Freie Schule Leipzig: Selbstbestimmt lernen seit 1990
Stell Dir eine Schule vor, in der niemand Dir sagt, was Du heute lernen sollst. Kein Stundenplan an der Wand. Kein Klingeln, das Dich alle 45 Minuten aus einer Sache in die nächste jagt. Stattdessen: ein Haus voller Angebote, eine Versammlung, in der Dein Wort dasselbe Gewicht hat wie das des Direktors, und ein Vertrauen darauf, dass Du selbst weißt, was Du wann brauchst. Klingt utopisch? Diese Schule gibt es seit 1990. Sie steht in Leipzig-Grünau, und sie ist die einzige Freie Alternativschule, die noch in der DDR gegründet wurde.
Die Freie Schule Leipzig ist eines der wichtigsten Bildungsexperimente in Deutschland. Sie zeigt seit über dreißig Jahren, dass Kinder auch dann etwas lernen, wenn niemand sie zwingt. Und ihr Ringen um staatliche Anerkennung zeigt, dass eine gute Idee es in diesem Land immer noch schwer hat.
Eine Schule aus der Wendezeit
Die Freie Schule Leipzig wurde am 30. August 1990 als staatlich genehmigte Ersatzschule gegründet, wenige Wochen vor der Wiedervereinigung. Weil die DDR das westdeutsche System aus Grund- und Sekundarschule nicht kannte, galt die Genehmigung von Anfang an für die Klassen eins bis zehn am Stück. Diese Besonderheit ist bis heute geblieben: An der Freien Schule Leipzig gibt es keinen Schulwechsel nach der vierten Klasse. Wer eingeschult wird, kann bis zum mittleren Schulabschluss bleiben. Ihre Wurzeln liegen in der Bürgerbewegung der späten 80er. Menschen, die gerade eine friedliche Revolution mitgetragen hatten, wollten die Idee von Demokratie auch in die Schule tragen.
Heute lernen rund 180 Kinder und Jugendliche an der Alten Salzstraße 67 in Leipzig-Grünau, im aktuellen Gebäude seit 2009. Träger ist der Verein Freie Schule Leipzig e.V. Von 2017 bis Ende 2021 wurde saniert und barrierefrei umgebaut, allein die Aktion Mensch steuerte 122.178,97 Euro für den barrierefreien Umbau bei.
Nicht verwechseln: In Leipzig gibt es noch andere Schulen mit „frei“ im Namen (die Freie Grundschule Clara Schumann, die Freie Oberschule von Rahn Education, die Freie Waldorfschule). Das sind eigenständige Privatschulen mit eigenem Profil, aber sie sind nicht dieselbe Schule. Wenn dieser Text von „der Freien Schule Leipzig“ spricht, ist immer der Verein an der Alten Salzstraße gemeint.
Kein Lehrplan. Kein Pflichtunterricht. Ernsthaft?
Das Prinzip der Schule ist einfach ausgesprochen und radikal in der Konsequenz: Jeder Schüler entscheidet selbst, was, wann, wie und mit wem er lernt. Es gibt niemanden, der einen Lehrplan vorgibt. Es gibt keine Zensuren. Es gibt keine Pflichtstunden. Der Schüler formt seinen Tag aus dem Angebot der Schule: Kurse, Werkstätten, Projekte, Buchclub, Garten, freies Spielen. Erwachsene heißen hier oft nicht Lehrer. Sie heißen Begleiter, und ihre Aufgabe ist, Angebote zu machen, Lernverabredungen einzugehen und da zu sein, wenn ein Kind Hilfe will.
Wer diese Idee zum ersten Mal hört, denkt reflexartig: Da lernen die Kinder ja nichts. Genau das Gegenteil ist die These der Schule. Ihre Erfahrung nach über dreißig Jahren: Lernen ist dann lustvoll und effektiv, wenn es selbstgesteuert ist. Ein Kind, das aus eigenem Antrieb Rechnen wissen will (weil es Kekse gerecht teilen will oder ein Videospiel programmieren), lernt es schneller und behält es länger als eines, das eine Regel abschreiben muss, die es gerade nicht braucht.
Wusstest Du?
