Netzwerk-Schule Berlin: Lernen ohne Klassen und Noten
Stell Dir vor, Du sitzt in einem Kreis auf dem Boden. Rundherum sitzen andere Kinder, ein paar Erwachsene, ein Mädchen mit einer Wollmütze leitet die Runde. An der Tafel vor Dir steht ein Antrag: „Straßenschuhe sind wieder verboten.“ Ein Junge, vielleicht neun Jahre alt, erklärt: „Mein Ansinnen ist es, saubere Schuhe zu haben.“ Ein anderes Kind schüttelt den Kopf: Manche Schuhe seien einfach lästig auszuziehen. Dann wird abgestimmt: Hände hoch, wer dafür ist. Hände hoch, wer dagegen ist. Der Ausgang ist offen. Das ist Dienstagvormittag an der Netzwerk-Schule Berlin, keine Simulation.
Viele Erwachsene reagieren auf so eine Szene zuerst amüsiert, dann irritiert. Kinder, die über Schuhe abstimmen? Sollen die nicht Mathe machen? Genau da liegt der Denkfehler, den unser Bildungssystem tief in uns eingebaut hat: Wir halten Schule und Demokratie für zwei getrennte Welten. Erst wird gelernt, dann darf mitentschieden werden, irgendwann, später, im Betriebsrat vielleicht. Die Netzwerk-Schule in Berlin-Friedrichshain dreht diese Reihenfolge um. Sie zeigt eine Möglichkeit, wie Kinder erwachsen werden können, ohne dass ihnen unterwegs die Lust am Lernen abgewöhnt wird.
Was die Netzwerk-Schule Berlin ist
Die Netzwerk-Schule liegt in der Marchlewskistraße 40 in Berlin-Friedrichshain, ein paar Minuten zu Fuß von der Warschauer Brücke. Sie startete am 1. September 2008 und ist heute eine staatlich anerkannte Gemeinschaftsschule von Klasse 1 bis 10 in freier Trägerschaft. Der offene Ganztag geht in der Regel von 8 bis 18 Uhr. Im Schuljahr 2023/24 lernten dort 107 Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 17 Jahren, betreut von 18 Mitarbeitern. Träger ist der Verein Netzwerk Spiel/Kultur Prenzlauer Berg e.V., aus dessen jahrzehntelanger Kinderrechtsarbeit das Schulkonzept gewachsen ist (BFAS-Schuleintrag).
Die Schule versteht sich selbst als Demokratische Schule und formuliert das auf ihrer Konzeptseite so: „Demokratische Schulen bauen auf den Grundprinzipien von Freiheit, Menschenrechten und Demokratie auf.“ Der zweite Satz, der genauso wichtig ist: „Die Schüler entscheiden selbst darüber, wie sie ihren Tag verbringen. Insbesondere entscheiden sie selbst über ihre Lernaktivitäten.“
Aufgenommen wird unabhängig von Herkunft oder Leistung, ausdrücklich auch Kinder mit Behinderungen. Die Schule ist Mitglied im Bundesverband der Freien Alternativschulen (BFAS) und im European Democratic Education Community (EUDEC); sie hat an einer Befragung im Europarats-Programm „Free to Speak, Safe to Learn: Democratic Schools for All“ teilgenommen.
Drei Säulen des Alltags
Was heißt „Demokratische Schule“ konkret, wenn morgens 107 Kinder durch die Tür kommen? Die TING-Schule in Berlin, die Neue Schule Hamburg oder die Demokratische Schule Infinita beantworten diese Frage auf ähnliche Weise. In den Videos und Selbstbeschreibungen der Netzwerk-Schule zeigen sich drei tragende Säulen, die den Tag strukturieren: die Schulversammlung, das Schulgericht und die freie Wahl der Lernaktivitäten.
