Heliosschule Köln: Was eine Universitätsschule anders macht
Stell Dir vor, 24 Bonbons liegen auf einem Tisch. Ein Kind der ersten Klasse sagt: „Jeder bekommt gleich viele.“ Ein Viertklässler rechnet laut: „Wir sind acht, also drei pro Kind.“ Ein Zweitklässler fragt: „Aber was ist mit dem, der heute Geburtstag hat?“ Keiner meldet sich. Niemand steht vorne. Und doch sitzt in diesen fünf Minuten gleichzeitig Mathematik, Deutsch, Ethik und Demokratie im Raum.
So beginnt der Montag an der Heliosschule in Köln.
Keine Lehrer, keine Fächer, keine Jahrgänge: was die Heliosschule ist
Die Heliosschule ist eine staatliche Schule der Stadt Köln, bestehend aus Grundschule und Gesamtschule, gegründet 2015. Ihr vollständiger Name sagt bereits viel über ihren Anspruch: Heliosschule, Inklusive Universitätsschule der Stadt Köln. Entwickelt wurde sie gemeinsam von der Stadt Köln, der Universität zu Köln und der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft im sogenannten Heliosprojekt. Alle NRW-Schulabschlüsse sind möglich, vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur.
Zwei Dinge an diesem Modell finde ich wirklich spannend. Erstens ist das die erste bundesdeutsche Praxisschule, in der Lehramtsstudierende als Außenstelle der Universität praktisch ausgebildet werden, und umgekehrt erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse direkt in den Schulalltag zurückfließen. Zweitens hat die Schule den Mut, sprachlich etwas zu tun, was auf den ersten Blick klein wirkt und in Wahrheit das ganze Machtgefüge verschiebt: Hier heißen die Erwachsenen „Erwachsene“ und die Kinder „Kinder“. Keine Lehrer. Keine Schüler. Kein Herr Müller. Einfach Menschen in zwei Rollen.
Wie Schule hier konkret aussieht
Schulleiterin Marion Hensel beschreibt den Alltag im Podcast des Kölner Stadt-Anzeigers so, dass es ehrlich wehtut, wie weit das von einer deutschen Regelschule entfernt ist und wie nah an dem, was Lernforschung seit Jahrzehnten empfiehlt.
Konkret heißt das:
- Jahrgangsübergreifende Stammgruppen. In der Grundschule arbeiten vier bis fünf Jahrgänge gemeinsam. Bewusst gemischt nach Alter, Geschlecht, Unterstützungsbedarf. Erstklässler lernen von Viertklässlern durch bloßes Zuhören. Viertklässler lernen durch Erklären, was alle Lernforschung als eine der stärksten Vertiefungsmethoden kennt.
- Kein klassischer Fächerunterricht. Statt Mathe-Stunde und Deutsch-Stunde gibt es Phasen. In der Selbstlernzeit formulieren die Kinder in einer Zielerunde, was sie heute vorhaben: „Schriftliches Subtrahieren üben“, „Buchstaben lernen“, „weiter am Projekt zu Atomkraft arbeiten“, „Vermüllung der Ozeane recherchieren“. Daneben gibt es feste Aufgaben, die alle machen, weil, wie Hensel sagt, „das im Leben halt auch so ist“.
- Lernbegleitung statt Frontalunterricht. Es gibt kein Pult, selten jemanden „vorne“. Erwachsene arbeiten in multiprofessionellen Teams aus Lehrkräften, Sonderpädagogen, Erziehern, Sozialpädagogen und Eltern. Präsentationen übernehmen überwiegend die Kinder.
- Durchgängig digital. Google Classroom, Jamboard, BookCreator, GarageBand, LEGO-Programmierbaukästen, iPads auch im Wald zur Pflanzenbestimmung. Einmal pro Tag Tablet-Nutzung, immer mit der Frage: „Hat das jetzt gerade einen Mehrwert?“
Beim Thema Bildschirme in der Grundschule bin ich grundsätzlich zurückhaltend. Volksschulkinder brauchen Hände, Bewegung, echte Materialien und Bindungspersonen, kein Tablet. Warum ich das auch bei KI so sehe, habe ich in Warum Kinder in der Grundschule keine KI brauchen ausgeführt. An der Heliosschule gefällt mir trotzdem der Rahmen: Jede Tablet-Nutzung steht unter der Frage „Hat das gerade einen Mehrwert?“. Wenn eine Schule mit ihren Kindern bewusst reflektiert, wann ein Gerät einen Lerngewinn bringt und wann nicht, macht sie das Gerät zum Thema, über das die Kinder reden. Das ist weit entfernt vom Dauerkonsum und übt genau die Reflexionsfähigkeit, die in Mittel- und Oberstufe tragen muss.
