Stell Dir vor, Deine Schule hat keine Noten. Keine Prüfungen. Keine Schulglocke. Und wenn Du mit zwölf findest, dass die Handyregel nicht passt, dann sitzt Du am Montag im Plenum, trägst Deinen Antrag vor, und sechzig Mitschüler und vier Lehrer debattieren so lange mit Dir, bis ein Konsens steht. Diesen Alltag gibt es nicht erst seit gestern. Es gibt ihn seit 1979. Im Wiener WUK, einer ehemaligen Lokomotivfabrik an der Währinger Straße.
Die SchülerInnenschule im WUK ist Österreichs älteste demokratische Schule. Rund siebzig Jugendliche von der fünften bis zur neunten Schulstufe lernen hier ohne Zwang, ohne Zensur, ohne Prüfungstermin. Was auf den ersten Blick wie ein pädagogisches Experiment klingt, ist seit fast einem halben Jahrhundert Alltag. Für mich ist das die ehrlichste Prüfung einer Idee: Hält sie, wenn aus dem Aufbruch Routine wird? Die SchülerInnenschule sagt mit ihrer bloßen Existenz: ja.
Was 1979 begann und bis heute hält
1979 gründete eine Elterninitiative das Projekt. Noch ohne Statuten, noch ohne eigene Räume. Zwei Jahre später, am 24. September 1981, folgte der formelle Trägerverein Gemeinsam Lernen. Im Dezember desselben Jahres besetzten Künstler, Pädagogen und Zivilgesellschaft das heutige WUK-Gebäude, eine ehemalige Lokomotivfabrik und spätere HTL. 1982 zog die Schule dort ein. Die bauliche Verbindung mit dem Kulturzentrum ist bis heute die kulturelle DNA der Schule: Jugendliche treffen im Haus auf Theater, Malateliers, Beratungseinrichtungen, Jugendprojekte. Lernen findet nicht hinter Mauern statt, sondern mitten im Erwachsenenleben.
Historisch ist die SchülerInnenschule Teil des Wiener Dreigestirns freier Schulen. Gemeinsam mit dem Schulkollektiv Wien (Volksschule, ebenfalls im WUK) und der Freien Schule Hofmühlgasse entstand sie aus der späten 1970er-Welle, die den österreichischen Schuldiskurs gegen den Strich bürstete. International wurde das Projekt 1995 sichtbar, als die Schule gemeinsam mit dem Werkcollege die International Democratic Education Conference (IDEC) in Wien ausrichtete. Teilnehmer kamen aus Israel, Norwegen, Ungarn, Großbritannien, den USA und mehreren deutschsprachigen Ländern. Wien 1995 war erst die dritte IDEC überhaupt (nach Hadera 1993 und einer Zwischenstation 1994). Für ein Projekt, das zwanzig Jahre später noch ohne staatliche Vollfinanzierung lief, ein bemerkenswerter Satz Kerben im Türrahmen.
Wusstest Du?
1995 war Wien Gastgeber der dritten International Democratic Education Conference. Jugendliche aus Israel, Norwegen, Ungarn, den USA und Großbritannien kamen in die ehemalige Lokomotivfabrik an der Währinger Straße, und debattierten mit Wiener Zwölfjährigen darüber, wie Schule funktioniert, wenn man sie nicht von oben baut.
Wie der Alltag läuft
Der Tag startet um 8:30 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück, das im Schulgeld enthalten ist. Um 9 Uhr beginnen die Basisgruppen, jede Gruppe wird von zwei Pädagogen betreut. Zwischen 9:30 und 13:30 Uhr folgen drei bis vier Lerneinheiten, die jeder Jugendliche nach eigenem Stundenplan belegt. Um 13:30 Uhr gibt es Mittagessen, danach eine längere Nachmittagseinheit, oft projektorientiert. Um 17 Uhr schließt die Schule.
Verpflichtend sind nur vier Dinge: Deutsch, Mathematik, Englisch und das jährliche Genderprojekt. Alles andere wählen die Jugendlichen selbst, entlang eigener Interessen, mit Beratung durch die Lehrkräfte. Zu Schuljahresbeginn stellt sich jede Person ihren eigenen Stundenplan zusammen. Lehrplanlich orientiert sich die Schule am Glocksee-Lehrplan, der bereits 1972 an der Hannoveraner Glocksee-Schule entwickelt wurde: vier Säulen (Gesellschaft, Sprache, Ästhetik, Natur) statt klassischer Fächerschubladen.