Die Schulversammlung: das Parlament der Schule
„Bei uns entscheidet die Schulgemeinschaft, wer hier arbeitet“, sagt eine Schülerin im Schulvideo. „Wir alle bestimmen die Schulregeln gemeinsam und für was Geld ausgegeben wird, und das finden wir toll.“ Ein Sprecher erklärt: „Um unsere Schule gemeinsam zu organisieren und zu verwalten, gibt es bei uns eine regelmäßige Schulversammlung. Sie funktioniert wie ein Parlament, in dem wir über Regeln, Finanzen und die Einstellung von Mitarbeitern entscheiden.“ Drei gewählte Personen leiten die Sitzung, die Teilnahme ist freiwillig, alle dürfen Anträge einreichen. Der aktuelle Antrag wird auf einer Tafel vor dem Versammlungsraum ausgeschrieben. Komplexere Themen wandern in kleinere Arbeitsgruppen, sogenannte Komitees (Schulvideo).
Hier geht es um echte Verantwortung, weit über eine Schulsprecher-Rolle hinaus. Die Schulversammlung entscheidet über die Personalfrage, über die Kasse und über die Regeln des Zusammenlebens. Erwachsene und Kinder haben dabei eine Stimme.

Das Schulgericht: Konflikte gerecht lösen
Ein Kind macht in der Bibliothek laute Musik. Zwei andere sitzen dort und lesen. Sie sagen dreimal „Stopp“. Es hört nicht auf. Was jetzt? An einer Regelschule käme wahrscheinlich die Lehrperson und würde die Musik ausschalten. An der Netzwerk-Schule tagt das Schulgericht, und zwar viermal pro Woche.
„Die Richter werden von uns allen gewählt“, erklärt der Sprecher im Video. „Sie hören sich beide Parteien an und stellen Fragen. Manchmal holen sie auch Zeugen dazu. Wenn sich die Parteien nicht einigen, berät sich das Gericht und entscheidet über mögliche Konsequenzen.“ Eine Wiedergutmachung. Ein Nutzungsverbot für eine begrenzte Zeit. Und, wichtig: „Wie in einem echten Gericht können die Mitglieder auch in Berufung gehen, wenn sie die Konsequenzen nicht richtig finden.“ Schwere oder wiederholte Regelverstöße gehen zurück in die Schulversammlung.
Ein Satz aus dem Video sticht heraus: „Meistens reicht schon das gemeinsame Gespräch, um das Problem zu lösen.“
Freies Lernen ohne Klassen und Noten
„Ich finde es cool, dass es keine Klassen, keine Noten gibt“, sagt eine Schülerin im Video. Ein Junge ergänzt: „Ich kann selbst bestimmen, was ich wann lernen möchte und mit wem.“ Und ein anderes Kind grinst: „Man kann auch einfach mal in der Hängematte liegen.“
Das klingt in Erwachsenen-Ohren schnell nach Chaos. Es ist aber das Gegenteil. Wenn Kinder tagelang in der Hängematte hängen dürfen, entdecken sie irgendwann Langeweile, und aus Langeweile entsteht Neugier. Wenn kein Erwachsener sagt „Jetzt machen alle Bruchrechnung“, muss jedes Kind selbst herausfinden, was es eigentlich wissen will. Genau diese Selbstentscheidung ist der Muskel, den unser Bildungssystem nicht trainiert. Was Menschen zu wachen, mündigen Erwachsenen macht, ist die Fähigkeit, das eigene Interesse ernst zu nehmen und ihm zu folgen. Genau diese Fähigkeit beginnt hier.
Was wird aus diesen Kindern?
Die Frage kommt in jedem Gespräch über Demokratische Schulen. Was wird aus denen, wenn sie ohne Noten und ohne Klassen aufwachsen? Kommen die im Leben klar?
Die ehrlichste Antwort für die Netzwerk-Schule selbst: Es gibt keine formalen Studien dazu, die man zitieren könnte. Wohl aber Selbstauskünfte im Video. Eine ehemalige Schülerin sagt: „Ich mache gerade eine schulische Ausbildung zum Spieleprogrammierer.“ Eine andere: „Ich gehe gerade auf eine Oberstufe, um mein Abitur zu machen.“ Eine dritte, offensichtlich schon länger draußen: „Ich arbeite an einer demokratischen Schule.“
Für die größere Frage lohnt ein Blick auf das Mutterschiff aller Demokratischen Schulen: die Sudbury Valley School in Massachusetts, USA, gegründet 1968. Peter Gray und David Chanoff haben in einer Absolventenstudie im American Journal of Education die ersten Jahrgänge nachverfolgt. Ihr Ergebnis: Die Absolventen fanden sich in Berufsleben und weiterführender Ausbildung gut zurecht, sie kamen an College und Universität, sie berichteten von hohen Zufriedenheitswerten mit dem, was die Schule sie über sich selbst gelehrt hatte (Gray & Chanoff, 1986). Daraus erwuchs eine Generation Menschen, die früh gelernt hatten, ihr eigenes Leben zu steuern.
