Kreis aus Kindern und Erwachsenen, alle heben die Hand, in der Mitte eine Sprechblase mit Herz

TING-Schule Berlin: Wenn die Schulversammlung die Schule ist

Stell Dir eine Schule vor, in der einmal pro Woche alle im Kreis sitzen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Und jede Stimme zählt gleich viel. Ein Fünfjähriger stimmt darüber ab, wie mit einem Streit auf dem Hof umgegangen wird. Ein Vierzehnjähriger schlägt vor, den Mathe-Raum umzuräumen. Eine Mitarbeiterin bringt einen Antrag zur Müllordnung ein. Und am Ende ist eine Entscheidung gefallen, die alle mittragen, weil alle mitentschieden haben.

So sieht der ganz normale Alltag in der TING-Schule in Berlin-Pankow aus. Und der Name ist Programm: TING geht auf die germanische Volks- und Gerichtsversammlung zurück, jenen Ort, an dem freie Menschen gemeinsam über die Regeln ihres Zusammenlebens entschieden. Genau das macht die Schule zu ihrem pädagogischen Kern. Sie gehört zu den spannendsten Übersetzungsleistungen im deutschen Schulsystem: radikal freie Bildung, die es tatsächlich durch die behördliche Genehmigungshürde geschafft hat.

Was die TING-Schule ist und was sie nicht ist

Rund 50 Kinder und Jugendliche zwischen fünf und siebzehn Jahren gestalten in einem Altbau an der Berliner Straße ihren Schultag selbst. Sieben feste Mitarbeiter begleiten sie. Es gibt keinen Stundenplan im klassischen Sinn, keinen Klassenverband, keine Noten in der Grundstufe, keine Anwesenheitspflicht für einzelne Unterrichtseinheiten. Was es gibt, ist die wöchentliche Schulversammlung, in der jeder Mensch im Haus eine Stimme hat, und einen Leitsatz, der über allem steht: Ich entscheide!

Getragen wird die Schule vom Verein Freie Demokratische Schule Berlin e.V., sie ist Mitglied im DaKS, dem Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden, und amtlich unter der Schulnummer 03P24 als Integrierte Sekundarschule mit Grundstufe geführt. Es handelt sich also um einen staatlich anerkannten Lernort mit allen Abschlussmöglichkeiten bis zum Abitur.

Wusstest Du?

Der Sekundarschulzweig führt in Jahrgangsstufe 7 bis 10, die Grundstufe nimmt Kinder ab fünf Jahren auf. Ab Klasse 9 gibt es Noten, aber nur dann, wenn der Schüler selbst einverstanden ist. Alles andere ist verhandelbar, festgelegt in einer Schulordnung, die die Versammlung sich selbst gegeben hat.

Wie eine radikal freie Schule in Deutschland genehmigt wird

Das eigentlich interessante Kapitel steht am Anfang. 2006 versuchte der Verein Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg, eine reine Sudbury-Schule in Berlin zu gründen. Sudbury heißt: keine Curricula, keine Klassen, keine Prüfungen, komplette Altersmischung, totale Lernfreiheit, alles wird in der Schulversammlung verhandelt. Der Berliner Senat lehnte ab. Der taz-Reporterin Ulrike Schattenmann sagte das Kollegium damals sinngemäß: „Komplette Altersmischung und totale Lernfreiheit, das war den Beamten dann doch zu viel.“

Was daraus wurde, ist eine leise Lehrstunde in politischem Realismus. Anne und Toralf Viezens traten aus dem Ursprungsverein aus und reichten das TING-Konzept ein, das den Auflagen entgegenkommt: Orientierung am Berliner Rahmenlehrplan, damit Realschulabschluss und Abitur formal möglich bleiben, und ab der neunten Klasse Notenmöglichkeit. Der bildungspolitische Sprecher der Berliner Grünen, Özcan Mutlu, sprang öffentlich zur Seite: Solange die rechtlichen Vorgaben erfüllt seien, solle man Schulen, die das Diskursverhalten fördern, eine Chance geben. 2007 startete die Schule.

Damit ist die TING-Schule so etwas wie die staatlich zugelassene Übersetzung des Sudbury-Gedankens ins deutsche Schulrecht. Reiner Sudbury nach dem Vorbild von Daniel Greenberg, dem Mitgründer der Sudbury Valley School in Massachusetts, ist in Deutschland bis heute nicht genehmigungsfähig gewesen. Die ideengeschichtliche Nähe zur Freien Demokratischen Schule Kapriole und zur ältesten demokratischen Schule Summerhill ist offensichtlich; die TING-Schule zeigt, wie weit ein radikal freies Schulkonzept in Deutschland kommt und wo es sich anpassen muss. Eine kuratierte Übersicht dazu findest Du im Hub-Artikel Alternative Schulen und Schulformen.

