Sketchnote eines Klassenzimmers mit Whiteboard, Tablet und kleinem Dackel, der eine Lichtschranke auslöst

Stell Dir vor, Du betrittst ein Klassenzimmer im Jahr 2026. Auf jedem Pult liegt ein Tablet, an der Wand hängen ein Whiteboard und ein TV-Screen, die Schultaschen sind voller Ladekabel. Vorne steht eine Lehrkraft und streckt die Arme Richtung Bildschirm, zieht sie zum Körper, spreizt die Finger, schiebt sie wieder zusammen. Sie sieht aus, als wollte sie die Technik verzaubern. Sie versucht, das TV-Gerät mit dem Schulrechner zu synchronisieren.

Das ist keine Karikatur. Das ist eine echte Szene aus einer ethnografischen Studie an einer ganz normalen Schule in einer deutschen Großstadt. Ein Jahr lang haben Forscherinnen den Alltag in einer 9. und 10. Klasse begleitet, Lehrkräfte und Schülerinnen interviewt, geschaut, was mit den Geräten passiert, wenn keiner zuschaut. Das Ergebnis ist nicht das, was Werbung und Bildungspolitik versprechen. Es ist aber das, was wirklich ist. Und es lohnt sich, hinzusehen.

Zwei Versprechen, dieselbe Falle

Wenn Du Menschen über digitale Schule reden hörst, fallen sie meistens in eines von zwei Lagern. Die einen sagen: Wir brauchen mehr Technologie, schneller, überall. Tablets sprechen mehrere Sinne an, das Lernen wird spielerischer, adaptiv, sozial vernetzt. Wer dagegen ist, gilt als rückständig. Innovation und Fortschritt sind positiv besetzte Wörter, und wer sie kritisiert, bekommt sehr schnell das Etikett „Stagnation“ auf die Stirn geklebt.

Die anderen sagen: Stopp. Mehr Tablets bedeuten mehr Kontrolle, mehr Daten, mehr Ablenkung, mehr Vereinsamung. Sie befürchten, dass Lehrkräfte und Schüler überwacht werden, dass die Beziehung im Klassenzimmer verkümmert, dass das Individuum mit der Verantwortung allein gelassen wird.

Beide Positionen klingen unterschiedlich, sind in Wahrheit aber dasselbe: technikdeterministisch. Sie glauben, dass die Geräte selbst die Welt verändern. Mal zum Besseren, mal zum Schlechteren, aber immer durch die Technik. Was beide Lager unterschätzen, ist das Soziale dazwischen. Das, was passiert, wenn ein Mensch ein Gerät benutzt. Das, was die Forscherinnen rund um die Bildungswissenschaftlerin Kerstin Rabenstein in ihrer ethnografischen Studie sichtbar gemacht haben: ein paradoxer, kleinteiliger Alltag, in dem Technik weder die Heilsbringerin noch der Untergang ist, sondern schlicht ein zusätzlicher Mitspieler, um den sich dauerhaft jemand kümmern muss.

Jacques Tatis Dackel und der Schulhund

Es gibt eine Szene in einem alten französischen Film. Eine vollautomatisierte Villa. Das Gartentor öffnet sich, das Garagentor öffnet sich, alles funktioniert. Bis ein freilaufender Dackel die Lichtschranke vor der Garage mit dem Schwanz auslöst und das Ehepaar samt Auto in der Garage einsperrt.

Diese Szene erzählt mehr über Tablets im Klassenzimmer als die meisten Bildungspapiere. Denn jede Technologie hat ihren Dackel. Etwas, das niemand auf der Rechnung hatte und das in dem Moment, in dem es passiert, alles aufhält. Bei Whiteboards ist es der nicht synchronisierte TV. Bei Tablets ist es der leere Akku am falschen Tag. Bei Künstlicher Intelligenz im Klassenzimmer ist es die halluzinierte Antwort, die niemand mehr kontrollieren kann. Wer ein Tablet ernsthaft einsetzen will, muss sich auf den Dackel vorbereiten.

Vier Bemühungen, die der Alltag verlangt

In ihrer Studie haben die Forscherinnen vier wiederkehrende Muster gefunden, die den digitalen Schulalltag prägen. Es sind keine Versprechen. Es sind keine Katastrophen. Es sind Bemühungen. Kleinteilig, ständig, beiläufig.