Wusstest Du?
In der Absolventenstudie von Peter Gray und David Chanoff (1986) zur Sudbury Valley School wurden ehemalige Schüler bis zu 16 Jahre nach dem Abschluss nachbefragt. Sie fanden sich sowohl im College-Studium als auch im Berufsleben mindestens so gut zurecht wie Absolventen konventioneller Schulen und beschrieben ihre Schulzeit als starken Beitrag zu Selbstkenntnis, Verantwortungsgefühl und intrinsischer Motivation. Die Studie ist bis heute eine der meistzitierten Grundlagenarbeiten zu Demokratischen Schulen.
Was diese Schule uns über Bildung zeigt
Was passiert in einem Kind, wenn niemand ihm sagt, dass es jetzt lesen können muss? Ich habe das bei meinen eigenen zwei Söhnen beobachten dürfen. Der eine wollte schon mit drei Jahren wissen, welcher Buchstabe welcher ist, und mit vier las er gut, ganz nebenbei. Der andere hatte einfach kein Interesse an Buchstaben. Also haben wir keins aufgezwungen. Er hat später gelernt, auf seine Weise, in seinem Tempo. Beide Wege waren richtig.
Genau das ist die Kernidee der Netzwerk-Schule und aller Demokratischen Schulen: Entwicklung ist nicht planbar, sie ist individuell, und ein Kind, das mit sieben oder mit dreizehn zu lesen anfängt, ist danach nicht klüger oder dümmer als eines, das mit fünf lesen kann. Der amerikanische Sudbury-Mitgründer Daniel Greenberg beschreibt in Endlich frei: Leben und Lernen an der Sudbury Valley Schule (Greenberg, 2004) genau dieses Grundvertrauen: dass Kinder von sich aus lernen wollen, wenn man sie in einer sicheren, gut vorbereiteten Umgebung ihre Zeit selbst gestalten lässt. Gemeint ist Freiheit im geschützten Rahmen, mit klaren Regeln, die aber gemeinsam ausgehandelt und immer wieder neu ausgehandelt werden.
Eine Schule wie die Netzwerk-Schule muss nicht perfekt sein, um stark zu wirken. Sie ist ein Modell unter mehreren und keine Universallösung für „die Bildung“ insgesamt. Ihr Wert liegt darin, dass sie zeigt: Es geht auch anders. Wir brauchen keinen einheitlichen Klassenverband, keine Schulglocke, keinen Notendruck, damit Kinder lernen. Wir brauchen Vertrauen, Zeit, eine gute Umgebung und Erwachsene, die sich als Begleiter statt als Kontrolleure verstehen.
Praxistransfer: Was Du daraus mitnehmen kannst
Auch wenn Deine eigene Schule oder die Deines Kindes ganz anders funktioniert, von der Netzwerk-Schule lassen sich Impulse ziehen, die im Alltag wirken:
- Gib Deinem Kind echte Entscheidungen. Weniger „welchen Schokoriegel?“, mehr: welches Hobby, welche Freizeit, welcher Streit mit wem gelöst wird. Kinder lernen Entscheiden nur, wenn sie welche treffen dürfen und die Konsequenzen tragen.
- Führe Familienversammlungen ein. Einmal pro Woche, zwanzig Minuten. Jeder darf Anträge einbringen: „Ich möchte, dass die Ferien anders geplant werden.“ Alle stimmen ab. Das trainiert genau die Muskeln, die die Schulversammlung an der Netzwerk-Schule trainiert.
- Löse Konflikte zuerst mit dem Gespräch. „Meistens reicht schon das gemeinsame Gespräch, um das Problem zu lösen“, dieser Satz aus dem Netzwerk-Schulvideo funktioniert auch am Esstisch. Erst zuhören, dann klären.
