Sketchnote: Kalender mit drei verteilten Lernblöcken, verbunden durch Pfeile; dazwischen Symbole für Schlaf und Alltag; daneben Vergessens- und Erinnerungskurve

Verteiltes Lernen: Warum Abstand mehr bringt als Pauken

Verteiltes Lernen (im Englischen „Spacing“) heißt: denselben Stoff mehrmals mit Abständen anschauen statt am Stück. Klingt banal, ist aber eines der robustesten Ergebnisse der Lernforschung. In einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2021 kam das verteilte Üben beim späteren Abruf auf einen Effekt von g = 0,74 gegenüber dem gebündelten Üben (Latimier et al., 2021). Das ist ein großer Effekt. Und für Dich bedeutet er: Wer heute drei Stunden am Stück lernt, hat weniger im Kopf als jemand, der die gleiche Zeit über drei Tage verteilt.

In diesem Artikel zeige ich Dir, was hinter dem Spacing-Effekt steckt, wie weit die Abstände auseinander liegen sollten und wie Du ihn ganz praktisch im Alltag und mit Kindern umsetzt.

Was verteiltes Lernen genau meint

Stell Dir zwei Lerneinheiten vor. Beide dauern 60 Minuten und behandeln denselben Stoff.

  • Gebündelt (massed): 60 Minuten am Stück, einmal durchgearbeitet, nächsten Monat kommt die Prüfung.
  • Verteilt (spaced): 20 Minuten heute, 20 Minuten in drei Tagen, 20 Minuten in einer Woche, danach Prüfung.

Die zweite Variante ist für den Kopf anstrengender und fühlt sich unproduktiver an, weil Du beim zweiten und dritten Mal spürst, dass Du schon wieder etwas vergessen hast. Genau dieser Moment des Erinnerns ist das Lernen. Beim gebündelten Üben kommst Du nie in diesen Moment, weil der Stoff gar nicht erst Zeit hatte zu entgleiten.

Dieser Mechanismus heißt in der Forschung spacing effect. Hermann Ebbinghaus hat ihn 1885 beschrieben, als er sich sinnlose Silben eingeprägt und messerscharf nachgewiesen hat, dass Vergessen eine Kurve mit System ist. Jede Wiederholung mit Pause flacht diese Kurve ab, bis das Wissen über Monate stabil bleibt.

Was die Forschung heute zeigt

Latimier, Peyre und Ramus haben 2021 im Fachjournal Educational Psychology Review eine Meta-Analyse zu 29 Studien veröffentlicht. Ihr Kernergebnis: Das verteilte Abrufüben schlägt das gebündelte Abrufüben deutlich (g = 0,74). Und, überraschend, es ist fast egal, ob die Abstände zwischen den Lernblöcken gleich bleiben oder länger werden. Der Zusatzeffekt expandierender Abstände war in der Meta-Analyse mit g = 0,03 praktisch null (Latimier et al., 2021). Du musst also kein kompliziertes System aufsetzen. Gleiche Abstände reichen.

Noch breiter untermauert ist der Spacing-Effekt durch die klassische Synthese von Cepeda, Pashler, Vul, Wixted und Rohrer (2006). Sie haben 184 Artikel zu verteiltem Lernen ausgewertet und finden: Je länger der Abstand zwischen Wiederholung und dann folgender Erinnerung, desto stärker der Vorteil. Für eine Prüfung in einer Woche sollten die Lernabstände etwa einen Tag auseinander liegen. Für eine Prüfung in einem halben Jahr lohnen sich Monatsabstände (Cepeda et al., 2006).

Dunlosky und Kollegen haben 2013 für das Psychological Science in the Public Interest zehn verbreitete Lerntechniken systematisch bewertet. Von Markieren über Zusammenfassen bis Mnemotechniken wurden alle am Lerngewinn gemessen. Zwei Techniken stehen am Ende an der Spitze: Abrufüben und verteiltes Lernen. Beide wurden mit „hoher Nutzen“ bewertet und beide sind in jedem Alter und Fach einsetzbar (Dunlosky et al., 2013).

Die praktische Bruecke zum Abrufüben haben wir in einem eigenen Artikel aufgezeichnet: Lies dort nach, wie Selbsttesten mehr bringt als Wiederholen. Spacing und Abrufüben wirken zusammen wie zwei Zahnräder: Erst der Selbsttest, dann die Pause.