Der Freitag ist Projekt-, Werkstatt- und Exkursionstag. Hier liegen Formate, die die Jugendlichen selbst gestalten: Debattierclub, Filmklasse, Zirkus, Kochen, Umweltprojekte, Mädchenprojekt. Mehrmals im Jahr gibt es ganze Blockprojekte. Und fünfmal pro Schuljahr geht die ganze Schule in den Wald. Ohne Handy, ohne vorgefertigtes Programm. Nur fünf Tage Wald.
Das Plenum ist das Herzstück und entscheidet im Konsens
Ein- bis zweimal pro Woche treffen sich etwa sechzig Jugendliche und vier Erwachsene in der Turnhalle. Moderiert wird nicht von einem Lehrer, sondern von zwei Schülern aus der Plenumsgruppe. Zwei weitere Jugendliche aus derselben Gruppe sind Friedensstifter und greifen bei Unruhe ein. Protokoll führt ein Jugendlicher in einem Plenumsbuch, das die ganze Geschichte der Schule begleitet.
Entschieden wird nach dem Konsensprinzip. Erst wenn kein Konsens zustande kommt, wird abgestimmt. Nur in sehr seltenen Ausnahmen entscheiden am Ende die Lehrkräfte. Direktorin Claudia Gerhartl, die die Schule von 2006 bis 2025 leitete, erzählte in einem Beitrag von Zentrum polis, dass die demokratischen Strukturen gleichzeitig Kompetenzen abseits des klassischen Lehrplans fördern. Zur bislang einzigen Erinnerung an einen Konsens-Abbruch (die Smartphone-Regel) sagte sie: „Wir haben mit einem großen Aufschrei gerechnet. Die Enttäuschung war viel geringer.“ Monatelang hatte das Plenum debattiert, am Ende gaben die Lehrkräfte die Regel vor. Die Jugendlichen trugen sie mit. Nicht trotz, sondern wegen der langen Debatte.
Was im Plenum alles entschieden wird, zeigt, wie weit das Konsensprinzip reicht: welche Kurse im Semester angeboten werden, wer bei Workshops hilft, welche Regeln gelten (Smartphone, Pausen, Umgang), welche Projekte stattfinden (Kostümwoche, Schulball, Polizeibesuch, Waldwoche), welches Jahreskonzept für die Waldtage gewählt wird; und, am entscheidendsten, wer als neue Schülerin, neuer Schüler oder neue Lehrkraft aufgenommen wird.

Das klingt für Außenstehende nach Dauerstreit. Ist es nicht. Es ist langsam. Und genau diese Langsamkeit ist der Punkt. Wer über eine Regel ernsthaft debattiert hat, hält sie leichter ein als jemand, dem die Regel vorgesetzt wurde.
Keine Noten, keine Prüfungen, trotzdem ein Abschluss
An der SchülerInnenschule läuft die Rückmeldung grundsätzlich anders. Statt Ziffernnoten, Klassenarbeiten oder klassischer Prüfungen schreibt am Semesterende jeder Jugendliche eine Selbstreflexion. Jede Lehrkraft, bei der ein Fach belegt wurde, verfasst zusätzlich ein schriftliches Feedback. Am Ende der Pflichtschulzeit gibt es ein offizielles Zeugnis mit schriftlichen Beurteilungen, aber ohne Zensuren.
Dazu kommt ein zusätzliches Ritual: das Diplom. Dafür wählt und absolviert jeder Jugendliche ein eigenständiges Abschlussprojekt, Thema frei, Qualitätsanspruch hoch. Hat ein Jugendlicher in einem der Pflichtbereiche (Deutsch, Mathematik, Englisch) zu wenig belegt, schreibt er eine Fachbereichsarbeit von rund zehn A4-Seiten. Für den Weg zur Matura gibt es zwei Wege: ins Werkcollege im selben Haus wechseln oder an einer klassischen Oberstufe die Externistenreifeprüfung ablegen.
