Selbstreguliertes Lernen: Der Skill, den Kinder brauchen
Stell Dir vor, Dein Kind sitzt am Schreibtisch, Physikbuch aufgeschlagen, morgen ist Schularbeit. Zwei Stunden lernt es. Am Ende sagt es zufrieden: „Ich kann das.“ Am nächsten Tag: Note Vier. Was ist passiert? Nicht das Kind war faul. Es hat einfach etwas anderes trainiert, als es glaubte. Genau das ist der blinde Fleck des selbstregulierten Lernens, und genau deshalb Du diesen Skill nicht dem Zufall überlassen darfst.
Selbstreguliertes Lernen klingt nach einem schönen Ziel: Kinder, die eigenverantwortlich planen, sich beim Lernen selbst beobachten, hinterher reflektieren. Klingt nach genau dem, was gute Schule leisten sollte. Nur: Selbstregulation entsteht nicht von selbst, wenn man Kindern Freiraum gibt. Sie ist ein Skill. Sie muss unterrichtet werden. Und die Forschung zeigt: Ohne Anleitung wählen Lernende meistens die angenehmste, nicht die wirksamste Methode.
Was selbstreguliertes Lernen überhaupt meint
Der amerikanische Psychologe Barry J. Zimmerman hat dafür ein Modell entwickelt, das bis heute Referenz ist. Er beschreibt Lernen als Kreislauf aus drei Phasen. In der ersten Phase, der Vorbereitung, setzt Du Dir ein Ziel und wählst eine Strategie: Was will ich am Ende können, und wie komme ich dahin? In der zweiten Phase, während des Lernens, beobachtest Du Dich selbst: Verstehe ich das gerade, oder rutsche ich in Automatik? In der dritten Phase, nach dem Lernen, blickst Du zurück: Was hat funktioniert, was nicht, was mache ich beim nächsten Mal anders? (Zimmerman, 2002)

Die drei Phasen greifen ineinander. Ein Kind, das keine Ziele setzt, hat auch keinen Maßstab für den Rückblick. Ein Kind, das sich selbst nicht beobachtet, weiß nicht, ob eine Strategie überhaupt gerade funktioniert. Und ein Kind, das nie reflektiert, wiederholt jahrelang dieselben ineffektiven Rituale, meistens: Text lesen, unterstreichen, nochmal lesen, sich flüssig fühlen und das mit „können“ verwechseln.
Marians Bild: Zieldenken vor dem Lernen
Ich mache das für mich selbst jedes Mal so, wenn ich ein neues Thema aufmache. Bevor ich die erste Seite lese, stelle ich mir eine Szene vor: In welcher konkreten Situation werde ich dieses Wissen einsetzen? Wie werde ich mit einem Klienten darüber sprechen, wo werde ich es in einem Seminar zitieren, welche Frage im Coaching wird es beantworten? Das dauert dreißig Sekunden und verändert alles Folgende.
Warum? Weil das Gehirn dann ein Regal hat, in das die Information gelegt werden kann. Ohne Zielbild ist jeder neue Satz ein Puzzlestück ohne Bild darauf. Mit Zielbild wird derselbe Satz sofort Teil einer Anwendung. Marians Faustregel: Nie ein Buch aufschlagen, bevor Du zwei Minuten damit verbracht hast, Dir das mentale Kino der Anwendung auszumalen. Genau das ist Zimmermans erste Phase, nur ohne Fachbegriff.
