Sketchnote-Banner: Kinder und Erwachsene sitzen im Kreis auf einem Kreuzberger Innenhof auf gleicher Augenhoehe, ein Kind spricht

Stell Dir eine Grundschule vor, deren Motto von Hannah Arendt stammt: „Wo die Gewissheit aufhört, beginnt das Denken.“ Die Kinder heißen dort nicht Schüler, sondern Mitgestalter. Der Vorstand hat keine Angst davor, wenn ein Achtjähriger auf der Vollversammlung eine Regel in Frage stellt. Und nebenan im Kinderbauernhof lernen die Erstklässler mehr über Verantwortung als in mancher Berufsschule. Willkommen an der Freien Schule Kreuzberg.

Ich (Marian Zefferer) schaue mir seit einiger Zeit deutsche Alternativschulen an, weil ich davon überzeugt bin, dass wir das marode Regelschulsystem nicht mit einem einzigen Gegenmodell reparieren, sondern mit einer wachsenden Vielfalt guter Schulen. Die Freie Schule Kreuzberg (FSX) am Mariannenplatz ist so eine. Sie ist klein, sie ist unspektakulär, sie steht selten in Talkshows. Und sie zeigt, wie viel möglich wird, wenn Erwachsene Kinder ernst nehmen.

Vier Prinzipien, die alles verändern

Die Freie Schule Kreuzberg ist Mitglied im Bundesverband der Freien Alternativschulen (BFAS). Sie hat ihr pädagogisches Verständnis in vier kurzen Sätzen zusammengefasst, die den kompletten Schulalltag prägen:

  1. Einbeziehen statt Macht ausüben. Kinder werden bei Entscheidungen gehört, die sie betreffen.
  2. Dialog und Gespräch statt Disziplinierung. Konflikte werden verhandelt, nicht abgestraft.
  3. Empathie und Fürsorge statt Korrigieren und Belehren. Ein Kind, das sich verrechnet hat, wird nicht bloßgestellt.
  4. Anerkennen und Reflektieren statt Werten. Es gibt keine Sortiermaschine im Kopf des Erwachsenen.

Das klingt nach vier Kalendersprüchen, wird an dieser Schule aber täglich verhandelt. Jede Regel, jeder Konflikt, jede Klassenfahrt. Wer Kindern gleichwürdige Stimme geben will, muss aushalten, dass Kinder mit dieser Stimme auch etwas sagen, was gerade nicht in den Zeitplan passt. Das ist der Preis. Und der Gewinn.

Wo die Gewissheit aufhört

Das Schul-Motto stammt von Hannah Arendt, und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet dieser Satz über dem Kreuzberger Hof hängt. Arendt hat Zeit ihres Lebens gegen das gedankenlose Mitschwimmen geschrieben. Eine Schule, die diesen Satz zu ihrem Motto macht, sagt: Wir wollen nicht, dass unsere Kinder die richtigen Antworten kennen. Wir wollen, dass sie ihre eigenen Fragen stellen lernen.

Genau das ist der Bruch mit der klassischen Grundschule, in der die Frage nach der Hauptstadt Frankreichs eine einzig zulässige Antwort hat. An der FSX darf Paris richtig sein, und trotzdem darf ein Kind fragen: Warum eigentlich diese Stadt und nicht Lyon? Solche Fragen sind der Anfang von Bildung, nicht ihre Störung.

Exemplarisches Lernen und Offenes Arbeiten

Didaktisch arbeitet die Schule zweistufig. In den Klassen 1 bis 3 dominiert das exemplarische Lernen: Ein Thema wird von mehreren Seiten aufgerollt, mit mehreren Sinnen bearbeitet, in mehreren Sozialformen erlebt. Es geht nicht um Stoffvermittlung nach Lehrplan-Punkteliste, sondern um das gemeinsame Durchdringen einer Sache.

Ab Klasse 4 wechseln die Kinder ins offene Arbeiten. Sie planen mit den Begleitern ihre Wochen, wählen Themen, arbeiten an eigenen Projekten. Fachübergreifend, altersgemischt, binnendifferenziert. Ein Kind kann in Mathe schon bei Prozentrechnung sein und in Deutsch noch beim Schreiben eigener kleiner Geschichten. Beides ist gleichwürdig.

Wer sich fragt, ob so etwas funktionieren kann, findet die pädagogisch-psychologische Grundlage bei Edward Deci und Richard Ryan: Kinder lernen aus sich heraus, wenn drei Grundbedürfnisse erfüllt sind – Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit. Die Selbstbestimmungstheorie ist inzwischen eine der am besten belegten Motivationstheorien in der Pädagogik (Deci und Ryan 1993). Die FSX baut ihren Alltag präzise um diese drei Bedürfnisse herum, ohne die Theorie ständig zu zitieren. Sie lebt sie.

Wusstest Du?