Das erste Muster: Lehrkräfte sprechen sich für die digitalen Möglichkeiten aus und wägen gleichzeitig ständig ab, wo analog die bessere Option ist. Eine Mathematiklehrerin probiert GeoGebra im Geometrieunterricht und sagt im selben Satz: „Ich möchte, dass meine Schülerinnen auch mit Zirkel, Lineal und Geodreieck arbeiten können.“ Sie ist nicht gegen Tablets. Sie weiß nur, dass Hand und Stift etwas können, was der Touchscreen nicht ersetzt.

Das zweite Muster: Es braucht permanente Aufmerksamkeit dafür, dass die Geräte funktionieren. Apps müssen aktualisiert werden, Lehrkräfte müssen Updates verfolgen, im Teamworkshop wird ausgetauscht, welche Sprachlern-App jetzt welche neuen Module hat. Eine Lehrerin sagt im Interview: „Ich arbeite gefühlt 30 Prozent mehr als sonst.“ Nicht, weil mehr Schüler kommen. Sondern weil das Sich-Anfreunden mit den Medien Energie kostet, die früher in Stoff und Beziehung geflossen ist.

Das dritte Muster: Die Lehrkraft trägt ständig Sorge dafür, dass der Unterricht überhaupt stattfinden kann. Vertretungsstunde, die Aufgaben des kranken Kollegen sollen auf der Lernplattform liegen. Sie liegen nicht da. Niemand findet sie. Die Vertretungslehrkraft geht raus, sucht in der eigenen E-Mail, kommt zurück: „In einer Minute sind sie drin.“ Das Problem ist gelöst. Aber es brauchte Bearbeitung. In jeder Minute, die digitale Schule funktioniert, steckt ein Mensch, der sie zum Funktionieren bringt.

Das vierte Muster ist gesellschaftlich: Schule muss sich modernisieren, um als Institution glaubwürdig zu bleiben. Wenn 100 Jahre Schulgeschichte zeigen, wie viel sich verändert hat, muss auch unsere Generation einen Beitrag leisten. Digitalisierung ist auch ein Legitimationsversprechen nach außen.

Wer diese vier Muster sieht, versteht: Tablets im Klassenzimmer machen die Schule nicht automatisch besser oder schlechter. Sie machen sie anders mühsam.

Sketchnote: Lehrerin am Whiteboard mit beschwörender Handgeste, daneben ein Tablet, im Hintergrund kleine Symbole für Update, Akku und Wlan, alles in klaren Linien.

Eine Lösung sucht ihr Problem

Die ehrlichste Frage, die im digitalen Schulalltag selten gestellt wird, lautet: Welches Problem hatte ich eigentlich, das ich jetzt mit diesem Tablet löse? Sehr oft gibt es darauf keine gute Antwort. Das Tablet kommt zuerst, das Problem wird nachgereicht. Eine Schule kauft Endgeräte, weil Fördermittel ausgeschüttet werden. Eine Lehrkraft startet eine neue App, weil sie auf einer Fortbildung gesehen hat, dass es geht. Ein Elternteil drückt dem Kind ein Tablet in die Hand, weil andere Eltern es auch tun. In all diesen Fällen ist die Technik nicht die Antwort auf eine pädagogische Frage. Sie ist die Antwort auf einen sozialen Druck, modern zu wirken.

Das macht einen großen Unterschied. Eine Lösung ohne Problem braucht ständige Rechtfertigung, weil sie sich nicht von selbst rechtfertigt. Genau das beschreibt die Studie: Dass Lehrkräfte und Schüler einander permanent positiv versichern, dass die Geräte etwas bringen, weil sie schließlich da sind. Wer dagegen ein klares pädagogisches Problem benennen kann, das ein bestimmtes Werkzeug wirklich löst, braucht diese ständige Affirmation gar nicht. Die Lösung trägt sich selbst.