Die unbequeme Wahrheit: Ohne Anleitung geht es meistens schief
Jetzt kommt der Teil, den man aushalten muss. Robert Bjork, John Dunlosky und Nate Kornell, drei der einflussreichsten Gedächtnisforscher unserer Zeit, haben 2013 im Annual Review of Psychology einen Übersichtsartikel veröffentlicht, dessen Kernaussage in einem Satz zusammengefasst werden kann: Lernende glauben systematisch falsch, wie sie am besten lernen. Was sich flüssig anfühlt, halten sie für gelernt. Was schwer und anstrengend ist, meiden sie, obwohl gerade das die stärkste Behaltensleistung erzeugt. (Bjork et al., 2013)
Das ist keine Kleinigkeit. Es bedeutet, dass ein Kind, das man einfach „sich selbst lernen lässt“, mit hoher Wahrscheinlichkeit an genau den falschen Stellschrauben dreht. Es liest den Text nochmal, weil sich das gut anfühlt. Es meidet das Abfragen ohne Spickzettel, weil sich das schlecht anfühlt. Und es wundert sich zwei Wochen später, warum nichts hängen geblieben ist.
Wusstest Du?
In den Experimenten von Bjork und Kollegen sagen Studierende nach mehrfachem Lesen eines Textes vorher, sie könnten ihn zu 90 Prozent wiedergeben. Beim tatsächlichen Test kommen 30 Prozent an. Umgekehrt fühlt sich Abfragen ohne Spickzettel schwer und langsam an, erzeugt aber die stabilste Erinnerung. Das Wohlgefühl beim Lernen ist ein miserabler Ratgeber.
Für uns bedeutet das: Selbstreguliertes Lernen braucht am Anfang eine Menge äußere Struktur, damit die Kinder überhaupt die richtigen Strategien in die Hand bekommen. Erst wenn sie die Werkzeuge kennen, können sie selbst entscheiden, welches Werkzeug wann greift. Freiraum ohne Werkzeuge produziert Frust, keine Autonomie.
Was Meta-Analysen sagen: Es wirkt, wenn es unterrichtet wird
Charlotte Dignath und Gerhard Büttner haben 2008 eine große Meta-Analyse zu genau dieser Frage veröffentlicht: Was passiert, wenn Schulen selbstreguliertes Lernen aktiv unterrichten – statt es einfach zu erwarten? Sie haben Studien aus Grund- und Sekundarschulen zusammengefasst und deutliche Effekte gefunden. Kinder, die im Umgang mit kognitiven und metakognitiven Strategien trainiert werden, lernen messbar mehr und wenden das Gelernte besser an. (Dignath & Büttner, 2008)
Wichtig ist das Wörtchen „wie“. Am wirksamsten sind Trainings, in denen die Kinder die Strategien immer wieder anwenden: in echten Aufgaben, mit Rückmeldung, über Wochen. Ein einmaliges Vorstellen reicht nicht. Ein einmaliger Workshop „Wie lerne ich richtig?“ bringt fast nichts. Ein Unterricht, der die Selbstregulation Woche für Woche zur Routine macht, verändert das Lernen der Kinder dauerhaft.
Wie eine Schule das konkret hinbekommt
Damit das nicht theoretisch bleibt: In Wutöschingen, einem Ort im Süden Baden-Württembergs, hat Stefan Ruppaner als Rektor eine Gemeinschaftsschule aufgebaut, die genau das zum Alltag macht. Jedes Kind hat einen Lernpartner unter den Mitschülern, wählt sich Woche für Woche seine Lernziele selbst, arbeitet in ruhigen „Lernateliers“ statt in Klassenräumen und hat eine Lernbegleitung, die coacht statt frontal zu unterrichten. Ruppaner beschreibt in seinem 2025 erschienenen Buch, wie die Kinder in dieser Struktur selbstständiger, wacher und motivierter werden und weniger als anderswo an Prüfungsangst leiden. (Ruppaner & Willers, 2025)
Das Entscheidende an Wutöschingen ist nicht der Verzicht auf Struktur. Es ist der Wechsel der Struktur: Statt Schulglocke und Frontalunterricht gibt es einen genauso getakteten Rhythmus aus Zielsetzung, Arbeit, Reflexion. Die Kinder lernen nicht, weil sie plötzlich alle motiviert sind. Sie lernen, weil das System sie täglich zwingt, die drei Phasen des selbstregulierten Lernens zu üben. Zielsetzung am Montag, Wochenrückblick am Freitag, jeden Tag ein Blick auf die eigene Arbeit mit dem Lernpartner. Die Alemannenschule ist der lebendige Beweis, dass Zimmermans Modell keine graue Theorie ist. Mehr zu diesem Ansatz im Portrait der Alemannenschule Wutöschingen und, ähnlich gelagert, in der Schule ohne Unterricht.
