Stell Dir vor, Du gründest eine Grundschule, weil Du glaubst, dass Kinder freiwillig lernen wollen, wenn Du sie in Ruhe lässt. Der Staat sagt: nein. Und wieder: nein. Und dann elf Jahre lang immer wieder: nein. Deine Kinder gehen trotzdem hin. Die Bußgeldbescheide kommen. Die Eltern zahlen sie nicht – oder eben doch, aber ihre Kinder bleiben. Am Ende, nach elf Jahren, gibt der Staat nach.
Das ist keine erfundene Geschichte. Das ist der Weg der Freien Schule in Berlin – besser bekannt als Freie Schule Tempelhof – von 1979 bis 1990.
Was die Freie Schule Tempelhof ist
Die Freie Schule in Berlin e.V. ist eine alternative Grundschule mit sechs Jahrgängen und rund 40 Kindern (Voigt, 1997). Sie liegt bis heute auf dem Gelände der Ufa-Fabrik in Berlin-Tempelhof, einem alten Filmstudio-Areal, das in den 70er-Jahren zum selbstverwalteten Kulturzentrum umgebaut wurde. Kein Wunder, dass in genau diesem Milieu Ende der 70er-Jahre auch eine Schule wuchs, die vom ersten Tag an nicht in die Schablone passen wollte.
Die Wurzeln liegen in einem Kinderladen. Vier Mütter arbeiteten ab 1977 an einer Konzeption für eine eigene Grundschule. Ende 1978 stand das Konzept, Anfang 1979 erkannte die Berliner Schulverwaltung das „besonderen pädagogischen Interesse“ der Schule an – und im Sommer 1979 startete die Freie Schule Tempelhof mit dem ersten Jahrgang (Voigt, 1997).
Es klingt nach einer glücklichen Gründung. Sie war es nicht.
Der Konflikt: Was ist Schule überhaupt?
Ab 1982 beginnt der Zermürbungslauf. Die Schulverwaltung Berlin will die Schule „auf das Maß einer öffentlichen Schule zurückführen“ – so das Zitat aus dem Schriftverkehr, das Oskar Voigt in seiner Chronik dokumentiert (Voigt, 1997).
Zurückführen ist das falsche Wort. Es war ein Rückbau. Weniger Selbstbestimmung, mehr Frontalunterricht, weniger jahrgangsübergreifendes Lernen, mehr klassische Struktur. Die Schule hätte alles aufgeben müssen, wofür sie gegründet worden war.
Ende des Schuljahres 1982/83 wird der Freien Schule die Arbeitserlaubnis entzogen. Nach breiter pädagogischer Öffentlichkeitsarbeit gibt es im November 1983 eine vorläufige Genehmigung. Doch 1985 kommt der bis dahin schärfste Schlag: Die Schulaufsicht verkündet, die Freie Schule habe ihr Ziel, die Kinder zuverlässig für den Übergang in weiterführende Schulen auszubilden, „aufgrund Inkompetenz und untauglichen Konzepts“ verfehlt (Voigt, 1997). Die Schule klagt. Ende 1986 wird der Antrag auf einstweilige Aussetzung letztinstanzlich verworfen.
Auf dem Papier ist die Schule damit erledigt.
Wusstest Du?
Zwischen der Gründung 1979 und der endgültigen staatlichen Genehmigung 1990 lagen elf Jahre – länger, als ein Kind die gesamte Grundschul- und Sekundarstufe I durchläuft. In derselben Zeit hätte eine Kohorte die Schule betreten, durchlaufen und wieder verlassen, während die Existenzberechtigung der Einrichtung weiter juristisch verhandelt wurde.
Wie sich Eltern durch die Schulpflicht bewegten

Was die Eltern in dieser Situation gemacht haben, ist der eigentliche Wendepunkt.
Statt ihre Kinder in eine öffentliche Schule zurückzuschicken, ließen sie sie einfach in der Freien Schule. Formal wurden die Kinder in den integrierten Hort und den Kinderladen der Schule eingeschrieben und der Schulpflicht schlicht entzogen. Bußgeldverfahren wurden eröffnet. Und diese Verfahren, so hält Voigt fest, „verpuffen“ – weil parallel öffentlich wurde, was für Absolventen der Freien Schule sonst noch alles möglich ist: der Übergang auf weiterführende Schulen gelang. Nicht ausnahmsweise, sondern verlässlich (Voigt, 1997).
Damit war das zentrale Argument der Schulaufsicht – die Kinder würden ausbildungsuntauglich – empirisch widerlegt. Nicht durch eine Studie, sondern durch die Kinder selbst.