Bei vielen Tablet-Einsätzen ist die ehrliche Antwort schlicht: Es braucht keins. Ein gutes Heft, ein Stift, ein Buch, eine Tafel und eine Lehrkraft, die zuhören kann, reichen für sehr viele Bildungssituationen vollständig. Tablets gehören dort hin, wo sie etwas leisten, was anders nicht geht: spezifische adaptive Übungen mit unmittelbarem Feedback, die Simulation komplexer Vorgänge, Recherchen, die Tausende Bibliothekskilometer ersetzen, kollaborative Werkzeuge über Distanzen. Wo das Tablet nichts davon tut, sondern nur ein digitales Arbeitsblatt anzeigt, ist es eine teure Form von Papier.

„Such es doch im Internet“: Warum Nachgoogeln nichts vereinfacht

Ein zweites Beispiel aus der Studie. Eine Klasse soll einen Essay schreiben. Eine Schülerin fragt: „Was ist ein Essay?“ Die Lehrkraft sagt: „Such es doch im Internet.“ Sie tut es. Sie liest vor: vergleichende Essays, erklärende Essays, analytische Essays, argumentative Essays, problemorientierte Essays. Die Lehrkraft muss jetzt nicht mehr nur erklären, was ein Essay ist. Sie muss erklären, welche dieser Sorten gemeint war, warum die anderen vier hier nicht passen, und ob die Liste der Schülerin überhaupt brauchbar ist.

Das ist eine wunderbare Miniatur. Nachgooglen verkürzt die Unterrichtskommunikation nicht. Es verlängert sie. Aus einer kurzen Erklärung wird ein langes Gespräch über die Qualität verschiedener Quellen, über die Differenzierungen, die die Lehrkraft im Kopf hat und die das Schulbuch gar nicht ausweist. Genau dasselbe passiert, wenn Du einen Schüler oder Dich selbst auf Lernen mit KI verweist. Du bekommst keine Abkürzung. Du bekommst eine Tür, hinter der ein zusätzliches Gespräch wartet. Wenn Du das nicht weißt, fällst Du auf die Versprechung herein. Wenn Du es weißt, kannst Du das Gespräch nutzen.

Wusstest Du?

Im Forschungsprojekt waren die Forscherinnen ein Jahr lang an mindestens drei Tagen pro Woche in einer Lerngruppe vor Ort. Sie haben zehn Lehrkräfte, fünf Schülerinnen, die Schulleitung und den technischen Administrator interviewt, jenseits des Unterrichts durch die Schule begleitet und tausende von alltäglichen Mikromomenten dokumentiert. Erst diese Tiefe macht sichtbar, was an einer einzigen Hospitation immer unsichtbar bleibt: Die Mühe, die Technik im Klassenzimmer überhaupt funktionieren zu lassen.

Wenn die Praxis selbst den Glauben erzeugt

Die wichtigste These der Studie ist still und politisch zugleich. Unterricht mit digitalen Medien ist nicht von sich aus besser, lerneffektiver oder effizienter. Es entsteht aber im Tun selbst eine Erzählung darüber, dass er es sein müsste. Lehrkräfte und Schüler bescheinigen sich gegenseitig im Klassenraum positive Erfahrungen mit den Geräten. „Das geht jetzt schneller.“ „Das ist abwechslungsreicher.“ „Das ist motivierender.“ Diese Aussagen erzeugen die positive Grundhaltung gegenüber der Technologie, die in den Werbeprospekten steht. Sie kommen nicht aus den Geräten. Sie kommen aus den Menschen.

Das hat eine wichtige Konsequenz. Wenn Du Dich fragst, ob Tablets in Deiner Schule, in Deinem Studium, in Deinem Homeschooling-Setup wirklich helfen, kannst Du nicht einfach die Schülerinnen und Lehrer fragen. Sie sind Teil derselben Praxis, die den positiven Glauben miterzeugt. Du brauchst einen Blick von außen, eine ehrliche Frage: Was geht durch das Gerät schneller? Was geht durch das Gerät langsamer? Was würden wir ohne das Gerät anders machen, das uns guttäte?