Mein Alltagstrick: der zweite Verdauungsgang

Ich arbeite seit Jahren mit einer Zettel-Software (Obsidian). Alles, was ich lese oder erlebe und das ich wichtig finde, bekommt eine kurze Notiz: ein paar Sätze in meinen Worten, verlinkt zu angrenzenden Ideen. Das ist Verdauungsgang eins.

Wusstest Du?

Hermann Ebbinghaus hat 1885 im Selbstversuch 2.300 sinnlose Silben auswendig gelernt, nur um die Vergessenskurve zu zeichnen. Diese Kurve ist heute, 140 Jahre später, immer noch die Grundlage jeder seriösen Spacing-Software.

Dann kommt Verdauungsgang zwei: Tage oder Wochen später gehe ich die Notiz wieder an. Ich lese sie, verändere sie, verknüpfe sie neu mit dem, was in der Zwischenzeit dazugekommen ist. Das fühlt sich manchmal nach Zeitverschwendung an, denn ich habe das doch alles schon einmal gelesen und notiert. Genau in diesem Moment, in dem es sich redundant anfühlt, passiert das Lernen. Die Idee setzt sich fest, bekommt eine neue Verknüpfung, wird robuster.

Dasselbe Prinzip taugt für jedes Thema, das Du nicht nur für einen Test behalten willst. Ein Buch, einen Kurs, eine Fortbildung. Lies Dir danach eine Woche später die Notizen wieder durch. Ändere, ergänze, verwirf, verlinke. Und dann noch einmal einen Monat später. Du wirst Dich wundern, wie viel aus diesem Material in Dir drin bleibt und wie viel von einem Buch ohne diesen zweiten Durchgang nach drei Monaten weg wäre.

So setzt Du verteiltes Lernen praktisch um

Für Dich selbst:

  1. Teile Dein Lernen in Blöcke von 20 bis 45 Minuten und verteile sie über mehrere Tage. Ein Nachmittag am Stück ist meistens schlechter als drei Nachmittage mit je einem Drittel der Zeit.
  2. Wiederhole mit festen Abständen. Für eine Prüfung in einer Woche: Tag 1, Tag 3, Tag 6. Für Stoff, der langfristig sitzen soll: nach einem Tag, nach einer Woche, nach einem Monat.
  3. Verbinde die Wiederholung mit einem Selbsttest. Rufe ab, was Du letzte Woche gemacht hast, bevor Du im Buch nachschlägst. Erst ziehen, dann prüfen.
  4. Räume Lücken ein. Pausen zwischen den Blöcken sind kein Zeitverlust, sondern Teil des Lernens. Der Kopf arbeitet in der Pause weiter, auch im Schlaf.

Für Kinder (die „Hausaufgaben in letzter Minute machen“-Falle):

  1. Verteile Hausaufgaben über die Woche, auch wenn das Kind lieber alles Freitagnachmittag erledigt. Montag Vokabeln, Mittwoch kurz wiederholen, Freitag kurz testen.
  2. Baut gemeinsame Mini-Reviews ein. Beim Zähneputzen fragst Du dein Kind: „Was waren die drei neuen Wörter von gestern?“ Das sind 60 Sekunden Spacing.
  3. Vermeide das Nacht-vor-Prüfungen-Pauken. Es wirkt kurzfristig, blockiert aber das langfristige Behalten. Was in der letzten Nacht reingestopft wird, ist am Montag wieder weg. Mehr dazu findest Du im Artikel über Begeisterung als Treibstoff des Lernens.

Ich habe das selbst beobachtet, als meine Kinder angefangen haben, Vokabeln zu lernen. Fünf Minuten täglich eine Woche vor der Prüfung schlagen 45 Minuten am Vorabend. Immer. Mit riesigem Abstand.

Impuls für morgen

Nimm Dir heute Abend fünf Minuten für genau eine Sache, die Du letzte Woche gelernt oder gelesen hast. Erinnere Dich daran, ohne nachzuschauen. Dann ergänzen, wo Dir heute etwas Neues einfällt. Beobachte, wie unangenehm es anfangs ist, dass Du so viel vergessen hast. Und dann beobachte, wie viel davon in sieben Tagen stabiler sitzt als beim ersten Mal.

Warum sich das für Dich lohnt

Wenn Du den Spacing-Effekt verstanden hast, veränderst Du zwei Dinge:

Erstens hörst Du auf, Lernen am Erschöpfungsgefühl zu messen. Wer nach drei Stunden Pauken müde ist, hat lange nicht gelernt. Er hat vermutlich einfach nur geschuftet. Umgekehrt fühlen sich die effektivsten Wiederholungen oft klein und unspektakulär an. Fünf Minuten, in denen Du Dich an etwas erinnerst, sind mehr wert als eine Stunde, in der Du dieselbe Seite zum vierten Mal auf einmal durchliest.