Zehn Pädagogen tragen das Modell. Mehrere sind seit 15 bis 20 Jahren an der Schule. Zwei waren selbst Jugendliche im WUK-Schulkollektiv oder in der SchülerInnenschule, bevor sie zurückkamen, um zu unterrichten. Das ist eine Qualität, die Du sonst nur in Projekten wie Summerhill findest. Ein pädagogisches Modell, das über die Hälfte der Lebenszeit eines Lehrers trägt, hat etwas richtig gemacht.
Was mich am Kontrast wütend macht
Ich arbeite seit Jahren mit Erwachsenen, die aus Schule mit Reizdarmsyndrom, Schlafstörungen, Panikattacken und Magenschmerzen herausgekommen sind. Kinder entwickeln all das, weil sie hin müssen. Weil die Pflicht größer ist als ihr Körper. Was für ein Scheiß ist das eigentlich? Ich kenne wenige Dinge im Bildungssystem, die mich so wütend machen wie der Normalfall „psychosomatisches Kind nimmt Schmerzmittel, damit es die Woche durchhält.“
Und dann sitze ich mit einer Recherche vor mir, die beschreibt, wie siebzig Jugendliche an der Währinger Straße freiwillig um 9 Uhr in Basisgruppen gehen. Niemand zwingt sie. Sie können diskutieren, nicht lernen, ablehnen, warten. Sie tun es trotzdem. Und wenn sie es nicht tun, lernen sie trotzdem, weil sie um sich herum Räume haben, in denen Lernen ehrlich attraktiv ist. Es ist die logische Folge daraus, Kindern nicht ihre Lernlust auszutreiben. Die Schule macht sichtbar, was möglich ist, wenn das System nicht permanent gegen das Gehirn arbeitet, das genau dazu gebaut ist: zu lernen. Siehe auch die Demokratische Schule Infinita in Schleswig-Holstein oder die Neue Schule Hamburg, die das Sudbury-Modell nach Deutschland geholt hat. Alle drei sind unterschiedlich, aber alle drei beweisen dasselbe.
Was das Modell kostet, und warum man das ehrlich sagen muss
Freie Schulen sind nicht gratis. Die SchülerInnenschule verlangt 505 Euro Schulgeld pro Monat, zwölf Monate im Jahr. Das deckt Frühstück, Mittagessen, Ausflüge, Material. Zusätzlich fallen Kosten für Orientierungstage, das Genderprojekt und optionale Reisen an. Rechnet man siebzig Kinder mal 505 Euro mal zwölf Monate, kommt man auf gut 424.000 Euro jährliche Schulgeldeinnahmen. Das ist das Rückgrat des Budgets. Dazu kommen Zuschüsse von MA 13 (Wiener Kinder- und Jugendförderung), Bezirk Alsergrund und wienkultur.
Noch wichtiger als das Geld ist die Zeit. Jede Familie leistet zehn Stunden Elternarbeit pro Monat, Alleinerziehende fünf. In Arbeitsgruppen: Wartung, PR, Küche, Reinigung, IT, Finanzen. Das ist nicht nett gemeint. Es ist strukturell notwendig, damit das Modell trägt. Für Doppelverdienerfamilien mit zwei Vollzeitjobs ist das eine echte Zugangshürde, und einer der ehrlichsten Punkte, über die freie Schulen reden sollten. Nicht jede Familie, die ihr Kind gern dort hätte, kann das Modell leisten.
Was andere Schulen von Wien lernen können
Die SchülerInnenschule gibt Dir drei Prinzipien, die auch an einer Regelschule tragen, oder zumindest Druck wegnehmen:
- Lass Kinder über die Regeln mitentscheiden, die sie betreffen. Wenn die Smartphone-Regel vom Plenum kommt statt vom Direktor, trägt sie; selbst in dem Fall, in dem der Konsens scheitert und am Ende die Erwachsenen entscheiden. Die Wiener Erfahrung mit dem Smartphone-Streit zeigt es: Monate Debatte sparen Jahre Reibungsverlust.
- Reduziere das Verpflichtende auf das Notwendige. Drei Fächer plus ein Jahresprojekt, der Rest wächst aus Interesse. Das Ergebnis: präziseres Lernen. Weniger Pflicht, mehr Qualität.