Warum Motivation die stille Voraussetzung ist
Selbstregulation ist anstrengend. Sie kostet Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit mit sich selbst und die Bereitschaft, das Unangenehme zu wählen. Ohne einen Grund, warum das Kind das überhaupt auf sich nimmt, kollabiert der ganze Kreislauf zurück zum Weg des geringsten Widerstands.
Edward Deci und Richard Ryan haben in ihrer Selbstbestimmungstheorie herausgearbeitet, was ein Kind braucht, damit es überhaupt bereit ist, sich anzustrengen: Autonomie (Ich darf mitentscheiden), Kompetenz (Ich merke, dass ich vorankomme) und soziale Eingebundenheit (Ich bin nicht allein damit). Wo eine dieser drei Säulen fehlt, wird jede Lerntechnik zur Zwangsmaßnahme. (Deci & Ryan, 1993)
Das ist keine kuschelpädagogische Randnotiz. Es ist der Grund, warum ein und dieselbe Selbstregulations-Technik in der einen Klasse zündet und in der nächsten verpufft. Nicht die Technik ist unterschiedlich. Die Beziehung ist es. Und die Frage, ob das Kind für seine eigene Sache lernt oder für die Note.
Praxistransfer: Was Du morgen mit Deinem Kind (oder Dir selbst) machen kannst
- Zielbild vorschalten. Bevor Dein Kind eine Aufgabe beginnt, drei Sätze: Was willst Du am Ende können? Woran wirst Du merken, dass Du es kannst? Wozu brauchst Du es? Nicht als Verhör, als Ritual.
- Ein einziges Werkzeug einführen: Abfragen ohne Spickzettel. Nach zehn Minuten Text: Buch zu, aufschreiben, was hängen geblieben ist. Erst dann vergleichen. Anstrengend, effektiv, und die stärkste Einzeltechnik der Lernforschung.
- Am Ende zwei Fragen stellen. Was hat heute funktioniert? Was mache ich morgen anders? Fünf Minuten, kein Aufsatz. Das ist Zimmermans dritte Phase.
- Das Gefühl misstrauen. Wenn sich Lernen ganz leicht anfühlt, ist es meistens noch nicht gelernt. Diese eine Regel im Kopf ändert mehr als jedes Lerntechnik-Buch.
- Autonomie geben, wo Du kannst. Reihenfolge der Aufgaben, Pausenlänge, Musik im Hintergrund: Kleinigkeiten, die den Unterschied machen zwischen „Ich muss“ und „Ich mache“.
- Nicht allein lassen. Selbstreguliertes Lernen heißt nicht: unbegleitetes Lernen. Es heißt: mit einer erwachsenen Person im Rücken, die coacht, nicht kontrolliert.
Das Wichtigste in Kürze
- Selbstreguliertes Lernen ist ein Skill, kein Zustand. Es muss unterrichtet und geübt werden, nicht bloß erwartet.
- Zimmermans Modell hat drei Phasen: Ziel setzen, sich beim Lernen beobachten, hinterher reflektieren. Alle drei sind gleich wichtig.
- Bjork und Kollegen zeigen: Was sich beim Lernen gut anfühlt, ist meistens nicht das, was hängen bleibt. Lernende überschätzen sich systematisch.
- Meta-Analysen (Dignath & Büttner) belegen: Wenn Schulen die Strategien systematisch trainieren, wirkt es. Punktuelle Workshops wirken kaum.