Ich, Marian Zefferer, würde das gerne auch dahingehend zuspitzen, wo die Wut wirklich sitzt: Wenn ich eine einzige Sache am Bildungssystem sofort abschaffen dürfte, wäre es die Schulpflicht. Nicht, weil Kinder nicht lernen sollen – im Gegenteil, sie lieben das Lernen, wenn man sie lässt. Sondern weil das Wort „Pflicht“ das Problem ist. Die Freie Schule Tempelhof zeigt, was passiert, wenn Eltern sich dem Zwang entziehen und trotzdem für die Bildung ihrer Kinder sorgen: die Kinder wachsen und werden fähig. Der Staat verliert sein wichtigstes Druckmittel. Und wenn er merkt, dass die Kinder trotzdem lesen, schreiben und rechnen können, bricht die ganze Konstruktion in sich zusammen.
Der Umschwung 1987
Im Oktober 1987 nehmen drei Fürsprecher der Schule ein Gespräch mit der damaligen Schulsenatorin Dr. Laurien wahr: der Berliner FDP-Politiker Fabig, Prof. Vogel und der Pädagoge Prof. Ilien. In diesem Gespräch überzeugen sie Laurien von der Verlässlichkeit der pädagogischen Arbeit an der Schule (Voigt, 1997). Es ist kein Gerichtsurteil, keine parlamentarische Entscheidung. Es ist ein Fachgespräch mit einer Ministerin, die zuhört.
1988/89 folgt die vorläufige Genehmigung, Ende 1990 die endgültige – durch die grüne Schulsenatorin Sybille Volkholz.
Elf Jahre. Vier Mütter, ein Kinderladen, eine Fabrikhalle, eine handvoll Pädagogen, viele Eltern, die die Bußgelder in Kauf nahmen, drei Fürsprecher zum richtigen Zeitpunkt – und eine Schulsenatorin, die am Ende unterschrieb.
Warum diese Geschichte heute wichtig ist
Der Konflikt Tempelhof ist kein Berliner Kuriosum aus den 80ern. Er ist der Prototyp dessen, was fast jede echte Alternativschule in Deutschland durchläuft, wenn sie es ernst meint. Und er beantwortet eine Frage, die im deutschen Bildungsdiskurs meistens ausgeblendet wird: Wer entscheidet eigentlich, was Schule ist?
Die Standardantwort lautet: der Staat, weil er die Qualität sichert und die Chancengleichheit garantiert. Die Freie Schule Tempelhof hat auf diese Antwort mit einer präziseren Rückfrage reagiert: Qualität wofür – und wer misst?
Wenn Qualität heißt, dass Kinder mit zwölf Jahren lesen, schreiben, rechnen, argumentieren und in der Lage sind, in einer Regelschule anzukommen, dann hat die Freie Schule geliefert. Wenn Qualität heißt, dass sie darüber hinaus gerne lernen, sich selbst organisieren und Konflikte demokratisch aushandeln können, hat sie mehr geliefert. Was sie nicht geliefert hat: die Kinder in Klassenzimmerreihen und Vierundvierzig-Minuten-Takten. Genau das war das Problem der Schulaufsicht.
Der Bund der Freien Alternativschulen, zu dem die Schule bis heute gehört, beschreibt seine Grundlagen mit drei Begriffen: selbstbestimmtes Lernen, demokratische Mitbestimmung, gegenseitiger Respekt (Voigt, 1997). Das sind keine PR-Slogans, das ist Betriebssystem. Und dieses Betriebssystem funktioniert seit 1979 in Tempelhof, seit den 60ern in England (Summerhill). Es funktioniert. Was ihm fehlt, ist die Skalierung.
Was Du daraus mitnehmen kannst
Auch wenn Du gerade keine Alternativschule gründest, hat die Tempelhof-Geschichte konkrete Ableitungen. Ich habe sie einmal als Impuls-Liste zusammengefasst:
- Lass Kinder verlässlich beweisen, dass sie können, was sie können sollen. Der stärkste Hebel der Eltern in Tempelhof war nicht Empörung, sondern der reale Übergangserfolg ihrer Kinder auf weiterführende Schulen. Wenn Du für ein Kind Position beziehst – in der Schule, im Coaching, in der Familie – such nach dem realen Beleg, nicht nach dem lauten Argument.
- Kritik am System darf nicht bei der Klage stehenbleiben. Elf Jahre Widerstand ohne funktionierende Schule wären elf Jahre Frust gewesen. Was die Freie Schule getragen hat, war die tägliche Arbeit mit den Kindern – nicht der Streit mit der Schulaufsicht. Alles, was Du in Sachen Bildung anstößt, sollte an dem Tag, an dem der Widerspruch aufhört, immer noch tragen.