Die berühmte Sudbury Valley School in Massachusetts, gegründet 1968, arbeitet nach einem ähnlich radikalen Prinzip: Kinder entscheiden selbst, was sie wann lernen. Nach vierzig Jahren Erfahrung berichtet Gründer Daniel Greenberg, dass die Absolventen später keineswegs orientierungsloser sind als klassisch beschulte Kinder, sondern im Gegenteil überdurchschnittlich häufig eigene Wege einschlagen und Verantwortung übernehmen (Greenberg 2004).

Selbstorganisation ist keine Deko

Was die FSX von einer klassischen Privatschule unterscheidet: Sie ist von den beteiligten Menschen selbst organisiert. Trägerverein ist die „Freie Schule Kreuzberg e.V.“, getragen von Eltern, Pädagogen und – je nach Alter – auch von den Kindern selbst. Die Organe sind Mitgliederversammlung und Vorstand, die ehrenamtliche Arbeit von Eltern und Begleitern ist Teil des Konzepts, nicht ihre Sparvariante.

Das ist mehr als ein Verwaltungsdetail. Es bedeutet, dass die Schule keinen anonymen Träger im Rücken hat, den man für schlechte Entscheidungen verantwortlich machen kann. Wenn etwas nicht funktioniert, sitzen die Verantwortlichen im Raum. Und wenn etwas funktioniert, auch.

Kinder und Erwachsene sitzen im Kreis auf einem Innenhof, Kind mit Redestock in der Mitte, wortlos

Kiez als Klassenzimmer

Kreuzberg ist nicht Deko-Kulisse, sondern Lernraum. Die FSX kooperiert mit dem Kinderbauernhof am Görlitzer Park, den Prinzessinnengärten, der Regenbogenfabrik, dem Hörmuseum, dem Kaspermucke-Theater und dem Kulturzentrum Naunynstrasse. Das heißt konkret: Ein Vormittag pro Woche ist nicht Klassenzimmer, sondern Ziegenstall, Beetbeet, Puppentheater oder Tonstudio.

Die Kinder lernen dort nicht „Sachkunde“ als Fach, sondern erleben Sachkunde als Realität. Wer einmal ein Huhn versorgt hat, lernt Verantwortung anders als aus einem Arbeitsblatt. Wer im Prinzessinnengarten mit angepackt hat, versteht Kreislaufwirtschaft nicht als Prüfungsstoff, sondern als das, was gerade auf der eigenen Handfläche krabbelt.

Diese Verwurzelung im Kiez ist auch ein Statement gegen die Blase des Klassenzimmers. Schule ist Teil der Welt, nicht Vorbereitung auf sie. Das wiederum passt zu dem, was Margret Rasfeld und Stephan Breidenbach in ihrem Buch „Schulen im Aufbruch“ beschreiben: dass gute Schulen sich radikal öffnen müssen – zum Stadtteil, zur echten Wirtschaft, zu echten Menschen – wenn sie relevant bleiben wollen (Rasfeld und Breidenbach 2014).

Was das mit den Kindern macht

Neurobiologisch weiß man ziemlich genau, was in einem Kind vorgeht, das ernst genommen wird. Gerald Hüther beschreibt in „Was wir sind und was wir sein könnten“, dass unser Gehirn sich nach jenen Erfahrungen ausformt, die wir wiederholt machen. Wer sich immer wieder als handlungsfähig erlebt, baut andere neuronale Verschaltungen aus als jemand, dem täglich vermittelt wird, dass er nichts entscheiden darf (Hüther 2011).

Kinder, die an der FSX aufwachsen, machen die Erfahrung, dass ihre Meinung zählt. Sie machen die Erfahrung, dass Konflikte lösbar sind. Sie machen die Erfahrung, dass Lernen mit dem eigenen Interesse anfängt, nicht mit der Uhrzeit im Stundenplan. Das schreibt sich in den Körper ein.

Das ist übrigens ziemlich hirnbiologisch schlicht. Kinder haben ein Lernorgan, das genau darauf ausgelegt ist, sich an den Bedingungen zu orientieren, die es täglich vorfindet. Wenn die Bedingungen Gleichwürdigkeit heißen, wird auch das Kind gleichwürdig. Wenn sie Bewertung und Angst heißen, wird das Kind bewertungssensibel und ängstlich. So einfach ist das.

Ist das die Lösung für alle?

Nein. Und das ist wichtig zu sagen.

Wir werden das deutsche Bildungssystem nicht dadurch heilen, dass wir Millionen Kinder in Freie Alternativschulen umsiedeln. Erstens gibt es diese Plätze nicht in der Menge. Zweitens würde das Konzept ohne engagierte, tragende Elternschaft nicht funktionieren – und die ist nicht überall vorhanden und nicht überall zu leisten. Drittens ist die FSX eine kleine Grundschule, kein Modell für 32.000 Regelschulen.

Was diese Schule kann, ist etwas anderes: sie zeigt, was möglich ist, wenn man Kinder ernst nimmt. Sie ist ein empirischer Beleg dafür, dass die vermeintlich unerlässlichen Elemente der klassischen Schule – Frontalunterricht, Bewertung, Disziplinierung, 45-Minuten-Takt – nicht Naturgesetze sind, sondern Konventionen. Konventionen, die man ändern kann.