Und dann gibt es noch das Projekt, bei dem ich beim Zuhören eine Gänsehaut bekommen habe.
Projekt „Herausforderung“
In der neunten Klasse verbringen die Schüler elf Tage komplett außerhalb der Schule, mit einem selbst gewählten Vorhaben. Zwei Neuntklässler sind mit dem Fahrrad in elf Tagen durch drei Bundesländer bis an die Ostsee gefahren. Andere haben zwei rumänischen Erntehelfern bei der Kürbisernte geholfen. Wieder andere auf einem Gnadenhof in Norddeutschland Zäune gebaut und Ställe ausgemistet. Elf Tage statt elf Unterrichtsstunden, und am Ende steht ein Lernen, das kein Lehrplan je abfragen könnte.
Was einen wirklich guten Lehrer ausmacht, und warum das Setting der halbe Weg ist
Hier wird es für mich persönlich besonders interessant. Mein Idealbild von einem richtig guten Lehrer besteht aus drei Zutaten: Herz für die Kinder (also wissen, wer da sitzt, jenseits von Noten), radikal gute didaktische Vorbereitung (damit die wertvolle gemeinsame Zeit nicht mit Verwaltung verbrennt) und Humor plus Storytelling (weil Lernen über Emotion läuft, nicht über Pflicht).
In jedem Lehrerkollegium stehen Menschen, die genau das können. Ich habe in meiner eigenen Schulzeit eine Geschichtslehrerin erlebt, die immer eine Geschichte auf Lager hatte und Jahrhunderte dadurch greifbar machte. Was solche Lehrkräfte nicht brauchen, ist ein System, das ihnen 45-Minuten-Stundenpläne, Zensurenlisten und Lehrplan-Rapport auf den Schreibtisch kippt und dann sagt: „Und jetzt begeistere mal 28 Kinder gleichzeitig für dasselbe Thema.“
Genau das verschiebt die Heliosschule. Die Erwachsenen dort sind nicht heiliger als anderswo; das Setting erlaubt ihnen, Beziehung aufzubauen (die Stammgruppe bleibt vier bis fünf Jahre zusammen), didaktisch sauber vorzubereiten (Lernphasen statt Taktgefühl der Pausenglocke) und Humor überhaupt wieder reinzulassen (ohne Pult vorne entsteht automatisch ein anderer Ton). Hensel formuliert es sachlich: Die stabilen Beziehungen seien der Grund gewesen, warum der Distanzunterricht in Corona an der Heliosschule besser funktionierte als anderswo. Das deckt sich mit dem, was John Hattie in seiner Metaanalyse „Lernen sichtbar machen“ seit Jahren betont: Nicht die Methode an sich bringt den großen Effekt, sondern die Beziehung zwischen Lernendem und Lehrendem und die Klarheit, mit der gearbeitet wird (Hattie, 2013). Übersetzt heißt das: Guter Lehrer plus katastrophales System bringt wenig. Guter Lehrer plus tragfähiges Setting bringt das, was wir alle meinen, wenn wir an unsere Lieblingslehrer zurückdenken.

Die bittere Ironie: ein Vorzeigemodell in Containern
Wenn ich einen Punkt beschreiben muss, an dem mich dieses Projekt gleichzeitig begeistert und wütend macht, dann ist es dieser. Die Heliosschule steht pädagogisch für das, wovon viele reden: jahrgangsübergreifend, inklusiv, digital, projektorientiert, universitär begleitet. Und baulich bekommt sie den vermutlich prominentesten Pfusch der Kölner Schulgeschichte serviert.
