Sketchnote: Alte Villa und ein Kreis Kinder auf Kissen, ein Kind hält einen Stimmzettel hoch

Stell Dir vor, Du bist 11 Jahre alt und sitzt in der Schulversammlung. Auf dem Tisch liegt der Antrag, ob Handys in der Schule wieder erlaubt sein sollen. Jede Person im Raum hat eine Stimme, auch Du. Am Ende wird abgestimmt und Dein Ja zählt genauso wie das der Schulleitung. Drei Wochen später merkt die Runde, dass niemand mehr miteinander redet, weil alle am Bildschirm hängen. Also stellt Ihr Euch selbst den nächsten Antrag: Handys wieder einschränken. Auch dafür stimmt Ihr.

Das ist keine Utopie und kein Gedankenspiel. Genau so hat es die Demokratische Schule Infinita im schleswig-holsteinischen Steinhorst tatsächlich erlebt. Und es ist die präziseste Antwort auf die Frage, die ich (Marian Zefferer) mir seit Jahren stelle: Was passiert, wenn wir Kindern die Entscheidungen über ihr eigenes Lernen wirklich zutrauen?

Steinhorst, nicht Bremen: was die Infinita ist

Die INFINITA ist die erste Demokratische Schule Schleswig-Holsteins. Sie hat im Sommer 2013 mit rund 20 Kindern angefangen und sitzt heute in einer ehemaligen Unternehmervilla in Steinhorst im Herzogtum Lauenburg, zwischen Hamburg und Lübeck. Rund 90 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 16 Jahren lernen dort ohne Lehrplan, ohne Noten und ohne Tests. Träger ist der gemeinnützige INFINITA e.V., die Schule ist Mitglied im Bundesverband der Freien Alternativschulen. Seit April 2015 ist sie staatlich genehmigt, seither decken staatliche Zuschüsse rund 80 Prozent der laufenden Kosten. (Wer im Netz sucht: die Schule wird oft mit Bremen verwechselt. Bremen hat eine andere Demokratische Schule, die Infinita liegt in Schleswig-Holstein.)

Die Gründungsgeschichte ist so ein Stück, wie es nur Idealisten schreiben. Drei Wochen vor dem geplanten Start platzt der Vertrag für das ausgewählte Gutshaus. Es folgt ein Raum in einer Altenpflegeschule, ein Zwischenstopp in Wentdorf, dann endlich Steinhorst. Einen Kredit über 300.000 Euro sichern Eltern und Förderer mit Bürgschaften ab, weil das Land in den ersten zwei Jahren keinen Cent zahlt. Die Mitarbeiter arbeiten für 1.200 Euro brutto auf einer Teilzeitstelle, die faktisch Vollzeit ist.

Wer glaubt, Reformpädagogik sei bequem, hat noch nie eine gegründet.

Die Schulversammlung: eine Person, eine Stimme

Herzstück der Infinita ist die wöchentliche Schulversammlung. Sie regelt Schulregeln, Ausgaben und sogar die Aufnahme neuer Kinder. Jede Person, die zur Schule gehört, hat genau eine Stimme, egal ob sechs oder sechzig Jahre alt. Erwachsene haben ein Vetorecht, aber nur in echten Sicherheitsfragen. Bei pädagogischen Streitfragen entscheidet die Mehrheit der Versammlung.

Um die Versammlung herum arbeiten Komitees: das Aufräumkomitee, das Ausflugskomitee, das Gartenkomitee. Sie sind die Exekutive des Schulalltags. Und dann gibt es das Lösungskomitee, das Konflikte schlichtet. Es tagt nach rechtsstaatlichen Grundsätzen: Unschuldsvermutung, Recht auf Anhörung, Verhältnismäßigkeit der Konsequenzen. Die Mitglieder werden gewählt und wechseln regelmäßig. Ein Erwachsener sitzt mit dabei; die Entscheidung selbst treffen die Kinder.

Die Erwachsenen tragen bewusst den Titel Mitarbeiter:innen statt Lehrer. Das ist ein Rollenwechsel und kein Wortspiel. Ihre Aufgabe: begleiten, Impulse geben, Kurse anbieten, für Fragen zur Verfügung stehen. Ob ein Angebot angenommen wird, entscheidet allein das Kind.

Wusstest Du?

An der Sudbury Valley School, dem Vorbild aller demokratischen Schulen, wurden Absolventen jahrzehntelang befragt, was aus ihnen wurde. Ergebnis: Die Ehemaligen zogen ihre eigene Verantwortung als größten Gewinn ihrer Schulzeit hervor und schafften den Übergang in Studium und Beruf ohne messbare Nachteile. Die Studie von Peter Gray und David Chanoff im American Journal of Education gilt seit 1986 als der Standardbeleg für die Frage: Was passiert eigentlich mit Kindern, die so lernen?