Pädagogisches Handeln ist immer situativ

Die Forscherinnen formulieren am Ende ihrer Studie einen Satz, den ich aufschreiben und über jede Bildungs-Konferenz hängen würde: Pädagogisches Handeln ist keine Technologie. Wir wissen nie zu hundert Prozent, ob gelernt wird. Auch wenn eine Methode hundertmal funktioniert hat, kann sie beim hundertundeinten Mal scheitern. Pädagogik ist immer wieder neues, situatives Reagieren auf konkrete Menschen unter konkreten Bedingungen. Diese Unsicherheit ist nicht ein Bug, den wir wegoptimieren müssen. Sie ist das Wesen guter Pädagogik.

KI-gestütztes Feedback kann Dir Rechtschreibfehler markieren, Vokabelkenntnisse abfragen, mathematische Lösungswege prüfen. Es kann Dich aber nicht von der Aufgabe entlasten, jeden Schüler einzeln anzusehen, die Frage zu stellen: Wo hakt es bei Dir gerade? Was ist Dein nächster möglicher Schritt? Eine vorbereitete Lernumgebung mit echten Materialien, klaren Rahmen und vielfältigen Anreizen ist und bleibt mehr wert als das modernste Endgerät, das auf Knopfdruck personalisiert. Wer das nicht sieht, delegiert Bildung an eine Maschine, die das nicht leisten kann.

Wenn Du Dich für die Tiefe dieses Themas interessierst, lohnt sich ein Blick in den didaktischen Grundlagen-Leitfaden.

Was Du ab morgen anders machen kannst

Du bist Lehrkraft, Elternteil, Schüler oder Selbstlerner. Egal in welcher Rolle Du auf den digitalen Schulalltag schaust, gibt es einen Werkzeugkasten an Fragen, mit denen Du ehrlicher entscheidest, wo Technik hilft und wo sie nur Arbeit macht.

  1. Frage nach dem pädagogischen Problem. Ein Tablet ist eine Lösung. Welches Problem soll es lösen? Wenn Du das Problem nicht in einem Satz benennen kannst, brauchst Du keine neue App. Du brauchst Klarheit.
  2. Lass die Lehrkraft Zeit für den Dackel. Plane Pufferminuten ein für die kleinen technischen Pannen, die garantiert kommen. Wer sie nicht einplant, frisst sie aus dem Lernen heraus.
  3. Vergleiche bewusst. Mach eine Stunde mit Tablet und dieselbe Stunde mit Heft und Stift. Frag Dich danach: Was war besser, was war schlechter, was war einfach nur anders?
  4. Beobachte das Nachgooglen. Wenn Du oder Dein Kind etwas „mal eben“ sucht, schau, was danach passiert. Mehr Klarheit oder mehr Verwirrung? Mehr Tiefe oder mehr Tabs?
  5. Lerne den Modus, in dem Du KI wirklich brauchst. Ein gutes Format: „Bitte sei jetzt mein sokratischer Gesprächspartner. Du gibst keine Antworten, Du stellst Fragen, mit denen ich mich selbst auf die nächste Erkenntnis bringe.“ Das ist eine andere Welt als „Schreib mir den Aufsatz“.
  6. Lass auch mal alles aus. Eine Stunde komplett offline. Eine Woche ohne Lernplattform. Ein Wochenende ohne Tabletfilm. Wer den Aus-Knopf wieder findet, gewinnt seine pädagogische Freiheit zurück.
  7. Frag nach Beziehung statt nach Geräten. Die stärkste Wirkung in jedem Klassenzimmer ist nicht das Whiteboard. Sie ist der Blick, der die Schülerin meint. Den kann kein Gerät ersetzen.
  8. Spar Dir die nächste Pflicht-Fortbildung, die nichts ändert. Statt zu fragen, wie wir alle Lehrkräfte zu KI-Kursen schicken, ist die spannendere Frage: Wie schaffen wir Schulen, in denen die ohnehin neugierigen Lehrkräfte zur Norm werden?