- Schulen wie die Alemannenschule Wutöschingen zeigen, dass sich Selbstregulation als Alltagsroutine bauen lässt, mit Ritualen, Lernpartnern und Rhythmus.
- Ohne Autonomie, Kompetenzerleben und Zugehörigkeit (Deci & Ryan) bleibt jede Technik hohl.
Häufige Fragen
Ist selbstreguliertes Lernen dasselbe wie selbstgesteuertes oder selbstorganisiertes Lernen?
Die Begriffe werden in der deutschsprachigen Literatur oft synonym benutzt, meinen aber nicht ganz das Gleiche. Selbstreguliertes Lernen (self-regulated learning) beschreibt den psychologischen Kreislauf aus Zielsetzung, Selbstbeobachtung und Reflexion. Selbstgesteuertes oder selbstorganisiertes Lernen (SOL) beschreibt eher die didaktische Umsetzung im Klassenzimmer, in der Kinder Zeit, Inhalt und Reihenfolge mitbestimmen. Das eine ist der Skill im Kopf, das andere die Struktur außen herum. Beides gehört zusammen.
Ab welchem Alter kann man mit Selbstregulation im Lernen anfangen?
Früher als die meisten denken. Schon Vorschulkinder können lernen, sich vor einer Aufgabe zu überlegen, was sie tun wollen, und hinterher zu erzählen, wie es lief. In der Grundschule funktionieren einfache Formate wie „Was will ich heute schaffen?“ und „Was habe ich heute geschafft?“ gut. Die anspruchsvolleren Strategien (Selbsttest, Abfragen ohne Spickzettel, Umgang mit Fehlern) landen ab der Mittelstufe.
Ist Selbstregulation nicht einfach ein Talent, das manche haben und manche nicht?
Nein, und das ist die vielleicht wichtigste Botschaft der Forschung. Selbstregulation ist trainierbar. Kinder, die früh systematische Anleitung bekommen, entwickeln sie robust. Kinder, die man ohne Werkzeuge sich selbst überlässt, entwickeln sie oft nie. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun. Es hat mit Übung zu tun.
Was ist der häufigste Fehler, den Eltern beim Thema Lernen machen?
Sie kontrollieren das Ergebnis, statt den Prozess zu begleiten. Also: „Zeig her, was Du gemacht hast“ statt „Was willst Du heute lernen, und wie gehst Du vor?“ Zielbild und Reflexion moderieren hilft dem Kind, den Skill aufzubauen. Reines Nachprüfen hilft ihm nur, das Prüfen zu überstehen. Zwei sehr unterschiedliche Lernziele.
Wie erkenne ich als Erwachsener, ob ich selbst gut selbstreguliert lerne?
Ein einfacher Test: Kannst Du in drei Sätzen sagen, warum Du das gerade lernst, wo Du es einsetzen willst und wie Du merkst, dass Du es kannst? Wenn ja: Du regulierst. Wenn Du bloß „weil ich muss“ antwortest: Du liest, aber Du lernst nicht.
Quelle
- Bjork, R. A., Dunlosky, J., & Kornell, N. (2013). Self-regulated learning: Beliefs, techniques, and illusions. Annual Review of Psychology, 64, 417-444. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-113011-143823
- Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1993). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, 39(2), 223-238. https://www.pedocs.de/volltexte/2017/11173/
- Dignath, C., & Büttner, G. (2008). Components of fostering self-regulated learning among students. A meta-analysis on intervention studies at primary and secondary school level. Metacognition and Learning, 3(3), 231-264. https://doi.org/10.1007/s11409-008-9029-x
- Ruppaner, S., & Willers, A. (2025). Das könnte Schule machen: Wie ein engagierter Pädagoge unser Bildungssystem revolutioniert. Rowohlt.
- Zimmerman, B. J. (2002). Becoming a Self-Regulated Learner: An Overview. Theory Into Practice, 41(2), 64-70. https://doi.org/10.1207/s15430421tip4102_2
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Autor: Marian Zefferer, MSc
Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.

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