Sketchnote: Kinder am runden Tisch, ein Kind meldet sich, auf dem Tisch ein Holzhammer und Stimmzettel

Kein Lehrplan, kein Bulldozer: der Alltag

Die Schule öffnet um 8 Uhr, es folgt eine offene Eingangsphase bis 9 Uhr, danach Kurse nach Interesse, freiwillig. Geöffnet ist bis 14 Uhr, an drei Tagen bis 16 Uhr. Statt Zensuren gibt es die Studiensammlung, in der jedes Kind seinen Lernfortschritt selbst dokumentiert. Zweimal im Jahr treffen sich Kind, Eltern und Mentor zum Halbjahresgespräch.

Und was macht ein Kind, das plötzlich alle Freiheit hat? Am Anfang oft: eine ganze Weile nichts. Das ist der Punkt, an dem viele Eltern nervös werden und viele Regelschul-Skeptiker triumphieren. Die Infinita nennt diese Phase wertschätzend die Ankommensphase. Sie kann bei Kindern, die aus dem Regelsystem kommen, mehrere Monate dauern.

Das beste Beispiel dafür, warum diese Freiheit funktioniert, ist die Handy-Geschichte vom Anfang. Die Schulversammlung stimmte tatsächlich für die Freigabe. Nach drei Wochen waren die Kinder so genervt davon, dass keine Spiele und Gespräche mehr stattfanden, dass sie die Nutzung selbst wieder einschränkten. Beim Filmkonsum lief es genauso. Das ist Selbstregulation im Zeitraffer, und sie ist ein mächtigeres Argument für die Methode als jede Studie. Wer einmal gelernt hat, dass er selbst nachjustieren darf, wenn ihm etwas nicht guttut, hat einen Muskel trainiert, den die meisten Erwachsenen erst mühsam wiederentdecken.

Was passiert am Ende? Abschlüsse, Übergänge, Prognosen

Der Realschulabschluss und der Hauptschulabschluss werden über die Schulfremdenprüfung erworben. Die Schule organisiert sie selbst. Die Mittlere Reife berechtigt zum Besuch einer gymnasialen Oberstufe, das Abitur wird extern nachgeholt. Die Reportage der Jungle World porträtiert die 16-jährige Siri, die sich in ihrem letzten Infinita-Jahr eigenständig auf ihren Realschulabschluss vorbereitet und ihn besteht.

Belastbare Studien, wie es Absolventen der Infinita langfristig geht, gibt es noch nicht. Die Schule ist einfach zu jung. Wer die Frage systematisch beantworten will, muss aufs Mutterhaus schauen: die Sudbury Valley School in Framingham, Massachusetts. Deren Absolventen wurden in mehreren Wellen befragt. Das Ergebnis: sie kamen in Ausbildung und Beruf zurecht, oft besser als sie selbst erwartet hatten, und sie erlebten vor allem die übernommene Eigenverantwortung als prägend. Daniel Greenberg, einer der Sudbury-Mitbegründer, hat das Modell in seinem Buch Endlich frei für den deutschsprachigen Raum aufbereitet.

Übertragbar ist das nur mit Vorsicht. Die Infinita ist keine Kopie von Sudbury, sondern ein deutsches Kind derselben Familie mit eigenem Charakter, kleinerer Größe und der Klammer eines deutschen Schulrechts. Aber die Grundfrage ist dieselbe: können Kinder, die in Selbstverwaltung lernen, ihr Leben später selbst gestalten? Die verfügbare Datenlage sagt: ja, sie können.

Warum ich das ernst nehme

Ich bin nicht neutral, wenn es um solche Schulen geht. Als Papa habe ich zwei sehr unterschiedliche Kinder. Der eine hat sich schon mit drei für Buchstaben interessiert. Er hat gefragt, ich habe geantwortet, mit vier konnte er lesen. Der andere hatte kein Buchstaben-Interesse. Wir haben es nicht aufgezwungen. Er wird lesen, wenn seine Zeit dafür da ist, und keinen Tag früher.

Die Infinita hat dieselbe Grundhaltung, nur auf 90 Kinder skaliert und in einem Gebäude. Entwicklungsphasen sind individuell. Sie lassen sich nicht kalendarisch verwalten. Und wenn ich zwei Kinder in derselben Familie sehe, die in derselben Umgebung aufwachsen und in völlig unterschiedlichem Tempo Buchstaben lernen, dann wird mir jedes Mal wieder klar, wie absurd die Vorstellung ist, dass 25 Kinder gleichen Alters am selben Tag im September mit dem „e“ beginnen müssen, weil das im Lehrplan so steht.

Das heißt nicht, dass die Regelschule falsch ist und die Infinita richtig. Es heißt, dass wir mehr Schulen brauchen, die ihre Freiheit sinnvoll nutzen, und mehr Eltern, die den Mut haben, ihren Kindern zuzutrauen, dass sie den Weg finden.

