Flipped Classroom: Eine einfache Methode für mehr Wirkung

Das alte Bild der Vorlesungen

Stell Dir vor, Du sitzt in einem riesigen Hörsaal, eng umgeben von 299 anderen Studierenden. Der Dozent steht vorne und hält einen Monolog von 90 Minuten. Kein Flüstern, keine Fragen, nur Du und die endlose Präsentationsflut. Kommt Dir das bekannt vor? Willkommen im traditionellen Vorlesungsmodell!

Was könnte die Lösung für ein solch unpersönliches Lernerlebnis sein? Flipped Classroom könnte die Antwort sein. Aber bevor wir dahin kommen, lass uns einen Moment innehalten und die traditionellen Vorlesungsmethoden genauer betrachten.

Die Diskussion der Extreme

Zwei Lager treffen aufeinander: die glühenden Verfechter der traditionellen Vorlesung und die, die sie verachten. Die Befürworter argumentieren, dass die Methode der Vorlesung über Jahrhunderte hinweg bewährt ist, speziell in strukturierten und didaktisch durchdachten Inhalten. Die Kritiker hingegen monieren mangelnde Interaktivität und die riesige Heterogenität der Lerngruppe, die unterschiedliche Geschwindigkeiten und Bedürfnisse mit sich bringt. Die Frage ist: Können wir eine Methodik entwickeln, die das Beste aus beiden Welten vereint?

Infobox: Die traditionellen Vorlesungsvor- und -nachteile

Vorteile der traditionellen VorlesungNachteile der traditionellen Vorlesung
Didaktisch strukturierte InhalteFehlende Interaktivität
Effizient für große GruppenHohe Heterogenität
Dozentenzentrierte WissensvermittlungWenig individuelles Feedback

Der Flipped Classroom als innovativer Ansatz

In diesem Modell wird die traditionelle Lernstruktur umgekehrt: Die Studierenden bereiten sich mithilfe von Videos auf den Unterricht im eigenen Tempo vor, während die Präsenzzeit ausschließlich für vertiefte Diskussionen und praktisches Arbeiten genutzt wird. Das heißt, das Wertvollste in der Lernzeit (Feedback, Üben, etc.) wird im maximalen Ausmaß genutzt und gleichzeitig wird bei guten Flipped-Classroom Konzepte die didaktisch bestmögliche Aufzeichnung gemacht, damit Studenten sich wirklich gut vorbereiten können.

Der Aufruf zur Autonomie

Flipped Classroom ist wie das Umkrempeln eines alten Mantels: Von der Empfangs- zur Aktivitätsrolle, vom passiven Zuhörer zum aktiven Gestalter des eigenen Lernprozesses. Stell Dir vor, Du siehst Dir die Vorlesung als Video an. Wann Du willst, pausierst, spulst zurück – Du bist der Regisseur Deines Lernens. Die Bedeutung des Präsenzunterrichts erhält einen völlig neuen Wert. Hier kann intensiv diskutiert, erprobt und hinterfragt werden. Der Dozent wechselt von der Front zur Seite, um zu beraten und zu coachen.

Praxistransfer: Deine To-Do-Liste für die Umsetzung

1. Vorbereitung durch Videos: Produziere oder nutze bestehende Videos zu bestimmten Themen, die Deine Schüler oder Studenten vor der Sitzung ansehen können. (Wichtig:Bei guten Flipped Classroom Konzepten wird hier auf extrem hohe Qualität geschaut – nein nicht die Videoqualität, sondern die didaktische Qualität:)

2. Strukturierte Präsenzphasen: Nutze die wertvolle Präsenzzeit für Diskussionen, Übungen, Praxisprojekte und klärende Fragerunden.

3. Interaktive Aufgabenstellungen: Verwende Aufgaben, die die Lernenden vorbereiten müssen, um sie im Unterricht zu vertiefen.

4. Flexibilität im Lernen bieten: Biete verschiedene Medien an (Videos, Skripte, interaktive Tools), um möglichst multisensorisch zu unterrichten. (Ja, das ist erst mal viel mehr Aufwand, aber langfristig hast Du viel weniger Aufwand)

5. Kontinuierliches Feedback: Implementiere regelmäßige Feedbackmöglichkeiten, um die Lernziele zu sichern.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Flipped Classroom ist ein Paradigmenwechsel im traditionellen Lehr-Lern-Setting: Input wird zu Hause verarbeitet, während die Präsenzphase für aktive Anwendung genutzt wird.
  • Videos bieten eine flexible Alternative zum klassischen Frontalunterricht, die Autonomie und individuelles Lerntempo fördert.
  • Die Hauptrolle des Dozenten verschiebt sich vom alleinigen Wissensträger zum Coach und Unterstützer.
  • Selbstverantwortliches Lernen und kontinuierliches Feedback sind Schlüssel zu einem erfolgreichen Flipped Classroom.

FAQ zum Flipped Classroom

1. Warum sollten Videos anstelle von Texten für die Vorbereitung genutzt werden?

Videos haben den Vorteil, dass sie Prozesse anschaulich darstellen können, was besonders in Fächern wie Mathematik, wo der Prozess mindestens so wichtig ist wie das Endergebnis, unbezahlbar ist.

2. Was tun, wenn sich Studenten nicht vorbereiten?

Es ist wichtig, durch Struktur und klare Erwartungen die Bedeutung der Vorbereitung zu unterstreichen. Beispielsweise durch ein Ritual, das die Vorbereitung voraussetzt, um aktiv am Unterricht teilnehmen zu können.

3. Kann der Dozent durch den Flipped Classroom überflüssig werden?

Ganz im Gegenteil. Der Dozent wird wertvoller, indem er seine Rolle als Berater und Coach ausfüllt, um den Lernprozess im Präsenzunterricht effektiv zu unterstützen.

Flipped Classroom ist mehr als nur eine innovative Lehrmethode – es ist ein Wechsel der Perspektive, bei dem Lehrende und Lernende gemeinsam einen neuen Weg des Lernens entwickeln. Nutze diese Möglichkeit, um Lehren und Lernen neu zu definieren und damit das Bildungswesen in eine spannende Zukunft zu führen.

Autor: Marian Zefferer, MSc.

Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.


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