An der Sudbury Valley School in Massachusetts, dem amerikanischen Vorbild dieser Schulform, haben Peter Gray und David Chanoff 1986 die Absolventen befragt. Trotz komplett fehlendem Curriculum studierten oder arbeiteten fast alle erfolgreich in ihren gewählten Feldern; viele gaben zu Protokoll, ihr klarer Vorteil sei die Selbstverantwortung. Es ist eine kleine Studie, aber sie hat drei Jahrzehnte lang gehalten.
Die Schulversammlung ist das Verfassungsorgan
Freiheit ohne Rahmen wird chaotisch. Deshalb hat die Freie Schule Leipzig einen Rahmen, den die Schule sich selbst gibt. Sie heißt Große Schulversammlung, tagt einmal pro Woche und ist das oberste Entscheidungsorgan. Prinzip: Wer von einer Entscheidung betroffen ist, entscheidet mit. Eine Person, eine Stimme. Kinder und Erwachsene gleichgestellt. Hier werden Regeln formuliert, Anschaffungen beschlossen, Konflikte verhandelt, Anträge gestellt. Jeder kann Themen für die Tagesordnung einbringen.
Daneben gibt es eine Kleine Schulversammlung, die sich um Regelverstöße kümmert. Sie ist eine Art selbstverwaltete Judikative. Sie wurde 2009 mit dem Preis „Schule der Toleranz“ gewürdigt.
Das ist mehr als eine pädagogische Spielerei. Das ist die Übersetzung eines demokratischen Grundgedankens in den Alltag von Sechs- bis Sechzehnjährigen. Wer als Zweitklässler erlebt hat, wie er einen Antrag stellt, ihn begründet, gegen Einwände diskutiert und am Ende eine Mehrheit findet, der weiß mit vierzig, wie Demokratie im Detail funktioniert. Kein Buch der Welt vermittelt das so.
2007: Als das Land der Schule den Betrieb verbieten wollte
Die vielleicht bewegendste Geschichte in der Chronik der Schule spielt 2007. Die Sächsische Bildungsagentur untersagte damals der Freien Schule Leipzig den weiteren Betrieb der Mittelschule. Argument: Ohne Lehrplan und Pflichtunterricht seien die Bildungsziele nicht sichergestellt. Das Verwaltungsgericht Leipzig lehnte den Eilantrag der Schule ab, es sah aus, als sei die Sekundarstufe am Ende. Das Oberverwaltungsgericht Bautzen jedoch kippte die Entscheidung und ließ den Betrieb zu. Die Schule durfte weitermachen.
Dieser Streit ist mehr als eine Fußnote. Er zeigt zwei Dinge auf einmal. Erstens: Selbst nach fast zwanzig Jahren erfolgreicher Arbeit muss so eine Schule immer wieder juristisch verteidigen, dass Selbstbestimmung dem staatlichen Anspruch auf Gleichwertigkeit standhält. Zweitens: Es gibt in Deutschland Richter, die genau hinschauen und das Grundgesetz auf ihrer Seite haben. Artikel 7 Absatz 4 garantiert das Recht auf Ersatzschulen ausdrücklich, inklusive dem Recht, es anders zu machen.
Wie weiß man ohne Noten, ob es funktioniert?
Diese Frage ist die meistgestellte, und sie ist berechtigt. Wenn kein Zeugnis mit Ziffern auf den Schüler wartet, wie wird die Qualität der Schule gesichert?
Die Antwort der Freien Schule Leipzig läuft auf drei Ebenen. Erstens: Sie ist eine staatlich genehmigte Ersatzschule und untersteht der sächsischen Schulaufsicht. Genehmigt heißt, das Land hat sie geprüft und für den staatlichen Schulen gleichwertig erklärt. Zweitens: Wer will, kann am Ende der zehnten Klasse reguläre Externenprüfungen für den mittleren Schulabschluss ablegen. Die Absolventen der Schule haben das immer wieder getan. Viele gehen anschließend auf ein Gymnasium, machen Abitur, studieren. Drittens, und das ist das pädagogisch Interessanteste: Die Schule hat sich mit drei weiteren Freien Schulen zu einem Evaluationsverbund zusammengeschlossen. Statt einer einzelnen internen Nabelschau schauen sich die Schulen gegenseitig auf die Finger, geben strukturiertes Feedback und lernen voneinander. Aus meiner Sicht ist das eine reifere Form der Qualitätssicherung als jede Notenskala, weil sie das Kollegium in einen Lernprozess zwingt. Genau die Haltung, die die Schule von ihren Kindern erwartet.