Und das ist der Punkt, an dem sich die FSX mit anderen Modellen trifft, die ich in meiner Serie zu Alternativschulen vorstelle: der Alemannenschule Wutöschingen, der Neuen Schule Hamburg, dem Oberstufen-Kolleg Bielefeld, der ESBZ Berlin. Jede ist anders. Jede hat eigene Schwächen. Und jede ist besser als das Klischee der Regelschule, das man immer noch in vielen Köpfen findet.

Praxistransfer: Was Du davon mitnehmen kannst

Auch ohne die Möglichkeit, Dein Kind auf die FSX zu schicken, kannst Du einiges übernehmen:

  1. Höre den Kindern in Deiner Nähe zu, als wären sie gleichwürdig. Nicht als kleine Erwachsene, aber als Menschen, deren Meinung zählt. Der Unterschied wird sofort sichtbar.
  2. Verhandle Konflikte, statt sie zu entscheiden. „Wir haben ein Problem – wie lösen wir das?“ ist ein besserer Startsatz als „So machst Du das jetzt.“
  3. Nimm den Kiez ernst. Der Bauernhof, die Bäckerei, die Bibliothek, das Repair-Café. Lernraum ist überall, wo echte Menschen echte Dinge tun.
  4. Fördere Fragen mehr als Antworten. Ein Kind, das eine gute Frage stellt, hat mehr verstanden als eines, das eine gute Antwort auswendig kann.
  5. Suche Dir Deine Freien Alternativschule in der Nähe. Der BFAS-Verband führt eine Liste. Auch wenn Du Dein Kind nicht dort anmeldest, ist ein Besuch oft ernüchternd – im besten Sinne.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Freie Schule Kreuzberg (FSX) am Mariannenplatz arbeitet nach vier Prinzipien: Einbeziehen, Dialog, Empathie, Anerkennen.
  • Ihr Motto stammt von Hannah Arendt: „Wo die Gewissheit aufhört, beginnt das Denken.“
  • Didaktisch wechselt sie von „exemplarischem Lernen“ (Klasse 1 bis 3) zu „offenem Arbeiten“ (Klasse 4 bis 6).
  • Der Kiez ist Teil des Curriculums: Kinderbauernhof, Prinzessinnengärten, Regenbogenfabrik.
  • Träger ist ein selbstorganisierter Verein aus Eltern und Pädagogen – keine anonyme Verwaltung.
  • Sie ist ein empirischer Beleg dafür, dass die klassische Schule keine Naturkonstante ist.

Häufige Fragen

Was ist eine Freie Alternativschule?

Freie Alternativschulen sind staatlich genehmigte Ersatzschulen mit einem ausdrücklich reformpädagogischen Konzept. Sie sind meist als Eltern-Pädagogen-Vereine organisiert, arbeiten ohne Ziffernnoten und ohne 45-Minuten-Takt, verstehen die Kinder als aktive Mitgestalter ihres Lernens und sind im Bundesverband der Freien Alternativschulen (BFAS) organisiert. Die Freie Schule Kreuzberg ist eine von rund hundert solcher Schulen in Deutschland.

Bekommen die Kinder an der Freien Schule Kreuzberg einen anerkannten Abschluss?

Die FSX ist eine Grundschule und deckt die Klassen 1 bis 6 ab. Für die weiterführenden Schulabschlüsse wechseln die Kinder danach auf eine andere Schule. Anerkannt ist der Wechsel problemlos, weil die Schule als staatliche Ersatzschule genehmigt ist. Viele ehemalige FSX-Kinder gehen anschließend auf staatliche Gymnasien oder in andere freie Schulen wie die Freie Schule Berlin oder die Freie Schule Anne-Sophie.

Ist so eine Schule nicht ziemlich chaotisch?

Von außen wirkt eine Schule mit selbstbestimmtem Lernen oft chaotisch, weil sie keinen Frontalunterricht und keinen Stundenplan-Takt hat. Von innen ist sie erstaunlich strukturiert – nur eben nach anderen Regeln. Es gibt Vollversammlungen, verbindliche Absprachen, gemeinsame Rituale und klare Verantwortlichkeiten. Was fehlt, ist die Disziplinierung durch Angst und die Regelbefolgung ohne Sinn. Was da ist, ist eine mit den Kindern gemeinsam verhandelte Ordnung.

Quelle

  • Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1993). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, 39(2), 223-238. https://www.pedocs.de/volltexte/2017/11173/
  • Greenberg, D. (2004). Endlich frei: Leben und Lernen an der Sudbury Valley Schule (J. Rüttgers, Übers.). tologo verlag. (Originalwerk publiziert 1987)
  • Hüther, G. (2011). Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher. S. Fischer.
  • Rasfeld, M., & Breidenbach, S. (2014). Schulen im Aufbruch: Eine Anstiftung. Kösel-Verlag.

Beitragsreihe: Alternative Schule

Dies ist ein Beitrag der Reihe: Alternative Schulformen & Alternative Schulen

Beitragsreihe

Autor: Marian Zefferer, MSc

Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.


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