Treppenband mit Kindern verschiedener Altersstufen nebeneinander - PRIMUS-Schule, Klasse 1 bis 10 unter einem Dach. Sketchnote-Stil.

PRIMUS-Schulen NRW: Eine Schule von Klasse 1 bis 10

Stell Dir vor, ein Kind kommt mit sechs an der Schultüre an und verlässt sie zehn Jahre später durch dieselbe Türe wieder. Dazwischen: keine Umsortierung nach vier Jahren. Kein Gymnasiumsempfehlungs-Theater. Keine neuen Lehrergesichter mitten in der Pubertät. In einem einzigen Haus wachsen aus den Erstklässlern Zehntklässler, und die Erwachsenen, die das Kind in Klasse 1 kennengelernt haben, kennen es in Klasse 9 immer noch.

Genau das ist der Schulversuch PRIMUS in Nordrhein-Westfalen. An fünf Standorten (Minden, Münster-Berg Fidel, Viersen, Schalksmühle, Titz) lernen Kinder in einer einzigen Schule von Klasse 1 bis 10, in Minden sogar bis zum Abitur in Klasse 13. Diese Entscheidung, der Verzicht auf den Übergang nach Klasse 4, erzeugt im Alltag eine andere Schule. Ruhiger, demokratischer, wacher. Die Schule hört auf, Kinder im Vierjahresrhythmus durch Systeme zu sortieren. Das ist der Kniff, auch wenn sich PRIMUS reformpädagogisch gar nicht neu erfunden hat.

Was PRIMUS strukturell anders macht

Rechtlich sind die PRIMUS-Schulen ein Schulversuch nach § 132b des Schulgesetzes NRW. Das Gesetz dazu kam 2011, die Eckpunkte 2012, die ersten Schulen starteten 2013/14. 2019 drohte das Ministerium, den Versuch nach seiner Laufzeit auslaufen zu lassen. 2022 wurde er mit dem 16. Schulrechtsänderungsgesetz auf 13 Jahre verlängert, und im Mai 2025 hat das Land vier der fünf Schulen dauerhaft abgesichert.

Der Kern des Modells besteht aus drei strukturellen Entscheidungen:

  • Primar- und Sekundarstufe unter einem Dach. Kein Schulwechsel nach Klasse 4. Keine Gymnasialempfehlung, die über zehnjährige Köpfe entscheidet, bevor diese Köpfe wissen, wer sie werden.
  • Jahrgangsübergreifende Lerngruppen. In Minden sind die Kinder in Gruppen 1 bis 3, 4 bis 6 und 7 bis 9 zusammen, Klasse 10 steht separat. Erstklässler, die schon lesen können, arbeiten mit Zweitklässlern. Erstklässler, die noch kein Buch in der Hand hatten, finden ihre Ansprechpartner in derselben Gruppe.
  • Keine Ziffernoten bis einschließlich Klasse 8. Statt einer Ziffer gibt es nach jedem bearbeiteten Lernbaustein ein Lernzertifikat mit ausführlicher Rückmeldung, was gelernt wurde, was noch fehlt und wohin die Reise geht.

Dazu kommen feste Lehrerteams, ein wöchentlicher Klassenrat, Projektarbeit in größeren Boxen statt in Einzelstunden, und: kein Sitzenbleiben. Wer länger für einen Baustein braucht, braucht länger. Nicht die ganze Klasse rutscht runter, nur weil ein Thema noch nicht sitzt.

Vom Dachschadenmodell zur Langform

Reinhard Stähling, der die PRIMUS-Schule Berg Fidel in Münster von einer Brennpunkt-Grundschule zur Langform ausgebaut hat, nennt das alte Schulsystem spöttisch das „Dachschadenmodell“: Wer einmal einen Förderbedarf diagnostiziert bekommt, bleibt in einer Schulform festgenagelt und wird im Vierjahresrhythmus weitergereicht. Stähling erzählt, dass seine Schulkonferenz in Berg Fidel 2010 einen einfachen Beschluss gefasst habe: Wir verlängern diese Schule. Grund war kein Ministeriumspapier, sondern der Frust des Kollegiums darüber, Kinder, die sie gerade erst kennengelernt hatten, in fünfzehn verschiedene weiterführende Schulen zu verteilen.

Das ist der eigentliche PRIMUS-Impuls: Beziehungen nicht alle vier Jahre abzureißen. Die Begleitforschung ordnet die PRIMUS-Schulen genau an dieser Stelle ein. Sie unterscheiden sich von Gesamt- und Sekundarschulen „durch die konsequentere Orientierung am längeren gemeinsamen Lernen durch die Zusammenführung der Primar- und Sekundarstufe in der institutionalisierten Langform“ (Zwischenbericht, zitiert bei Bündnis „Eine Schule für alle“, 2024).

Wusstest Du?