Impuls für morgen

Wähle in Deiner nächsten Unterrichtseinheit, Deinem nächsten Lern-Nachmittag oder Deinem nächsten Meeting bewusst eine Aufgabe, bei der Du das digitale Gerät weglässt. Was passiert in dem Raum, der entsteht? Wer spricht jetzt? Wer schaut wen an? Was kostet Dich der Verzicht und was schenkt er Dir? Halte das Ergebnis kurz schriftlich fest. Du wirst sehen, dass die meisten Antworten in Deinem Körper landen, nicht auf einem Bildschirm.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die digitale Schule wird häufig in zwei Lagern diskutiert. Das eine sieht Technik als Heilsbringerin, das andere als Bedrohung. Beide überschätzen die Geräte und unterschätzen die Menschen.
  • Eine ethnografische Studie hat ein Jahr lang gezeigt, dass der digitale Schulalltag von vier wiederkehrenden Bemühungen geprägt ist: abwägen, am Laufen halten, Sorge tragen, modernisieren.
  • Sehr viele Tablet-Einsätze sind Lösungen ohne Problem. Wo kein pädagogisches Problem benannt werden kann, braucht es kein Gerät. Stift, Heft und Beziehung leisten in diesen Fällen mehr.
  • Tablets, Lernplattformen und KI machen den Unterricht nicht automatisch besser. Sie machen ihn anders mühsam. Die positive Erzählung entsteht erst im Tun, nicht durch das Gerät.
  • Nachgooglen und KI-Antworten verkürzen den Unterricht nicht. Sie öffnen zusätzliche Türen, hinter denen ein längeres Gespräch wartet.
  • Pädagogisches Handeln ist immer situativ. Diese Unsicherheit lässt sich nicht an eine Technologie delegieren.
  • Wer Technik sinnvoll einsetzen will, plant den Dackel mit ein, vergleicht analog und digital ehrlich und behält das Aus-Knöpfchen als pädagogische Freiheit.

Häufige Fragen

Brauche ich überhaupt Tablets im Unterricht?

Vermutlich seltener, als die Diskussion glauben macht. Sehr viele Bildungssituationen funktionieren ohne Tablet besser, weil Stift und Papier weniger ablenken, weil ein Gespräch zwischen Lehrkraft und Schüler dichter wird und weil Hand und Hirn beim Schreiben anders zusammenarbeiten als beim Tippen. Ein Tablet ist dann sinnvoll, wenn Du in einem Satz benennen kannst, was es leistet, das anders nicht geht: adaptive Übungen mit unmittelbarem Feedback, Simulationen, weltweite Recherche, kollaboratives Arbeiten über Distanzen. Wenn die Antwort lautet „eigentlich nichts Konkretes, aber alle haben jetzt eines“, ist die ehrliche Konsequenz: weglassen. Die Studien zum Smartphoneverbot an Schulen zeigen, wie viel ein bewusster Verzicht freisetzt.

Sind Tablets in der Grundschule sinnvoll?

In der Grundschule braucht aktives Lernen vor allem echte Bewegung, echtes Material, echte Beziehung. Über digitale Werkzeuge reflektieren, wie wir auch über andere komplexe Phänomene sprechen, ergibt früh Sinn. Aktive Nutzung im Alltag braucht es im Grundschulalter nicht. Sie kommt mit der Mittel- und Oberstufe ins Spiel, wenn Schüler reif genug sind, sich kritisch zu den Geräten zu verhalten. Eine vertiefte Position dazu findest Du in den Beiträgen zur vorbereiteten Umgebung.

Schadet KI dem Denken der Schüler?

So, wie sie aktuell von den meisten verwendet wird, eher ja. Wer sie als Ghostwriter benutzt, übt das Schreiben weniger und denkt weniger eigenständig. Wer sie als sokratischen Gesprächspartner benutzt, übt mehr und denkt eigenständiger. Der Unterschied liegt im Modus, nicht im Werkzeug. Eine ausführlichere Diskussion findest Du im Beitrag zum konstruktiven Einsatz von KI im Unterricht.

Wäre es besser, ganz auf digitale Geräte zu verzichten?

Für einzelne Phasen, einzelne Fächer, einzelne Wochen: absolut. Das ist eine legitime, oft befreiende Option. Ein Klassenzimmer ohne Bildschirm zwingt zu Kontakt. Eine Familie ohne Tablet-Abend zwingt zu Gespräch. Wer den Aus-Knopf nutzen kann, gewinnt Spielraum. Auf Dauer und komplett wäre der Verzicht für eine Schule der Gegenwart unrealistisch und bildungspolitisch isoliert. Die ehrlichste Antwort lautet: bewusst dosieren, bewusst pausieren, bewusst auswählen.

