Maria-Leo-Grundschule: Vertrauen statt Kontrolle
Elias ist elf und steht am Montagmorgen um acht Uhr vor einer großen Tafel im vierten Stock. In seinem Brückenbuch trägt er seine Termine für die Woche ein. Englisch macht er auf dem höchsten Niveau, weil er aus Südafrika kommt. Mathe und Deutsch auf der mittleren Stufe. Am Mittwoch hat er Coaching, am Donnerstag zwei Mal einen Input im Kleinkreis, dazwischen Zeit, die er selbst plant. Kein Klassenlehrer sagt ihm, wo er zu sitzen hat. Keine Klingel unterbricht ihn. Keine Note steht am Ende auf seinem Blatt.
Elias geht zur Maria-Leo-Grundschule in Berlin-Prenzlauer Berg. Sie hat 2025 als erste Berliner Schule den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises gewonnen. Der Preis ist mit 100.000 Euro dotiert, aber das ist nicht das Interessante. Das Interessante ist die Frage, wie eine ganz normale staatliche Grundschule mitten in Pankow es schafft, dass 450 Kinder mit Lust in ein Gebäude gehen, in dem Vertrauen die wichtigere Währung ist als Kontrolle. Ich habe mir das genau angeschaut: das ist das derzeit beste Beispiel dafür, dass Schule auch anders geht, ohne Privatschul-Aufkleber, ohne teures Schulgeld, ohne Elite-Filter.
Was die Maria-Leo-Grundschule ist
Die Maria-Leo-Grundschule liegt in der Conrad-Blenkle-Straße 20 in 10407 Berlin, formal die 48. Grundschule im Bezirk Pankow. Sie ist eine öffentliche staatliche Grundschule, keine Privatschule. Zurzeit lernen dort rund 450 Kinder in den Klassen 1 bis 6, begleitet von etwa 81 Pädagogen: Lehrer, Erzieher, Schulhelfer, FSJler, Instrumentallehrende. Schulleiterin ist Sandra Scheffel, montessori-orientiert, mit einem sehr klaren Kompass.
Das Gebäude ist neu. Berlin baut im Rahmen der Schulbauoffensive rund 70 sogenannte Compartment-Schulen, also Schulen, die architektonisch von Grund auf für offenes Lernen konzipiert sind statt nach dem klassischen Flur-Prinzip. Die Maria-Leo-Grundschule ist eine der ersten und dient anderen inzwischen als Referenz. Was die Architektur ermöglicht, entscheiden aber die Menschen darin. Und die haben sich für ein Konzept entschieden, das die Jury des Deutschen Schulpreises als „konsequente Verbindung von Raum, Pädagogik, Zielorientierung und Lernfreude“ bezeichnet hat.
Sechs kleine Schulen in einer großen: das Lernhaus-Konzept
Jede Etage des Gebäudes ist ein Lernhaus. Sechs Etagen, sechs Lernhäuser, in jedem lernen rund 75 Kinder in drei Gruppen à 25. Sandra Scheffel nennt es eine „Lernfamilie“: Ein festes Team aus etwa elf Erwachsenen begleitet dieselben Kinder von der Einschulung bis zur sechsten Klasse. Wer schwanger wird, kommt zurück. Wer sich das Knie verdreht, wird vertreten. Die Zusammensetzung bleibt.
Diese Kontinuität ist ein tragendes Prinzip. „Gute Bildung entsteht nur mit guter Beziehung“, sagt Scheffel, „und Beziehung braucht Kontinuität und Verlässlichkeit.“ Der Neurobiologe Joachim Bauer hat das für die Hirnforschung ausbuchstabiert: Spiegelneurone bringen uns dazu, den emotionalen Zustand des Gegenübers unwillkürlich mitzuschwingen. Ein gehetzter Lehrer erzeugt gehetzte Kinder. Eine Pädagogin, die wirklich in Ruhe hinsehen kann, weil sie das Kind seit drei Jahren kennt, erzeugt Kinder, die in Ruhe lernen.
Die Kinder werden zwischen Klasse 1 und 3 als „Mikros“ geführt, in Klasse 4 bis 6 als „Makros“. Wer schneller ist, wechselt nach zwei Jahren zu den Makros. Wer ein Jahr länger braucht, bleibt vier Jahre bei den Mikros. Der Wechsel hängt an der Reife des Kindes, nicht am Kalender.