Stähling berichtet aus Berg Fidel, dass 92 Prozent der Abiturienten an diesem sozial stark belasteten Standort in Klasse 4 keine Gymnasialempfehlung erhalten hatten. Die wissenschaftliche Begleitung bestätigt, dass die realen Abschlüsse die Grundschulprognosen deutlich übertreffen. Mit anderen Worten: die Prognose nach Klasse 4 lag in neun von zehn Fällen daneben. Zu glauben, man könne an einem Zehnjährigen den Bildungsweg eines Zwanzigjährigen ablesen, ist mathematisch gewagt.

Wie der Alltag an einer PRIMUS-Schule aussieht

An der PRIMUS-Schule Minden beginnt der Tag mit einer Gruppenzeit, in der das Lernen des Tages geplant wird und tagesaktuelle Themen aus Politik, Kultur und Wissenschaft Raum bekommen. In der sogenannten Trainingszeit entscheiden sich die Kinder morgens selbst für ein Fach: heute Deutsch, morgen Mathe, übermorgen Englisch. Damit sich niemand wochenlang um eine Disziplin herumdrückt, führen die Lehrteams Buch über die Fachwahl.

Jeder Lernbaustein ist einem Niveau zugeordnet. Die Kinder arbeiten in ihrem eigenen Tempo, am Ende steht ein kleiner Test oder ein Produkt, und das Lernzertifikat wandert in die Mappe. Hinzu kommen Projektphasen in jahrgangsübergreifenden Teams, in denen die Aufgaben aus einer größeren Box gezogen werden („Katze und Hund“, „Wetter“, „Wasser“). Jedes Kind wählt mit, welche Aufgaben es in diesem Projekt vertieft.

Einmal pro Woche, in Minden freitags, sitzen die Lerngruppen im Klassenrat. Es gibt einen Moderator und einen Protokollanten, beides Kinder. Die Lehrerin ist „ein ganz normales Mitglied, das sich meldet, wenn es etwas sagen möchte“. Konflikte werden hier geregelt, Vorschläge für die Woche besprochen, kurze Gespräche zwischendurch fallen weg. Das Verfahren ist eng ritualisiert. Rituale geben Kindern die Sicherheit, ernst genommen zu werden.

Ein Marian-Blick in die eigene Lernbiografie

Ich habe als Jugendlicher jahrelang Aikido trainiert und später beim Bouldern eine Erfahrung gemacht, die ich bis heute nicht vergessen habe. Mein Trainer hat vorgeklettert und dabei eine seltsame Hüftdrehung gemacht, die auf den ersten Blick umständlich wirkte. Ich habe die Bewegung „stupide nachgemacht“ und war verblüfft, wie viel effizienter die Route damit lief. Beobachten als Lernmethode. Einen Älteren oder Erfahreneren eine Sache tun sehen und mit dem eigenen Körper nachgehen.

Genau das passiert in jahrgangsübergreifenden Gruppen die ganze Zeit. Ein Erstklässler sieht, wie der Drittklässler einen Lernbaustein startet, wie er sich seinen Platz sucht, wie er mit dem Lernzertifikat umgeht. Keine extra Einführung nötig, kein Methodenblatt. Die Kompetenz wandert vom Älteren zum Jüngeren, nebenbei. Pädagogen nennen das „Modeling“, NLPler ebenfalls, und es ist eine der ältesten Lernformen der Welt. Was das klassische Jahrgangsklassenzimmer leise unterbindet, läuft hier wieder.

Zwei Hände an einer Kletterwand, eine erwachsene Hand zeigt den Griff vor, eine Kinderhand setzt direkt daneben an. Sketchnote-Stil, wortlos.

Jahrgangsmischung ist keine PRIMUS-Erfindung

Peter Petersen hat seinen Jenaplan 1927 vorgestellt und arbeitete von Anfang an mit Stammgruppen über drei Jahrgänge hinweg. Die reformpädagogische Begründung lief damals ähnlich wie heute: Kinder lernen in sozialer Nähe über die eigene Altersgruppe hinaus wacher, verantwortlicher und mit mehr Übernahme von Rollen. Kleine Kinder dürfen groß werden, indem sie Jüngeren etwas erklären. Große Kinder dürfen klein werden, indem sie bei Älteren noch einmal hospitieren. Dass die PRIMUS-Schulen diese Logik heute auf die ganze Spanne Klasse 1 bis 10 ausweiten, ist der eigentliche Kniff (Fauser, John & Stutz, 2012).

Auch Hartmut von Hentig hat in „Die Schule neu denken“ bereits 1993 nachdrücklich argumentiert, dass Schule sich an den Kindern orientieren muss, nicht an Verwaltungslinien, und dass der mittige Übergang nach Klasse 4 im deutschen System zu den institutionellen Grundfehlern gehört, die bildungssoziologisch messbare Folgen haben (von Hentig, 1993). PRIMUS zieht aus diesen alten Einsichten eine strukturelle Konsequenz, die bislang nur wenige Schulträger wagen.