Praxistransfer: was Du aus dem Infinita-Modell mitnehmen kannst

  1. Eine Familie, eine Stimme. Baue in Euren Familienalltag mindestens eine Entscheidung ein, bei der die Stimme Deines Kindes wirklich zählt, nicht symbolisch. Anfangen kann man mit dem Essensplan der Woche oder dem Ferienziel.
  2. Angebot statt Anweisung. Wenn Du willst, dass Dein Kind etwas lernt, mache es zum Angebot in der vorbereiteten Umgebung. Ein Buch auf dem Tisch. Ein offen liegendes Musikinstrument. Ein sichtbares Puzzle. Und dann: warten können.
  3. Vertraue der Pause. Wenn ein Kind nach einem Schulwechsel oder einer intensiven Phase erst einmal „nichts“ macht, ist das oft Verdauung und keine Faulheit. Gib ihm die Zeit, die die Infinita in der Ankommensphase gibt.
  4. Baue eine Lösungsroutine. Wenn es Streit gibt, macht es wie das Lösungskomitee: Unschuldsvermutung, Recht auf Anhörung, Verhältnismäßigkeit. Kinder lernen daran mehr Konfliktkompetenz als in jedem Ethikunterricht.
  5. Schau Dir eine an. Die Infinita hat öffentliche Infotage. Für die Vorstellung, wie Selbstverwaltung im Alltag aussieht, ist ein Vormittag vor Ort mehr wert als zehn Bücher.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Demokratische Schule Infinita in Steinhorst (Schleswig-Holstein) besteht seit 2013 und ist die erste ihrer Art im Bundesland.
  • Rund 90 Kinder zwischen 6 und 16 lernen ohne Lehrplan, ohne Noten und ohne Tests.
  • Herzstück ist die Schulversammlung mit dem Prinzip: eine Person, eine Stimme.
  • Konflikte klärt ein gewähltes Lösungskomitee nach rechtsstaatlichen Grundsätzen.
  • Abschlüsse (Hauptschule, Mittlere Reife) laufen über die Schulfremdenprüfung, das Abitur wird extern nachgeholt.
  • Die Datenlage zur langfristigen Wirkung stammt bislang vom Vorbild Sudbury Valley und deutet auf gelungene Übergänge in Ausbildung und Beruf hin.

Häufige Fragen

Wo genau liegt die Demokratische Schule Infinita?

Die Schule sitzt in einer alten Unternehmervilla in der Hauptstraße 4 in 23847 Steinhorst, im Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein, etwa auf halber Strecke zwischen Hamburg und Lübeck. Sie wird oft mit Bremen verwechselt, das ist aber falsch.

Wie kann ein Kind an einer Schule ohne Lehrplan einen anerkannten Abschluss machen?

Über die Schulfremdenprüfung. Die Infinita organisiert sie selbst und bereitet die Jugendlichen individuell darauf vor. Hauptschulabschluss und Mittlere Reife sind so direkt an der Schule möglich, das Abitur wird extern erworben. Die Mittlere Reife berechtigt zum Besuch einer gymnasialen Oberstufe.

Was kostet der Besuch der Schule?

Rund 80 Prozent der laufenden Kosten decken staatliche Zuschüsse ab. Den Rest tragen einkommensabhängige Elternbeiträge. Genaue aktuelle Zahlen stehen auf der Schul-Website und werden auf den regelmäßigen Infotagen erklärt.

Kann man als Quereinsteiger an die Infinita wechseln?

Bis zur dritten Klasse in der Regel ja. Danach nur, wenn das Kind von einer Schule mit vergleichbarem Konzept kommt. Der Grund ist pädagogisch: Kinder, die aus dem Regelsystem kommen, brauchen laut Kollegium oft viele Monate, um wieder Vertrauen in die eigene Neugier zu finden.

Ist die Infinita in Deutschland ein Einzelfall?

Nein. Es gibt in Deutschland inzwischen ein gutes Dutzend demokratischer Schulen, viele davon organisiert im Bundesverband der Freien Alternativschulen. International sind vor allem Sudbury Valley in den USA und die Familie der Sudbury-Schulen weltweit die Referenz.

Quelle

  • Deichmann, S. (2024). Grenzenlos Lernen: Wie die Demokratische Schule Infinita Bildung neu denkt. BoD.
  • Gray, P., & Chanoff, D. (1986). The value of a Sudbury Valley School education as viewed by graduates. American Journal of Education, 94(2), 182-213. https://doi.org/10.1086/443803
  • Greenberg, D. (2004). Endlich frei: Leben und Lernen an der Sudbury Valley Schule. Tologo.

Beitragsreihe: Alternative Schule

Dies ist ein Beitrag der Reihe: Alternative Schulformen & Alternative Schulen

Beitragsreihe

Autor: Marian Zefferer, MSc

Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.


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