Die Zahlen aus den Kölner Stadt-Anzeiger-Recherchen und einem Beitrag von RTL WEST: Der geplante Neubau in Köln-Ehrenfeld sollte ursprünglich rund 92 Millionen Euro kosten. Aktueller Stand: ungefähr 157 Millionen Euro. Das sind rund 70 Prozent über Plan. Die Stadt Köln hat sich inzwischen vom Architekturbüro getrennt und spricht in Bezug auf Haustechnik, Lüftung und Elektro von erheblichen Fehlern, die neu ausgeführt werden mussten. Umzug: mehrfach verschoben, inzwischen frühestens 2029/30.
Was heißt das für den Alltag? Die Schule ist auf drei Standorte in Sülz, Neuehrenfeld und Vogelsang verteilt. Geschwister besuchen unterschiedliche Standorte. Es wird teilweise in Containern unterrichtet. Mutter Inga Sondermann, die drei Kinder an der Heliosschule hat, bringt es in einem RTL-WEST-Beitrag ehrlich auf den Punkt: „Sind nicht zehn Jahre warten jetzt langsam genug?“
Mir geht an dieser Stelle Folgendes durch den Kopf. Das pädagogische Leitbild der Schule heißt „Rettet die Neugier“. Rettet die Neugier, während die Stadt ausgerechnet an diesem Modellprojekt zeigt, wie planlos öffentliche Bauherrenschaft laufen kann. Es ist das Bild, das viele mit „deutscher Bildung“ verbinden: Die Vision ist da, die Menschen vor Ort machen Großartiges, und das System drumherum verschläft seine eigene Zukunft. Umso wichtiger, dass die Idee weitergetragen wird, unabhängig davon, ob der Beton pünktlich steht.
Helmut Fend hat in seiner „Neuen Theorie der Schule“ einmal nüchtern beschrieben, wofür ein Bildungssystem eigentlich da ist: Qualifikation, Selektion, Integration und Enkulturation (Fend, 2008). An der Heliosschule ist spürbar, was passiert, wenn eine Schule ernst damit macht, nicht nur zu qualifizieren und zu sortieren, sondern tatsächlich zu integrieren und Kinder in die Welt hineinwachsen zu lassen, mit Verantwortung für sich selbst, für andere, für ein elf-Tage-Projekt.
Für wen das etwas ist, und was Du mitnehmen kannst
Die Heliosschule ist eine konkrete Schule in einer konkreten Stadt. Nicht jeder kann sein Kind dort anmelden, und das muss er auch nicht. Spannend ist, was sich aus diesem Modell herausziehen lässt, unabhängig davon, in welcher Schulform Dein Kind sitzt oder ob Du selbst unterrichtest.
Vier Prinzipien tragen weit über Köln hinaus:
- Gemischte Alter sind ein Lernverstärker. Wo Kinder unterschiedlichen Alters zusammen arbeiten, erklären sich die Älteren fast automatisch das Wissen tiefer, und die Jüngeren bekommen Modelle, nach denen sie sich strecken können.
- Starke Beziehung schlägt starken Lehrplan. Lernen passiert, wenn ein Kind sich sicher fühlt. Beziehung ist Lerninfrastruktur, keine zusätzliche Soft Skill-Übung.
- Selbstlernzeit ist Übungssache, keine Begabung. Kinder, die regelmäßig Ziele formulieren, überprüfen und anpassen, bauen genau die Selbststeuerung auf, die später an Universität, Beruf und im Leben entscheidend ist.
- Weniger „vorne“ bedeutet mehr „mittendrin“. Jeder Erwachsene, der sein Pult verlässt und auf Augenhöhe arbeitet, verschiebt die Verantwortung dahin, wo sie hingehört: zum Lernenden.
Wenn Du selbst Lehrkraft bist, lassen sich einige dieser Prinzipien im Kleinen testen: gemischte Lerngruppen innerhalb eines Projekts, eine Zielerunde zu Beginn einer Woche, bewusst Räume ohne Pult einrichten. Wenn Du Elternteil bist, kannst Du Zuhause an denselben Hebeln drehen: altersgemischte Rituale (Lesestunde mit Geschwistern unterschiedlichen Alters), Selbstlernzeit (dein Kind formuliert, was es diese Woche lernen will), bewusste Projektzeit statt Dauerbeschallung mit „Hast Du schon Hausaufgaben gemacht?“. Die vorbereitete Umgebung ist dabei das stillere Werkzeug: Der Raum selbst übernimmt einen großen Teil der Erziehungsarbeit.