- Vertraue der ungleichzeitigen Entwicklung. Wenn Dein Kind mit sieben noch nicht lesen kann, aber lieber Insekten sortiert, ist das kein Alarm. Beobachte, welche Fenster gerade offen sind, und stell dort das Angebot bereit.
- Suche Dir Vorbilder unter den Alternativschulen. Die freien Alternativschulen des BFAS veröffentlichen ihre Konzepte offen. Viele bieten Tag der offenen Tür an. Ein Besuch verändert die Perspektive spürbar.
- Rede mit anderen Eltern über das, was Ihr wollt. Bewegung im Bildungssystem entsteht dort, wo Eltern sich zusammentun und Fragen stellen. Der Umweg über die Politik ist lang; der direkte Weg zur eigenen Schule kurz.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Netzwerk-Schule Berlin ist seit 2008 eine Demokratische Schule in freier Trägerschaft, Klassen 1 bis 10, offener Ganztag von 8 bis 18 Uhr, 107 Kinder in 2023/24.
- Träger ist der Verein Netzwerk Spiel/Kultur Prenzlauer Berg e.V., mit langer Kinderrechtsarbeit.
- Drei tragende Säulen: die Schulversammlung als Parlament, das Schulgericht (viermal pro Woche) und das freie Lernen ohne Klassen und Noten.
- Kinder und Erwachsene haben in der Schulversammlung gleiches Stimmrecht, auch bei Personalentscheidungen.
- Die internationale Forschung zur Sudbury Valley School (dem Modell, dem alle Demokratischen Schulen nachfolgen) zeigt: Absolventen finden sich im Beruf und Studium gut zurecht.
- Grundvertrauen der Demokratischen Schulen: Kinder wollen lernen, wenn man sie in einem geschützten Rahmen selbst entscheiden lässt.
Häufige Fragen
Ist die Netzwerk-Schule Berlin eine staatlich anerkannte Schule?
Ja. Die Netzwerk-Schule ist eine allgemeinbildende Gemeinschaftsschule von Klasse 1 bis 10 in freier Trägerschaft. Der Träger, Netzwerk Spiel/Kultur Prenzlauer Berg e.V., ist im BFAS-Verzeichnis der freien Alternativschulen gelistet.
Wie machen die Kinder ihre Abschlüsse?
Die Schule geht bis Klasse 10. Formale Abschlüsse werden, wie an vielen Demokratischen Schulen üblich, meist über Übergänge in Oberstufen oder Ausbildungen erreicht. Im Schulvideo berichten Absolventen von Ausbildungen (u.a. Spieleprogrammierer), Oberstufen mit Abitur und beruflichen Wegen an weiteren Demokratischen Schulen.
Was kostet der Besuch der Netzwerk-Schule?
Konkrete Zahlen kommuniziert die Schule direkt auf Anfrage. Wie bei den meisten freien Alternativschulen in Berlin wird die Finanzierung über staatliche Zuschüsse und einkommensabhängige Elternbeiträge sichergestellt, damit die Schule nicht nur wohlhabenden Familien offensteht.
Was ist der Unterschied zu einer Waldorfschule?
Waldorfschulen folgen einem festen anthroposophischen Lehrplan mit klaren Jahrgangsstufen, Fächern und Rituallen. Demokratische Schulen wie die Netzwerk-Schule geben keinen Lehrplan vor: Die Kinder entscheiden selbst, was, wann und mit wem sie lernen; Regeln entstehen in der Schulversammlung. Beide Schulformen sind reformpädagogisch, folgen aber sehr unterschiedlichen Grundannahmen über Kinder und Lernen.
Quelle
- Deichmann, S. (2024). Grenzenlos Lernen: Wie die Demokratische Schule Infinita Bildung neu denkt. BoD. https://www.bod.de/buchshop/grenzenlos-lernen-sebastian-deichmann-9783759774873
- Gray, P., & Chanoff, D. (1986). The value of a Sudbury Valley School education as viewed by graduates. American Journal of Education, 94(2), 182-213. https://doi.org/10.1086/443803
- Greenberg, D. (2004). Endlich frei: Leben und Lernen an der Sudbury Valley Schule. tologo verlag.
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Autor: Marian Zefferer, MSc
Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.

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