Ein Kind und eine erwachsene Person heben gleichzeitig die Hand, dazwischen eine sanft schwebende Waage im Gleichgewicht, Sketchnote in warmen Farben

Warum die Schulversammlung mehr ist als ein Mitbestimmungs-Baustein

An vielen Schulen gibt es Klassensprecher, Schülerparlamente, manchmal einen Klassenrat. Das ist gut und war lange ein wichtiger Fortschritt. Aber es bleibt eine Ergänzung zum eigentlichen Betrieb, so wie ein Beirat neben einer Firma. Bei TING ist die Versammlung nicht der Beirat. Sie ist die Schulleitung. Sie entscheidet über Regeln, über Konfliktlösungen, über Anschaffungen, über Personalfragen. Ein Mitarbeiter hat dort eine Stimme, genau wie ein siebenjähriges Kind.

In einer Analogie ausgedrückt: Andere Schulen haben eine Demokratie-AG. Die TING-Schule ist eine Demokratie, mit Schule als Nebeneffekt.

Das erzieht etwas, was Frontalunterricht nie erzeugt. Wer erlebt hat, dass der eigene Vorschlag angenommen oder abgelehnt wird, weil man ihn gut oder schlecht begründet hat, versteht Politik von unten. Und wer erlebt hat, dass Regeln durch Argumente entstehen und nicht vom Himmel fallen, akzeptiert sie eher und ändert sie eher, wenn sie unsinnig geworden sind. Toralf Viezens sagte es der taz so: Sudbury-Schüler lernen von Anfang an, Verantwortung zu übernehmen. Sie akzeptieren Regeln, wenn diese Sinn machen, und verändern unsinnige.

Und was ist mit dem Lernen?

Hier wird es interessant, weil hier die meisten Eltern zum ersten Mal zucken. Wenn Kinder frei entscheiden, was sie tun, lernen sie dann überhaupt etwas?

Die ehrliche Antwort lautet: Über die TING-Schule selbst gibt es keine Wirksamkeitsstudien. Das gehört zur intellektuellen Redlichkeit dazu. Was es gibt, ist eine viel zitierte Absolventenbefragung der Sudbury Valley School in Massachusetts, aus der die Idee stammt. Peter Gray und David Chanoff haben 1986 im American Journal of Education die Lebensverläufe der ersten Absolventen dieser Schule ausgewertet. Ihr Kernbefund: Die ehemaligen Schüler machten in Studium und Beruf keinen erkennbaren Nachteil geltend, sondern berichteten von hoher Berufszufriedenheit und einer klaren Verbindung zwischen dem, was sie an der Schule frei entwickelt hatten, und dem, was sie später wurden.

Das lässt sich nicht eins zu eins auf Berlin übertragen. Amerikanische Elite-Alternativschule und ein Berliner Sekundarschulzweig sind zwei verschiedene Kontexte. Aber es widerlegt einen sehr hartnäckigen Alltagsverdacht: Kinder, die selbst entscheiden dürfen, verwildern nicht bildungstechnisch. Sie lernen anders. Oft langsamer im engen Fachsinn. Und oft tiefer, weil das Gelernte einen Andockpunkt in ihnen selbst hat.

Anne Viezens hat das im taz-Gespräch scharf formuliert: „Wissen unter Zwang ist nur kurzfristig abrufbar. Deswegen haben Erwachsene auch das meiste, was sie in der Schule gelernt haben, vergessen.“ Da schwingt eine unbequeme Wahrheit mit, die jeder aus dem eigenen Bio- oder Geschichtsunterricht kennt.

Was mich als Papa und Coach an TING interessiert

Ich habe zwei Söhne (Aaron und Elron), und ich beobachte täglich, wie schnell Kinder lernen, wenn sie den Sinn einer Sache spüren. Was an der TING-Schule interessant ist, ist weniger das ideologische Etikett demokratisch. Es ist die schlichte pädagogische Beobachtung dahinter: Motivation ist eine Frage der Selbstwirksamkeit. Wer entscheiden darf, engagiert sich. Ohne Mitentscheidung geht Energie im Widerstand verloren.

Eine Sache am klassischen Schulbetrieb treibt mir jedes Mal den Puls hoch, und die fehlt bei TING völlig: die Schulglocke. Diese metallische Ansage, dass Denken jetzt aufzuhören und dort weiterzumachen hat, ist eine reine Konditionierungsmaschine. Die einzige Fähigkeit, die sie belastbar trainiert, ist die Unterwerfung unter ein externes Signal. Kein Mensch, der etwas Sinnvolles tut, hört mitten im Satz auf, weil eine Klingel geht. Und trotzdem verbringen Kinder zwölf Jahre damit, genau das zu üben. Wenn eine Schule wie TING zeigt, dass es ohne Glocke geht und das Haus trotzdem nicht auseinanderfliegt, ist das für mich einer der stärksten Systembeweise.

