zefferer, MSc

Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.


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