Was Du konkret mitnehmen kannst
- Lies den Artikel über die Alemannenschule Wutöschingen als Vergleich: zwei sehr unterschiedliche Wege, derselben Idee näherzukommen.
- Teste eine „Zielerunde“ in Deinem nächsten Lern- oder Familienmorgen: Jeder sagt in zwei Sätzen, was er sich bis Mittag vornimmt und woran er merkt, dass er es erreicht hat.
- Streiche einmal für eine Woche die Frage „Hast Du Deine Hausaufgaben gemacht?“ komplett aus Deinem Wortschatz und ersetze sie durch „Was war heute spannend, das Du gelernt hast?“, und beobachte, was passiert.
- Wenn Du selbst Schule mitgestaltest, schau Dir das Konzept der Mosaikschule Eitorf+Harmonie an, ein Beispiel, wie Mitbestimmung bereits in der Grundschule verankert werden kann.
- Verfolge die Entwicklung der Heliosschule weiter. Der Neubau wird kommen, und wie Köln den Umzug schafft, wird eine Blaupause dafür, wie öffentliche Hand mit guter Pädagogik umgehen kann.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Heliosschule Köln ist eine staatliche Grund- und Gesamtschule, gegründet 2015, entwickelt gemeinsam von Stadt Köln, Universität Köln und Montag Stiftung.
- Sie arbeitet jahrgangsübergreifend, ohne klassische Fächerstunden und ohne Lehrer-Schüler-Hierarchie: alle Erwachsenen heißen „Erwachsene“, alle Kinder „Kinder“.
- Lernphasen, Selbstlernzeit, feste gemeinsame Aufgaben und digitales Arbeiten wechseln sich ab. In der neunten Klasse gibt es das Projekt „Herausforderung“, elf Tage außerhalb der Schule.
- Das pädagogische Modell steht im harten Kontrast zum Bau-Debakel des neuen Standorts: statt 92 Millionen Euro inzwischen 157 Millionen, Umzug frühestens 2029/30, aktuell Containerunterricht an drei Standorten.
- Übertragbar für Schule und Elternhaus sind vier Prinzipien: Altersmischung als Lernverstärker, Beziehung vor Lehrplan, Selbstlernzeit üben, weniger „vorne“ und mehr „mittendrin“.
Häufige Fragen
Was macht die Heliosschule Köln so besonders?
Sie ist die erste bundesdeutsche inklusive Universitätsschule, also in offizieller Kooperation mit der Universität zu Köln und der Montag Stiftung. Sie verzichtet auf klassische Jahrgangsstufen und Fächerunterricht, arbeitet mit multiprofessionellen Teams und benennt Lehrkräfte bewusst als „Erwachsene“ statt als Autoritätspersonen vor der Klasse.
Kann man sein Kind an der Heliosschule anmelden?
Die Heliosschule ist eine staatliche Schule der Stadt Köln. Die Aufnahme läuft über das reguläre Anmeldeverfahren der Stadt. Weil die Nachfrage hoch ist, gibt es ein Auswahlverfahren. Für den aktuellen Stand lohnt sich ein Blick auf die Website der Schule und die Informationsseite der Stadt Köln.
Gibt es Kritik am Modell?
Pädagogisch wird regelmäßig der klassische Einwand gegen altersgemischte Gruppen vorgebracht: Die Starken könnten gebremst, die Schwachen überfordert werden. Die Schulleitung berichtet, dass sich dieser Vorwurf in der Praxis zunehmend relativiert. Deutlich schärfer ist die Kritik am Bauprozess: Kostensteigerung von rund 70 Prozent, mehrfach verschobener Umzug und Containerunterricht an drei Standorten.
Quelle
- Fend, H. (2008). Neue Theorie der Schule: Einführung in das Verstehen von Bildungssystemen (2., durchges. Aufl.). VS Verlag. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91788-7
- Hattie, J. (2013). Lernen sichtbar machen (W. Beywl & K. Zierer, Übers.). Schneider Verlag Hohengehren. (Originalwerk publiziert 2009)
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Autor: Marian Zefferer, MSc
Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.

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