Was Du Dir daraus für Dein eigenes Umfeld mitnehmen kannst

PRIMUS-Schulen sind rar. Fünf Standorte in einem Bundesland sind ein Experiment, kein Flächenmodell. Dennoch stecken in dem Modell Prinzipien, die Du als Elternteil, Lehrkraft oder Selbstlerner anwenden kannst, ohne auf eine Schulreform zu warten.

  1. Längere Beziehungen zulassen. Wenn Du Trainer, Nachhilfe oder Mentor eines Kindes bist, wechsle nicht leichtfertig. Beziehung ist der Boden, auf dem alles weitere wächst.
  2. Jahrgänge mischen, wo immer es geht. Lass Kinder unterschiedlichen Alters zusammen spielen, lesen, basteln, kochen. Die Jüngeren modellieren, die Älteren erklären und werden dabei souveräner.
  3. Rückmeldungen statt Ziffern geben. Wenn Dein Kind Dir seine Hausaufgaben zeigt, sag nicht „gut“. Sag, was es konkret gut gemacht hat und was Du beim nächsten Mal versuchen würdest. Lernzertifikat im Kleinen.
  4. Einen Klassenrat zuhause erfinden. Einmal die Woche sitzen alle am Tisch, in einer festen Reihenfolge: Begrüßung, Themen, Beschlüsse, Abschluss. Kinder lernen Demokratie aus wiederholten Erfahrungen, nicht aus einem Lehrbuch.
  5. Beobachten vor Erklären. Zeig vor, bevor Du erklärst. Lass das Kind nachmachen, bevor Du korrigierst.

Das Wichtigste in Kürze

  • PRIMUS ist ein Schulversuch in NRW mit fünf Standorten, bei dem Kinder von Klasse 1 bis 10 (in Minden bis 13) in einer Schule bleiben.
  • Jahrgangsübergreifende Lerngruppen, kein Sitzenbleiben und keine Ziffernoten bis Klasse 8 bilden den pädagogischen Kern.
  • Lernen passiert in Trainingszeiten mit freier Fachwahl, in Projekten und in einem wöchentlichen Klassenrat.
  • Die Begleitforschung sieht die Besonderheit in der „institutionalisierten Langform“ von Primar- und Sekundarstufe.
  • 2025 hat das Land vier der fünf PRIMUS-Schulen dauerhaft abgesichert, die Idee des längeren gemeinsamen Lernens damit politisch anerkannt.
  • Die Prinzipien lassen sich im Kleinen übernehmen: lange Beziehungen, altersdurchmischte Gruppen, Rückmeldung statt Ziffer, ritualisierte Mitentscheidung.

Häufige Fragen

Wie viele PRIMUS-Schulen gibt es in NRW?

Fünf: in Minden, Münster (Berg Fidel), Viersen, Schalksmühle und Titz. Im Mai 2025 hat das Land vier dieser Schulen dauerhaft abgesichert, der Rechtsrahmen für den fünften Standort läuft nach Angaben der Pressemeldung weiter.

Was ist der Unterschied zwischen einer PRIMUS-Schule und einer Gesamtschule?

Beide integrieren verschiedene Schulformen, doch nur PRIMUS führt Primar- und Sekundarstufe konsequent in einer Schule zusammen. Kinder werden an einer PRIMUS-Schule ab Klasse 1 eingeschult und bleiben bis Klasse 10 (oder 13). An einer Gesamtschule findet der Übergang klassisch nach Klasse 4 statt.

Bekommen Kinder an PRIMUS-Schulen gar keine Noten?

Bis einschließlich Klasse 8 gibt es keine Ziffernoten. Stattdessen bekommt jedes Kind ausführliche Lernrückmeldungen, oft in Form eines Lernzertifikats nach jedem bearbeiteten Lernbaustein. Ab Klasse 9 sind Noten für den Schulabschluss möglich.

Können sich PRIMUS-Schüler überhaupt auf das Gymnasium vorbereiten?

Ja. Minden führt die Kinder bis zum Abitur in Klasse 13. Die anderen Standorte bieten Hauptschulabschluss, Mittlere Reife und, über Kooperationen, den Weg zur gymnasialen Oberstufe. Reinhard Stähling berichtet aus Berg Fidel, dass neun von zehn Abiturienten dort in Klasse 4 keine Gymnasialempfehlung hatten.

Quelle

  • Fauser, P., John, J., & Stutz, R. (Hrsg.). (2012). Peter Petersen und die Jenaplan-Pädagogik. Historische und aktuelle Perspektiven. Franz Steiner Verlag.
  • von Hentig, H. (1993). Die Schule neu denken. Eine Übung in praktischer Vernunft. Hanser.

Beitragsreihe: Alternative Schule

Dies ist ein Beitrag der Reihe: Alternative Schulformen & Alternative Schulen

Beitragsreihe
Marian Zefferer, Psychologe und Gründer von Bildungsimpuls

Autor: Marian Zefferer, MSc

Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.


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