Die Ahnenlinie: Summerhill, Sudbury, EUDEC
Die Freie Schule Leipzig steht nicht allein. Sie ist Teil einer pädagogischen Traditionslinie, die 1921 im englischen Suffolk begann. Dort gründete Alexander Sutherland Neill die Schule Summerhill, mit einer klaren Absage an autoritäre Erziehung. Neill schrieb in seinem berühmten Buch, das seit 1969 auch auf Deutsch vorliegt: Ein Kind soll eine Sache erst dann machen, wenn es zu der Überzeugung gelangt ist, dass es sie machen will. Sein Vertrauen in die Selbstregulierung des Kindes ist der geistige Grundstein aller demokratischen Schulen bis heute.
Ein weiterer Zweig wuchs 1968 in Massachusetts: Die Sudbury Valley School, die Daniel Greenberg mitbegründete und über die er 1988 ein deutschsprachig 2004 erschienenes Buch schrieb, trieb den Gedanken noch weiter. Kein Lehrplan, kein Pflichtunterricht, alle Entscheidungen in der Schulversammlung, ein Justizausschuss für Regelverstöße. Die Freie Schule Leipzig hat viele dieser Elemente aufgenommen, sie zusammen mit anderen deutschen Freien Alternativschulen weiterentwickelt und in einen mitteleuropäischen Kontext gestellt.
Und sie hat vernetzt. 2008 richtete die Freie Schule Leipzig zusammen mit der Universität Leipzig und dem Sudbury-Schule-Halle-Leipzig-Verein die allererste Konferenz der European Democratic Education Community (EUDEC) aus; über 400 Teilnehmer aus mehr als 25 Ländern kamen nach Leipzig. Die Schule wurde für die nachhaltige Durchführung offiziell als UN-Weltdekade-Projekt „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet. Aus der Konferenz entstand eine europäische Bewegung, die heute Dutzende demokratischer Schulen von Portugal bis Estland verbindet.
Warum diese Schule ein Vorbild ist
Meine persönliche Vision für das Lernen in zwanzig Jahren ist nicht die eine perfekte Reformschule, die alle Schulen ersetzt. Sie ist ein Land, in dem viele verschiedene gute Schulen existieren, jede mit einem klaren Profil, jede mit ihrer pädagogischen Überzeugung, und Eltern und Kinder wählen frei die Schule, die zu ihnen passt. Die Freie Schule Leipzig ist eine dieser guten Schulen, nicht die einzig richtige. Sie ist ein Angebot für Kinder und Familien, denen Selbstbestimmung wichtiger ist als Effizienz im 45-Minuten-Takt. Für andere Kinder wird eine Alemannenschule mit ihren sieben Raumbereichen besser passen, für wieder andere eine Montessori-Grundschule mit vorbereiteter Umgebung, und für manche vielleicht sogar eine klassische gymnasiale Ausbildung mit klarem Fachkanon.
Was aber alle diese guten Schulen verbindet (und was in Leipzig seit 1990 gelebt wird), ist das Vertrauen darauf, dass ein Kind ein Lernorgan ist. Wenn Lernen schwer wird, sind die Umstände beschissen, nicht das Kind. Genau dieses Vertrauen haben Neill in Summerhill und Greenberg in Sudbury Valley formuliert. Es hat den Rechtsstreit 2007 ausgehalten, es hat drei Jahrzehnte Alltag überstanden, und es trägt bis heute.
Impuls für heute
Wenn Du mit einem Kind zu tun hast (Deinem eigenen, einem Enkel, einem Schüler): probier heute einen einzigen Tag lang, nichts zu ihm zu sagen, was mit „musst“ oder „sollst“ anfängt. Beobachte, was passiert.
Was Du konkret aus der Freien Schule Leipzig für Deinen Alltag mitnehmen kannst
- Frag, bevor Du erklärst. Wenn ein Kind eine Frage hat, ist der Lernmoment da. Wenn Du selbst die Frage stellst, oft nicht.
- Bau eine Versammlung ein – klein. Familienrat, Wochenkreis in der Klasse, Team-Stand-up. Ein fester Ort, an dem jede Stimme zählt.