Hilft mehr Lehrer-Fortbildung gegen die Mehrarbeit?

Fortbildung allein löst das Problem nicht. Die Mehrarbeit entsteht aus dem Wesen der Technik selbst und aus einem Schulsystem, das ständige Modernisierung verlangt. Hilfreicher ist ein systemischer Blick: Wie viele Apps darf eine Schule gleichzeitig pflegen? Wer trägt die Sorge für die Geräte? Wie viel Pufferzeit gibt es für den Dackel im Stundenplan? Erst wenn das geklärt ist, lohnt sich die nächste Fortbildung. Wer sich grundsätzlich für Schulen interessiert, die das System anders denken, findet eine Übersicht im Artikel Bildung der Zukunft.

Was bringt es mir als Selbstlerner, das alles zu wissen?

Sehr viel. Wenn Du eine Lern-App, eine KI oder ein Online-Programm einsetzt, gerätst Du in dieselben vier Bemühungen wie eine Lehrkraft im Klassenzimmer: Du wägst ab, hältst die Technik am Laufen, sorgst für Anschluss und legitimierst Deinen eigenen Aufwand vor Dir selbst. Wer das durchschaut, kann ehrlich entscheiden, ob die App tatsächlich hilft oder nur das Gefühl erzeugt, etwas zu tun. Der Lernen-lernen-Leitfaden hilft Dir, diese Frage strukturiert zu beantworten.

Glossar

  • Ethnografische Forschung: Wissenschaftliche Methode, bei der Forscherinnen über lange Zeit im Feld dabei sind, beobachten und mit den Menschen reden, statt nur Fragebögen auszuwerten. Vorteil: Sie sieht das, was die Akteure selbst übersehen.
  • Praxistheoretische Perspektive: Forschungsansatz, der nicht einzelne Individuen oder Geräte betrachtet, sondern das, was im Zusammenspiel zwischen Menschen und Dingen tatsächlich getan wird. Tablet allein ist nichts, Lehrkraft allein ist nichts, beides im Klassenzimmer ist eine Praxis.
  • Technikdeterminismus: Annahme, dass eine Technologie die Welt mehr oder weniger zwangsläufig in eine bestimmte Richtung verändert. Sowohl Tech-Optimisten als auch Tech-Pessimisten teilen diese Annahme. Die ethnografische Studie widerlegt sie für den Schulalltag.
  • Sorge tragen: Begriff aus der Studie für die ständige beiläufige Arbeit, die Lehrkräfte leisten, damit die digitalen Werkzeuge funktionieren, Aufgaben ankommen, der Unterricht weitergeht. Ohne diese unsichtbare Mehrarbeit gäbe es keinen digitalen Unterricht.
  • Vorbereitete Umgebung: Pädagogisches Konzept (Montessori, Pikler), das den Lernraum als sorgfältig gestaltete Bühne versteht, in der vielfältige Materialien, klare Rahmen und eine durchdachte Anordnung Lernlust ermöglichen.

Quelle

  • Proske, M., & Rabenstein, K. (2026). Unterricht über Unterricht hinaus erforschen. Zu einer Methodologie der Relationierung im Kontext digital mediatisierten Unterrichts. In: Schule und Unterricht theoretisch refokussiert. Reflexionen theoretischer Konzepte und empirischer Realitäten. Klinkhardt. https://doi.org/10.35468/6216-04
  • Macgilchrist, F., Allert, H., & Bruch, A. (2020). Students and society in the 2020s. Three future ‚histories‘ of education and technology. Learning, Media and Technology, 45(1), 76-89. https://doi.org/10.1080/17439884.2019.1656235
  • Postman, N. (1988). Wir amüsieren uns zu Tode: Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie (R. Kaiser, Übers.). S. Fischer. (Originalwerk publiziert 1985)

Autor: Marian Zefferer, MSc.

Psychologe, Papa, NLP-Lehrtrainer & Autor von Bildungsimpuls.com. Dort lebe ich meine Vision, einen Beitrag für unser marodes Bildungssystem zu liefern, damit Lernen wieder geil wird und Bildung als das gesehen wird, was es ist: das geistige Gold der Gesellschaft.


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