Und Sandra Scheffel führt die Schule nicht allein. Jedes Lernhaus hat eine Lehrer-Leitung und eine Erzieher-Leitung, zusammen also zwölf Menschen. Diese zwölf plus Scheffel treffen sich wöchentlich in einer kollektiven Schulleitung. Jede Sitzung beginnt mit der warmen Dusche: „Wer hat etwas Tolles erlebt? Wer möchte sich bedanken?“ Danach geht es um Best Practice, erst dann um Probleme. Die klassische Gesamtkonferenz mit sechzig Zuhörern gibt es nicht mehr. Informationen laufen digital, weil eine Sitzung mit sechzig Leuten unweigerlich zur Belehrung wird.
Wusstest Du?
John Hattie hat für sein Standardwerk Lernen sichtbar machen über 800 Meta-Analysen mit rund 250 Millionen Schülern ausgewertet. Der stärkste einzelne Einflussfaktor auf Lernerfolg ist nicht das Curriculum, nicht die Klassengröße und nicht die Digitalisierung, sondern hochwertiges Feedback. Genau das läuft an der Maria-Leo-Grundschule über das Brückenbuch, das Denkzeit-Coaching und die kleinen Teams: rückmeldungsintensiv, personennah, ohne Ziffer.
Kein Frontalunterricht, kein Klingeln: der Tag
Die Schule öffnet um 7:45 Uhr, bis 8:15 Uhr können die Kinder kommen. In der Garderobe ziehen sie Straßenschuhe aus und Hausschuhe an. Dann gehen sie in ihr Lernhaus, wählen sich selbst eine Aufgabe und starten. Manche schreiben den Gelingensnachweis vom Vortag zu Ende, manche essen erstmal ihre Stulle, manche klären mit ihrem Sitznachbarn den ungelösten Konflikt von gestern. „Mit dem Problem im Herzen können wir nicht gut lernen“, sagt Scheffel dazu. Erst um 8:30 oder 8:45 Uhr beginnt der gemeinsame Tageseinstieg im Lernhaus, den jedes Team selbst gestaltet, mal als Sitzkreis, mal mit einem Lied.
Dann kommen die Lernwegs- und Projektzeiten: Inputs von den Pädagogen für kleine oder große Gruppen, dazwischen selbstständiges Arbeiten am individuellen Lernplan. Danach Mittagspause. Nachmittags ein weiteres Band. Klingeln gibt es keine. Übergänge werden im Team abgesprochen.
Auf dem Weg begegnen den Kindern Räume mit Namen: das Aquarium, ein Glaskasten mit Bücherregalen und großen Kissen für konzentriertes Arbeiten. Die Höhle zum Zurückziehen. Der Matheteppich. Ein Klavier auf dem Flur, das jeder benutzen darf. Es ist ein Möglichkeitsraum, in dem sichtbar bleibt, wer wo lernt.

Level-Up statt Noten: das Verantwortungssystem
Für die Makros gibt es das Level-Up-Konzept mit drei Stufen: Explorer, Explainer, Experts. Wer neu bei den Makros ankommt, startet als Explorer. Wer aufsteigen will, schreibt eine Bewerbung, begründet, warum er reif für die nächste Stufe ist, führt ein Gespräch mit einer externen Coachin und unterschreibt einen Ausbildungsvertrag. Als Explainer darf man das iPad frei nutzen, sich selbst den Lernort wählen, Gelingensnachweise schreiben, wenn man sich bereit fühlt. Wer die Vereinbarungen dreimal in zwei Wochen bricht, wird zurückgestuft. Das ist eine Rückmeldung an das Kind, dass es diese Freiheit noch nicht tragen kann.
Rückmeldung läuft nicht über Ziffern, sondern über das Brückenbuch. Die Kinder setzen sich smarte Wochenziele, dokumentieren ihre Arbeit, reflektieren am Ende der Woche. Die Pädagoginnen coachen, statt zu benoten. Bis zur Klasse 5 gibt es an der Maria-Leo-Grundschule keine Ziffernzeugnisse. Scheffel sagt den Eltern das offen bei der Anmeldung: „Wenn Sie das nicht wollen, wählen Sie bitte eine andere Schule.“ Sie schafft damit einen sauberen Filter, bevor Konflikte entstehen.