Wo TING an seine Grenzen kommt

Damit der Artikel nicht in die Verklärungsfalle rutscht: TING ist keine Schule, die zu jedem Kind passt. Wer viel äußere Struktur braucht, um in Bewegung zu kommen, wird die Freiheit als Überforderung erleben. Auch die Elternschaft ist gefordert: Wer sein Kind hier anmeldet, gibt einen guten Teil pädagogischer Kontrolle ab und bekommt dafür ein Kind, das eigene Wege sucht, die nicht immer den elterlichen Vorstellungen entsprechen.

Weiter offen: Wie viele TING-Schüler tatsächlich einen mittleren Schulabschluss oder das Abitur ablegen, ist öffentlich nicht dokumentiert. Die Schule selbst wäre die richtige Adresse für belastbare Zahlen. Und der reine Sudbury-Ansatz bleibt in Deutschland nach wie vor schwer genehmigungsfähig. TING ist ein Kompromiss, kein reines Modell.

Was Du daraus mitnehmen kannst

Auch wenn Du weder in Pankow wohnst noch Dein Kind in eine demokratische Schule schicken willst, tragen drei Kerngedanken der TING-Schule weit über sie hinaus:

  1. Wer entscheidet, engagiert sich. In der eigenen Schule, im Elternabend, im Team, in der Familie: Jede echte Mitentscheidung erzeugt Verantwortung. Jede Scheinabstimmung erzeugt Zynismus.
  2. Regeln, die entstehen, werden getragen. Regeln, die verordnet werden, werden ausgetrickst. Das gilt für Klassenzimmer, Wohnzimmer und Konferenzräume gleichermaßen.
  3. Signale sind kein Ersatz für Sinn. Wenn Du merkst, dass ein Setting nur noch durch akustische oder soziale Zwänge zusammenhält (Glocken, Notendruck, Anwesenheitspflichten), ist der Sinn dahinter meistens dünn geworden. Die interessante Frage ist, was passieren würde, wenn Du das Signal wegnimmst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die TING-Schule in Berlin-Pankow ist eine staatlich anerkannte Integrierte Sekundarschule mit Grundstufe (Schulnummer 03P24), Träger ist der Verein Freie Demokratische Schule Berlin e.V.
  • Rund 50 Schüler zwischen 5 und 17 Jahren gestalten ihren Schulalltag selbst, begleitet von sieben festen Mitarbeitern.
  • Zentrales Steuerungsorgan ist die wöchentliche Schulversammlung, in der Kinder und Erwachsene je eine Stimme haben.
  • Konzeptionell steht die Schule in der Sudbury-Tradition, ist aber eine abgemilderte, deutsches Schulrecht kompatible Variante davon.
  • Wirksamkeitsstudien zur TING-Schule selbst existieren nicht, wohl aber zur Sudbury Valley School in Massachusetts (Gray & Chanoff, 1986).
  • Der Weg dorthin führte über eine gescheiterte reine Sudbury-Gründung 2006 und einen politisch klugen Nachbesserungs-Antrag.

Häufige Fragen

Wie viele Kinder gehen auf die TING-Schule?

Die Schule nennt rund 50 Schüler zwischen 5 und 17 Jahren, betreut von sieben festen Mitarbeitern. Die Genehmigungszahl liegt laut Dachverband DaKS bei 42 Plätzen, in der Praxis pendelt die Größe je nach Zählweise zwischen etwa 42 und 55.

Bekommt man an der TING-Schule einen richtigen Abschluss?

Ja, formal sind Realschulabschluss und Abitur möglich, weil sich der Sekundarschulzweig am Berliner Rahmenlehrplan orientiert. Ab Klasse 9 gibt es Noten, allerdings nur mit Einverständnis der Schüler. Öffentliche Zahlen zur Abschlussquote gibt es nicht.

Ist die TING-Schule eine Sudbury-Schule?

Nein, nicht im engen Sinn. Sie entstand als Kompromiss, nachdem das reine Sudbury-Konzept 2006 vom Berliner Senat abgelehnt worden war. TING übernimmt die Idee der Schulversammlung und der Selbstbestimmung, orientiert sich aber am Berliner Rahmenlehrplan und sieht ab der 9. Klasse Notenmöglichkeit vor.

Was hat der Name TING mit der Pädagogik zu tun?

Der TING war die germanische Volks- und Gerichtsversammlung, in der freie Menschen gemeinsam Regeln aushandelten. Der Name steht damit für das pädagogische Zentrum der Schule: die wöchentliche Schulversammlung, in der alle Beteiligten gleichberechtigt entscheiden.

Quelle

  • Gray, P., & Chanoff, D. (1986). The value of a Sudbury Valley School education as viewed by graduates. American Journal of Education, 94(2), 182-213. https://doi.org/10.1086/443803
  • Greenberg, D. (2004). Endlich frei: Leben und Lernen an der Sudbury Valley Schule. Tologo.

Beitragsreihe: Alternative Schule

Dies ist ein Beitrag der Reihe: Alternative Schulformen & Alternative Schulen

Beitragsreihe
Marian Zefferer, Psychologe und Gründer von Bildungsimpuls

Autor: Marian Zefferer, MSc

Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.


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