Zweitens hörst Du auf, Vergessen als Scheitern zu sehen. Vergessen ist Teil des Lernens. Jede Wiederholung mit Pause braucht das Vergessen davor, um den Spacing-Effekt überhaupt möglich zu machen. Die klassische Schule hat uns beigebracht, Vergessen zu vermeiden. Die Lernforschung sagt das Gegenteil: Dauerhaftes Wissen braucht das Vergessen und das rechtzeitige Nachschauen – wer stattdessen das Vergessen vermeiden will, pauk unendlich weiter. Ein weiterer Grund, die Lernlust der Kinder nicht wegzuhämmen – denn mit Lust lernt es sich leichter mit Pausen, und ohne Lust nur mit Druck.

Weitere Praxisbausteine findest Du im Lernen-lernen-Leitfaden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Verteiltes Lernen (Spacing) heißt: denselben Stoff mehrmals mit Pausen anschauen statt am Stück.
  • Es gehört laut Meta-Analyse zu den wirksamsten Lernmethoden mit großem Effekt (Latimier et al., 2021).
  • Gleich lange Abstände zwischen den Lernblöcken reichen; expandierende Intervalle bringen praktisch keinen Zusatzeffekt.
  • Faustregel: Je länger der Stoff sitzen soll, desto länger die Abstände. Woche für die Prüfung = ein Tag Abstand; Jahre für die Praxis = ein Monat Abstand.
  • Spacing wirkt am besten in Kombination mit Abrufüben: Beim Wiederholen zuerst selbst erinnern, dann nachschauen.
  • Vergessen ist keine Niederlage. Es ist die Voraussetzung dafür, dass der Spacing-Effekt überhaupt greifen kann.

Häufige Fragen

Wie kann ich mir Gelerntes besser merken?

Verteiltes Üben und Abrufüben sind die zwei Techniken mit dem stärksten Beleg in der Lernforschung (Dunlosky et al., 2013; Latimier et al., 2021). Teile den Stoff in kleine Portionen, verteile sie über mehrere Tage und frag Dich bei jeder Wiederholung erst selbst ab, bevor Du nachschlägst.

Welche Lernmethoden sind laut Forschung am wirksamsten?

Dunlosky und Kollegen (2013) haben zehn Techniken mit „hoher“, „mittlerer“ und „geringer“ Wirksamkeit bewertet. Mit „hoch“ eingestuft wurden nur zwei: Abrufüben (Practice Testing) und verteiltes Üben (Distributed Practice). Markieren und Wiederlesen landeten bei „gering“.

Wie lerne ich richtig und effektiv für Prüfungen?

Statt am Vorabend zu pauken, teile den Stoff in Blöcke und verteile ihn über die ganze Woche vor der Prüfung. Zwischen den Blöcken: Pausen, in denen Du Dich an frühere Blöcke erinnerst. Für eine Prüfung in einer Woche hat sich der Rhythmus Tag 1, Tag 3, Tag 6 gut bewährt (Cepeda et al., 2006). Weitere Alltagstipps findest Du in unserem Artikel Mein Kind geht ungern in die Schule und bei den Impulsen zur Begeisterung.

Reicht gleicher Abstand oder soll ich die Zeiten dehnen?

Latimier und Kollegen (2021) finden in ihrer Meta-Analyse praktisch keinen Zusatzeffekt für expandierende Intervalle (g = 0,03). Gleich lange Abstände reichen. Wichtig ist, dass die Abstände überhaupt da sind.

Quelle

  • Cepeda, N. J., Pashler, H., Vul, E., Wixted, J. T. & Rohrer, D. (2006). Distributed Practice in Verbal Recall Tasks: A Review and Quantitative Synthesis. Psychological Bulletin, 132(3), 354-380. https://doi.org/10.1037/0033-2909.132.3.354
  • Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J. & Willingham, D. T. (2013). Improving Students‘ Learning With Effective Learning Techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4-58. https://doi.org/10.1177/1529100612453266
  • Latimier, A., Peyre, H. & Ramus, F. (2021). A Meta-Analytic Review of the Benefit of Spacing out Retrieval Practice Episodes on Retention. Educational Psychology Review, 33, 959-987. https://doi.org/10.1007/s10648-020-09572-8

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Marian Zefferer, Psychologe und Gründer von Bildungsimpuls

Autor: Marian Zefferer, MSc

Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.


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