Das ist einer der Punkte, an denen ich lange stehe. Wenn ich einen Knopf drücken dürfte und im deutschen Bildungssystem etwas ändern könnte, wären Noten in der Grundschule mit ganz oben auf meiner Liste. Sie kosten enorm viel Zeit, sie bilden nicht ab, was ein Kind kann, sie erzeugen bei denen, die im unteren Drittel landen, Selbstzweifel, die noch Jahre nachwirken. Und sie sortieren die Kinder in eine hierarchische Ordnung, in der es Sieger und Verlierer gibt, bevor die meisten überhaupt wissen, wer sie sind. Die Maria-Leo-Grundschule zeigt, dass es geht, sie abzuschaffen. Nicht theoretisch. Praktisch. Mit Deutschem Schulpreis 2025 obendrauf, der sonst Schulen wie die Helene-Lange-Schule auszeichnet.
Vertrauen ist teuer, weil man Systeme darum bauen muss
An der Maria-Leo-Grundschule funktioniert dieses Vertrauen nicht deshalb, weil die Erwachsenen naiv sind, sondern weil sie Systeme darum gebaut haben. Selbstregulation lernen Kinder nicht durch ein Plakat an der Wand, sondern durch feste Rituale (den offenen Anfang, das Brückenbuch, den Denkzeit-Mittwoch) und durch messbare Rückmeldungen (Level-Up, kleine Ziele, klare Konsequenzen). Der US-Bildungsforscher Barry Zimmerman hat schon vor zwei Jahrzehnten gezeigt, dass Selbstregulation ein trainierbarer Zyklus ist: Ziel setzen, arbeiten, reflektieren, anpassen. Genau diesen Kreislauf legt das Brückenbuch offen und wiederholt ihn Woche für Woche.
Und das Konzept funktioniert nicht durch das Gebäude. Sandra Scheffel sagt das selbst: „Gute Schule ist nicht abhängig vom Gebäude. Der Neubau macht vieles einfacher, aber er ist nicht zwingend notwendig für das Konzept.“ Die Schule hat 2018 als Filiale mit 40 Kindern und drei Lehrkräften auf einer Etage eines maroden Gymnasiums angefangen. Auch dort lief das jahrgangsübergreifende, projektorientierte Montessori-Lernen. Der Compartment-Bau kam erst 2023 dazu.
Der Preis für das Vertrauen: Der eigene Klassenraum verschwindet. Lehrer, die vorher „ihre“ Ecke der Schule eingerichtet hatten, mussten damit klarkommen, dass am Nachmittag Kinder in demselben Raum spielen und entspannen. Und ohne Coaching würde das Level-Up-System zusammenbrechen. Also hat Scheffel auf Honorarbasis eine externe Coachin geholt, die den Kindern jede Woche echte Coachinggespräche anbietet. „Ursprünglich war das eine Notlösung“, sagt sie, „mittlerweile ist es das Beste, was uns passieren konnte.“
Praxistransfer: was Du aus dem Maria-Leo-Konzept mitnehmen kannst
- Warme Dusche vor Problemen. Egal ob Familien-Meeting, Team-Sitzung oder Elterngespräch: Starte mit dem, was gerade gut läuft. Erst danach die Themen, die Ärger machen. Das verschiebt keine Probleme, es öffnet den Raum, in dem sie sich lösen lassen.
- Kontinuität über Vielfalt. Wenn Du wählen kannst, wähle den festen Bezug (dieselbe Erzieherin, denselben Klassenlehrer über mehrere Jahre) über den bunten Wechsel. Beziehung ist der Hebel, nicht das Curriculum.
- Selbstgewählter Einstieg. Beginne den Tag mit einer Aufgabe, die Du selbst gewählt hast, nicht mit einer, die jemand anderer Dir aufgetragen hat. Zehn Minuten reichen. Der Effekt auf den Rest des Tages ist überraschend groß.