- Baue Beschreibung statt Zensur. Eine Selbstreflexion plus Lehrkraft-Feedback sagt mehr als eine Vier auf einem Zettel. Jede Schule, die will, könnte parallel zur Ziffer eine zweite, schriftliche Form führen. Und sich selbst beobachten, welche der beiden die Jugendlichen tatsächlich lesen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die SchülerInnenschule im WUK Wien existiert seit 1979 und ist Österreichs älteste demokratische Schule.
- Sie unterrichtet rund siebzig Jugendliche der fünften bis neunten Schulstufe nach dem Glocksee-Lehrplan.
- Pflicht sind nur Deutsch, Mathematik, Englisch und das Genderprojekt, alles andere wählen die Jugendlichen selbst.
- Entscheidungen trifft das Schulplenum (einmal pro Woche, moderiert von Jugendlichen) nach dem Konsensprinzip.
- Es gibt keine Noten und keine klassischen Prüfungen; dafür Selbstreflexion, Lehrkraft-Feedback und ein Diplomprojekt.
- Schulgeld: 505 Euro pro Monat, zwölf Monate; Elternarbeit: zehn Stunden pro Monat je Familie.
- 1995 war Wien Gastgeber der dritten International Democratic Education Conference.
Häufige Fragen
Ist die SchülerInnenschule staatlich anerkannt?
Ja. Sie ist eine Statutenschule mit Öffentlichkeitsrecht nach dem österreichischen Privatschulgesetz, offiziell anerkannt als Gesamtschule der fünften bis neunten Schulstufe. Zeugnisse am Ende der Pflichtschulzeit sind rechtsgültig.
Wie geht es nach der neunten Schulstufe weiter?
Wer in Richtung Matura will, wechselt entweder ins Werkcollege im selben WUK-Gebäude oder an eine klassische Oberstufe und bereitet dort die (Externisten-)Reifeprüfung vor. Viele Absolventen gehen auch den berufsbildenden Weg oder nutzen Vorbereitungskurse zur Berufsreifeprüfung.
Lernen Kinder in einer freien Schule weniger als in einer Regelschule?
Weder nachweisbar noch typisch. Studien aus demokratischen Schulen wie Summerhill (A. S. Neill) oder dem Sudbury-Umfeld zeigen, dass selbstgewählte Lernwege zu solidem Fachwissen führen, oft tiefer, weil interessengeleitet. Bildungsimpuls hat vergleichbare Portraits auch zur Alemannenschule Wutöschingen und zur Summerhill-Schule veröffentlicht. Einen Überblick über weitere Modelle gibt der Hub Alternative Schulen.
Kann mein Kind einfach wechseln, wenn es dort nicht glücklich ist?
Ja. Die Schule stellt bei einem Schulwechsel eine detaillierte schriftliche Beurteilung aus, mit der die Zielschule die Einstufung vornimmt. Nach dem Konzept der SchülerInnenschule ist genau diese Freiheit Teil der Erziehung zur Mündigkeit.
Was unterscheidet die SchülerInnenschule von einer Sudbury-Schule?
Beide sind demokratisch verfasst. Entscheidend ist der Entscheidungsmodus: Sudbury-Schulen stimmen in der Regel mit Mehrheit ab (one person, one vote). Die SchülerInnenschule arbeitet mit Konsens. Erst wenn kein Konsens zustande kommt, wird abgestimmt. Das macht Prozesse langsamer, aber tragfähiger.
Quelle
- Deichmann, S. (2024). Grenzenlos Lernen: Wie die Demokratische Schule Infinita Bildung neu denkt.
- Neill, A. S. (1969). Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung: Das Beispiel Summerhill.
- SchülerInnenschule im WUK. (2026). About, Team, Gelebte Schuldemokratie. Abgerufen am 14. Oktober 2026 von https://schuelerinnenschule.at
- Wiener Werkstätten- und Kulturhaus (WUK). (o. J.). Vienna School Collective. Abgerufen am 14. Oktober 2026 von https://wuk.at/en/vienna-school-collective
- Zentrum polis: Politik Lernen in der Schule. (o. J.). Folge 6: Demokratie in der Schule. https://politik-lernen.at/dl/sotpJKJKoOOlNJqx4KJK/Folge_6_DemokratieinderSchule_pdf
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Autor: Marian Zefferer, MSc
Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.

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