- Gib die Wahl des Wie ab. Das Ziel bleibt (Dreisatz verstehen), der Weg wird frei (Video, Buch, mit einem Klassenkameraden erklären lassen).
- Lass eine Woche Lehrplan aus. In einer Ferienwoche, an einem Wochenende, im eigenen Weiterbilden: eine Woche lang nur folgen, was Dich interessiert. Beobachte, was Du am Ende weißt.
- Nimm den Streit ernst. Regelverstöße sind keine Katastrophe, sondern Lernstoff. Die Kleine Schulversammlung in Leipzig funktioniert deshalb, weil sie ihn behandelt statt ihn wegzustrafen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Freie Schule Leipzig wurde am 30. August 1990 gegründet. Sie ist die einzige noch in der DDR entstandene Freie Alternativschule Deutschlands.
- Sie umfasst Klassen 1 bis 10, hat rund 180 Schüler und sitzt seit 2009 in Leipzig-Grünau.
- Es gibt keinen Lehrplan, keine Zensuren und keinen Pflichtunterricht. Jeder gestaltet seinen Lerntag selbst aus dem Angebot der Schule.
- Die Große Schulversammlung tagt einmal pro Woche, jede Stimme zählt gleich. Kinder und Begleiter sind gleichberechtigt.
- 2007 kippte das Oberverwaltungsgericht Bautzen die Untersagungsverfügung der Sächsischen Bildungsagentur. Seither ist die Sekundarstufe rechtlich abgesichert.
- Die erste EUDEC-Konferenz fand 2008 in Leipzig statt, mit über 400 Teilnehmern aus mehr als 25 Ländern.
- Qualitätssicherung läuft über staatliche Genehmigung, freiwillige Externenprüfungen und einen Evaluationsverbund mit drei weiteren Freien Schulen.
- Sie steht in einer pädagogischen Traditionslinie mit Summerhill (Neill 1921) und Sudbury Valley (1968).
Häufige Fragen
Bekommen die Kinder an der Freien Schule Leipzig ein Zeugnis oder einen Abschluss?
Ja, wer will, kann am Ende der zehnten Klasse an regulären Externenprüfungen teilnehmen und den mittleren Schulabschluss erwerben. Die Freie Schule Leipzig ist eine staatlich genehmigte Ersatzschule; ihre Bildungsziele werden vom Land Sachsen als gleichwertig zur öffentlichen Schule anerkannt.
Was kostet der Besuch der Freien Schule Leipzig?
Als Schule in freier Trägerschaft finanziert sich der Verein durch Landeszuschüsse, Elternbeiträge und Spenden. Die Elternbeiträge werden nach dem Familieneinkommen gestaffelt, damit die Schule nicht zu einem Angebot nur für Wohlhabende wird. Aktuelle Beträge stehen auf der Schulwebseite.
Heißt selbstbestimmtes Lernen „die Kinder machen einfach, was sie wollen“?
Genau das ist der zentrale Unterschied. Selbstbestimmt heißt: Das Kind wählt aus einem vorbereiteten Angebot und trägt Verantwortung. Es gibt Regeln, sie werden gemeinsam in der Schulversammlung ausgehandelt und gelten für alle, auch für die Begleiter. Freiheit funktioniert nur mit Sicherheit als Basis, sonst wird sie beliebig.
Wo finde ich weitere freie und demokratische Schulen in Deutschland?
Der Bundesverband der Freien Alternativschulen (BFAS) listet aktuell rund 90 Schulen und Initiativen in Deutschland. Auf europäischer Ebene führt die EUDEC ein Verzeichnis. Für den großen Überblick der wichtigsten Reformschul-Typen empfiehlt sich unsere Übersicht der alternativen Schulformen.
Quelle
- Gray, P., & Chanoff, D. (1986). The value of a Sudbury Valley School education as viewed by graduates. American Journal of Education, 94(2), 182-213. https://doi.org/10.1086/443803
- Greenberg, D. (2004). Endlich frei: Leben und Lernen an der Sudbury Valley Schule. tologo Verlag.
- Neill, A. S. (1969). Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung: Das Beispiel Summerhill. Rowohlt.
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Autor: Marian Zefferer, MSc
Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.

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