- Suche Deine drei Fürsprecher. Der Wendepunkt 1987 hing an einem einzigen Gespräch, das drei Menschen mit der Ministerin geführt haben. Wenn Du an einer Stelle in Deinem Kind oder Deinem eigenen Bildungsweg festhängst, überleg, wer die drei Gespräche führen kann, die die Blockade lösen.
- Vertraue der Zeit, aber nur, wenn Du in ihr wirkst. Zwischen 1979 und 1990 lagen elf Jahre. Sie sind nicht vergangen. Sie wurden gelebt. Was Du für Deine Kinder oder Schüler tun willst, geht selten in einem Sommer – aber es geht, wenn Du jeden Tag ein Stück davon lebst.
Impuls für morgen
Wenn Du selbst gerade mit einer Bildungsentscheidung ringst – eigene Schulwahl, Homeschooling, Klassenwechsel, Beschulungskonflikt: Frag Dich nicht als Erstes, ob es „erlaubt“ ist. Frag Dich, ob es für das Kind funktioniert.
Wo Du die Freie Schule Tempelhof im Bildungsimpuls-Kontext einordnen kannst
Die Freie Schule in Berlin ist ein Puzzlestück in einem größeren Bild. Wenn Du Dich für die Landschaft der Alternativschulen interessierst, sind diese Nachbarschaften naheliegend:
- Die Alemannenschule Wutöschingen zeigt, wie ein selbstorganisiertes Konzept aussieht, das – anders als Tempelhof – vom Anfang an in staatlicher Trägerschaft möglich war.
- Die Freie Demokratische Schule Kapriole steht in direkter Linie mit dem, was Tempelhof gemacht hat: Sudbury-Wurzeln, demokratische Verfassung, freie Zeiteinteilung.
- Die Lernwerkstatt Pottenbrunn ist das österreichische Pendant für alle, die sehen wollen, wie eine solche Schule heute unter aktuellen rechtlichen Bedingungen entsteht.
- Und wenn Du Dich fragst, wo diese Schulen ihre pädagogische Wurzel haben, führt der Weg direkt zur Summerhill Schule, zur ältesten demokratischen Schule Europas.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Freie Schule in Berlin (Tempelhof) wurde 1979 aus einem Kinderladen heraus als alternative Grundschule gegründet und ist bis heute im Bund der Freien Alternativschulen organisiert.
- Zwischen 1982 und 1990 zog sich ein Konflikt mit der Berliner Schulverwaltung, in dem die Schule ihre Arbeitserlaubnis vorübergehend verlor und 1985 sogar ganz geschlossen werden sollte.
- Die Eltern setzten dem Zwang das faktische Gegenargument entgegen: ihre Kinder blieben in der Schule, die Bußgeldverfahren verpuffen, weil die Absolventen den Übergang in weiterführende Schulen zuverlässig meisterten.
- Der politische Umschwung 1987 lief über ein einziges Fachgespräch dreier Fürsprecher mit der zuständigen Schulsenatorin.
- Endgültige staatliche Anerkennung: Ende 1990 durch Schulsenatorin Sybille Volkholz. Elf Jahre nach der Gründung.
- Kernbotschaft für die eigene Bildungsarbeit: Der stärkste Hebel gegen bürokratische Blockade ist das gelebte, überprüfbare Ergebnis – nicht die Empörung.
Häufige Fragen
Wo befindet sich die Freie Schule in Berlin heute?
Die Schule ist bis heute auf dem Gelände der Ufa-Fabrik in Berlin-Tempelhof beheimatet und arbeitet als alternative Grundschule mit sechs Jahrgängen (Voigt, 1997).
Ist die Freie Schule Tempelhof staatlich anerkannt?
Ja. Die endgültige staatliche Genehmigung wurde Ende 1990 durch die damalige Schulsenatorin Sybille Volkholz ausgesprochen – elf Jahre nach dem Schulstart 1979.
Warum hat die Anerkennung so lange gedauert?
Die Berliner Schulverwaltung sah die Konzeption der Schule mehrfach als „untauglich“ an und versuchte, sie in Richtung Regelschule zu drängen. Erst als sich der Übergangserfolg der Absolventen an weiterführende Schulen öffentlich zeigte, kippte die Position der Aufsicht.
Zu welchem Verbund gehört die Schule?
Die Freie Schule in Berlin ist Teil des Bund der Freien Alternativschulen mit den Grundsätzen selbstbestimmtes Lernen, demokratische Mitbestimmung, gegenseitiger Respekt.
Quelle
- Voigt, O. (1997). Einblicke in 18 Jahre Freie Schule in Berlin e.V. Freie Schule in Berlin e.V. https://www.freie-schule-in-berlin.de/de/topic/4.geschichte.html
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Autor: Marian Zefferer, MSc
Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.

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