- Rückmeldung statt Ziffer. Wenn Du einem Kind etwas rückmelden willst (Zeugnis, Klassenarbeit, Referat, aber auch: die aufgeräumte Küche), beschreibe konkret, was gelungen ist. Zwei Sätze reichen. Eine Zahl beschreibt nichts.
- Ausbildungsvertrag für neue Freiheiten. Wenn Dein Kind eine neue Freiheit bekommt (Smartphone, Ausgang, ÖPNV allein): Setzt euch hin, schreibt drei bis fünf konkrete Vereinbarungen auf, unterschreibt beide. Wird der Vertrag gebrochen, ist die Rückstufung die Konsequenz aus der Absprache.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Maria-Leo-Grundschule in Berlin-Pankow hat 2025 als erste Berliner Schule den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises gewonnen (100.000 Euro).
- Rund 450 Kinder in Klasse 1 bis 6 lernen in sechs Lernhäusern à ~75 Kinder, jedes Lernhaus als eigene kleine Schule geführt.
- Keine Hausaufgaben, keine Noten bis Klasse 5. Rückmeldung läuft über das Brückenbuch und Denkzeit-Coaching.
- Kinder bleiben zwei bis vier Jahre im selben Mikro-Lernhaus, je nach Lerntempo.
- Das Level-Up-System (Explorer, Explainer, Experts) gibt schrittweise mehr Freiheit gegen mehr Verantwortung.
- Kollektive Schulleitung: Scheffel plus zwölf Lernhausleitungen entscheiden gemeinsam, nicht die klassische Konferenz mit sechzig Leuten.
- Das Konzept ist übertragbar. Sandra Scheffel selbst: „Gute Schule ist nicht abhängig vom Gebäude.“
Häufige Fragen
Wo genau liegt die Maria-Leo-Grundschule?
Die Schule ist die 48. Grundschule im Bezirk Berlin-Pankow und liegt in der Conrad-Blenkle-Straße 20, 10407 Berlin, im Ortsteil Prenzlauer Berg. Sie ist eine öffentliche staatliche Grundschule, kein Privatschul-Modell.
Wie kommt mein Kind an die Maria-Leo-Grundschule?
Über das reguläre Einschulverfahren im Bezirk Pankow. Wer im Einzugsgebiet wohnt, hat einen Anspruch auf einen Platz. Sandra Scheffel kommuniziert das Konzept im Vorfeld sehr klar: keine Ziffernnoten bis Klasse 5. Wer sich dagegen entscheidet, kann eine andere Grundschule wählen.
Was ist ein Compartment-Schulbau?
Ein Berliner Bautypus, bei dem jede Etage als eigene kleine Lernwelt mit vielfältigen Raumzonen konzipiert ist, statt langer Flure mit einzelnen Klassenräumen. Berlin baut im Rahmen der Schulbauoffensive rund 70 solcher Schulen. Die Maria-Leo-Grundschule ist eine der ersten.
Funktioniert das Konzept auch ohne Neubau?
Ja. Die Maria-Leo-Grundschule hat 2018 mit vierzig Kindern und drei Lehrkräften auf einer Etage eines maroden Gymnasiums angefangen. Auch dort lief das jahrgangsübergreifende, projektorientierte Lernen. Wichtiger als die Architektur ist die multiprofessionelle Teamstruktur.
Was macht die Schule anders als eine klassische Montessori-Schule?
Die Maria-Leo-Grundschule ist montessori-orientiert, geht aber deutlich weiter. Zum Montessori-Kernprinzip der vorbereiteten Umgebung kommen die multiprofessionellen Lernhaus-Teams, das Level-Up-Konzept mit Bewerbung und Ausbildungsvertrag sowie die kollektive Schulleitung. Und sie ist eine staatliche Regelschule, keine Schule in freier Trägerschaft.
Quelle
- Bauer, J. (2005). Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hoffmann und Campe.
- Hattie, J. (2013). Lernen sichtbar machen (W. Beywl & K. Zierer, Übers.). Schneider Verlag Hohengehren. (Originalwerk publiziert 2009)
- Zimmerman, B. J. (2002). Becoming a Self-Regulated Learner: An Overview. Theory Into Practice, 41(2), 64-70. https://doi.org/10.1207/s15430421tip4102_2
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Autor: Marian Zefferer, MSc
Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.

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